Die Haltungs- und Bewegungsstrategie einer Person sowie ihre nicht-optimalen Gewohnheiten, die zu ihrer muskuloskelettalen Dysfunktion beitragen, hängen immer mit vielfältigen Faktoren zusammen wie (aber nicht beschränkt auf) ihrer Krankheitsgeschichte, der Art Ihrer Beschäftigung, Ihrem Aktivi-tätsniveau, Ihren Ruhezeiten, Erholungsphasen, Ihrem Sport (oder dessen Fehlen), Ihrer Ernährung und genetischen Veranlagung. Ebenso werden sie durch vielfältige psychosoziale Faktoren beeinflusst wie Emotionen, Motivation, Zielsetzung, Überzeugungen und dem Vorhandensein oder Fehlen eines unterstützenden Systems. Es würde den Rahmen dieses Buches sprengen, umfassend zu ermitteln, was letztlich der Auslöser für die Probleme einer Person ist, körperlich, physiologisch oder psychisch, oder was bei manchen Menschen verhindert, dass sie ihre persönlichen Ziele hinsichtlich ihrer Gesundheit oder Fitness erreichen, um dann zu bestimmen, mit welcher Art von Therapeut sie am besten arbeiten sollten.
Dieses Buch verfolgt drei Ziele:
1.Es soll Ihnen helfen, die funktionelle Anatomie des M. psoas und dessen Verbindung mit Haltung und Bewegung zu entdecken sowie wahrzunehmen.
2.Es soll Ihnen helfen, die häufigen Anzeichen zu erkennen und zu besprechen, die mit einem nicht-optimalen Einsatz des M. psoas bei Haltung und Bewegung verbunden sind.
3.Es soll ein korrektives und fortschreitendes Übungsprogramm entwickelt werden, das sich auf das Muskelsystem stützt und die drei Schlüsselprinzipien einbindet, die mit der Entwicklung und dem Erhalt einer optimalen Haltung und Bewegung verbunden sind.
Wenn Sie beruflich auf dem Gesundheits- oder Fitness-Sektor tätig sind, werden Sie in diesem Buch wahrscheinlich etwas entdecken – hoffentlich sogar mehrere Dinge –mit denen Sie Ihren Klienten oder Patienten dabei helfen können, ein positives Ergebnis zu erzielen. Durch das Verständnis und die Anwendung der Begriffe und Prinzipien, die im vorliegenden Buch besprochen werden sowie durch deren Einbindung in Ihren aktuellen Behandlungsansatz, mit dem Sie bereits Erfolg hatten, werden Sie zweifellos vielen Personen dabei helfen können, eine optimalere Haltungs- und Bewegungsstrategie zu entwickeln, sodass diese ihre Gesundheits- und Fitnessziele erreichen können.
Falls Ihnen persönlich gesagt wurde oder Sie vermuten, dass Sie ein Problem mit dem Psoas-Muskel haben und Sie dieses Buch entweder geschenkt bekommen oder sich selbst in der Hoffnung gekauft haben, darin Hilfe zu finden, sollte Ihnen klar sein, dass die darin enthaltenen Informationen zumindest Grundkenntnisse der Anatomie und der Übungen voraussetzen. Versuchen Sie keine der Übungen, ohne vorherige Absprache mit Ihrem Gesundheitsberater, damit Sie wissen, dass die Information für Ihre persönliche Situation auch geeignet und anwendbar ist. Ich hoffe, dass dieses Buch Sie auf dem Weg zur Erreichung Ihrer persönlichen Gesundheits- und Fitnessziele unterstützen wird.
Packen wir es an …
»Ich habe nie zugelassen, dass meine Ausbildung schwerer wiegt als meine Erfahrung.«
Mark Twain (zugeschrieben)
Ich erinnere mich noch so genau daran, als sei es gestern gewesen. Vor etwa 18 Jahren, zu Beginn meines ersten oder zweiten Praxisjahres, arbeitete ich mit einer beachtlichen Anzahl von Chicagos Profi-Tänzern im Rahmen meines ersten Jobs nach Abschluss der Chiropraktikerschule – mit Mitgliedern von Hubbard Street Dance Chicago, der Joffrey Ballet Company und mehreren kleineren professionellen Tanzensembles. Eine Voraussetzung für einen eindringlichen und schönen Tanz ist der volle – und häufig auch übermäßige – Bewegungsumfang in der Hüftstreckung, um typische Positionen wie die Arabesque und das Grand battement ausführen zu können. Wenn ich die Tänzer, die zu mir kamen, fragte, auf welchen Bereich ich mich während der Behandlungssitzung konzentrieren sollte, waren die Hüftbeuger übereinstimmend der häufigste Bereich, in dem sie über Verhärtungen klagten und mehr Flexibilität brauchten.
In der Ausbildung hatte ich etwas über das untere gekreuzte Syndrom gelernt – eine Haltung, die durch eine übermäßige Kippung des Beckens nach vorne und eine erhöhte Lumballordose gekennzeichnet ist. Auf diesen Begriff wurde in praktisch jedem Artikel eingegangen, den ich über Schmerzen im unteren Rücken las sowie in Fortbildungen, an denen ich teilnahm. Ich führte die Befunderhebungen so durch, wie ich sie in der Ausbildung und in den verschiedenen Fortbildungen gelernt hatte, dabei stellte ich bei jedem Tänzer eine Kippung des Beckens nach vorne und eine Hyperlordose fest.
Ich war überzeugt davon, für die Hüftprobleme dieser Tänzer eine Lösung zu haben: eine Dehnung der Hüftbeuger (insbesondere des M. psoas, denn dies war, wie ich gelernt hatte, der Muskel, der am häufigsten für eine Verhärtung im vorderen Hüftbereich verantwortlich ist) und eine Kräftigung der Gesäßmuskeln. Schließlich hatte ich gelernt, dies sei »die Patentlösung« für das untere gekreuzte Syndrom und für die häufigsten Ursachen von Schmerzen im unteren Rücken. Wenn ich den Thomas-Handgriff durchführte ( siehe Anhang I: Untersuchung des M. psoas), bekam ich jedoch häufig gemischte Informationen. Beim Thomas-Handgriff würde man erwarten, einen verkürzten M. psoas zu finden, wenn die Person eine Kippung des Beckens nach vorne und eine Hyperlordose in der Lendenwirbelsäule aufweist. Das entsprach jedoch nicht meinen Befunden: Im Gegensatz zu dem, was ich gelernt hatte, wies beinahe jeder Tänzer, den ich untersuchte, einen verlängerten M. psoas auf.
Da ich noch zu wenig klinische Erfahrung hatte, auf die ich mich stützen konnte, und viel zu großes Vertrauen in meine Untersuchung der Haltung und die Selbsteinschätzung der Tänzer, die ihre Hüftbeuger als »wirklich fest« empfanden, nahm ich an, ich würde etwas übersehen und ließ sie weiterhin den Psoas-Muskel und die anderen Hüftbeuger dehnen. Zusätzlich ließ ich sie Übungen für den M. gluteus maximus zur Kräftigung der »schwachen« und »inhibierten« Antagonisten des M. psoas durchführen. Soweit ich es zur damaligen Zeit beurteilen konnte, hatte ich mit diesem Vorgehen gemischte Erfolge. Einige Tänzer fühlten sich anschließend großartig und wollten diese Behandlung fortsetzen, andere jedoch berichteten über vermehrte Verhärtungen im hinteren Hüftbereich und im unteren Rücken. Ich schrieb dies der Tatsache zu, dass wir die Muskeln wahrscheinlich nicht ausreichend gedehnt oder gekräftigt hatten und dass sie wohl noch ein oder zwei weitere Behandlungen brauchten.
Leider wandte ich diese Strategie eines Tages bei einer Tänzerin mit chronischen Verhärtungen in der Hüfte und Missempfindungen im unteren Rücken an, worauf sie nach der Behandlung vermehrte Beschwerden im unteren Rücken hatte. Sie konnte an diesem Abend nicht auf die Bühne, und es dauerte Wochen, bis sie nach der Behandlung wieder tanzen konnte. Überflüssig zu sagen, dass sie in der Folge kein großes Vertrauen in meine Dienste hatte. In meiner Privatpraxis begannen mehr und mehr Patienten, ähnliche Geschichten zu berichten. Ich erinnere mich etwa in dieser Zeit an die Fälle von zwei Patienten, die das Gefühl hatten, nach der Behandlung, bei der ich ihren M. psoas gedehnt hatte und sie die Bauch- und Gesäßmuskeln kräftigen ließ, ihr Rücken sei »ausgerenkt«. Bei all dem, was ich gelernt hatte, hätte so etwas nach dem altbewährten Behandlungsprotokoll nicht geschehen dürfen.
Wenn ich heute zurückblicke, ist mir klar, wo das Problem lag: Ich sah nur das, was ich zu sehen gelernt hatte. Wie Ralph Waldo Emerson einmal sagte: »Die Menschen sehen nur das, worauf sie vorbereitet sind.« Heute kann ich im Rückblick erkennen, dass ich gar keine Kippung des Beckens nach vorne und keine lumbale Hyperlordose gesehen hatte – das also, wonach zu suchen ich gelernt hatte und weswegen ich es zu sehen meinte. (Anmerkung: In diesem Buch werde ich besprechen, was ich bei diesen Tänzern und vielen meiner Patienten tatsächlich gesehen habe und warum so viele Personen mit Beschwerden zu uns kommen, die sich deutlich von dem unterscheiden, was wir einmal gelernt haben.)
Читать дальше