Hier wird alles Mögliche angeboten:
Werkzeug, Möbel, Obst und Gemüse.
Auch Hühner, Schafe und Kühe.
Die Leute bleiben stehen und plaudern.
Sie lachen und rufen.
Romeo schaut den Menschen auf dem Markt gerne zu.
Vor allem den Dienstmädchen, die Gemüse und Fisch einkaufen.
Es ist ein heißer Tag.
Bei dieser Hitze fällt das Arbeiten schwer.
Auf den Feldern schwitzen die Bauern.
In der Stadt stellen sich die Marktleute ab und zu in den Schatten.
Romeo macht die brennende Sonne nichts aus.
Er muss nicht arbeiten wie die anderen.
Denn Romeos Familie ist reich.
Und reiche Menschen brauchen nicht zu arbeiten.
Sie tun den ganzen Tag das, wozu sie Lust haben.
Romeo setzt sich an den Brunnen.
Dort ist es schön kühl.
Das Wasser spritzt und macht sein Gesicht nass.
Zwei Dienstmädchen lächeln ihm zu.
Sie schöpfen Wasser aus dem Brunnen.
Mit gefüllten Eimern machen sie sich auf den Heimweg.
Romeo ist letzte Woche 18 Jahre alt geworden.
Dieser Geburtstag ist ein wichtiges Datum.
Mit 18 ist man erwachsen.
Seinen Geburtstag hat Romeo jedoch nicht gefeiert.
Es gab kein Fest und keine Geschenke.
Denn in Verona feiert man keine Geburtstage.
Dafür gibt es andere Feste in der Stadt.
Und zwar ziemlich oft.
Romeo geht am Fluss entlang.
Am Ufer liegen viele Boote. Die meisten gehören den Bauern aus der Umgebung.
Sie bringen morgens ihr Gemüse zum Markt.
Oder ihre Hühner.
Und abends fahren sie mit dem Boot wieder zurück.
Gerade gleitet ein großes Boot den Fluss hinunter.
Darin sitzen ein paar Mädchen und unterhalten sich.
An den Kleidern sieht Romeo, dass sie reich sind.
Heute ist ein schöner Tag für eine Bootsfahrt.
Auf dem Wasser ist es angenehmer als an Land.
Es ist nicht so staubig und nicht so heiß.
Romeo wandert immer am Fluss entlang.
Schließlich erreicht er den Stadtrand.
Aber er geht weiter.
Jetzt fließt der Fluss durch einen Wald.
Die Äste der Bäume ragen ins Wasser.
Romeo kommt gerne hierher.
Vor allem, wenn es so warm ist wie heute.
Am Ufer sitzt sein Freund Mercutio.
Romeo lacht, als er Mercutio sieht.
Mercutio hat die Schuhe ausgezogen.
Seine Füße baumeln im Wasser.
„Was tust du hier am Wasser?“, fragt Romeo.
Mercutio dreht sich um.
Dann erkennt er seinen Freund Romeo und grinst.
„Guten Morgen, mein Freund!“, begrüßt er ihn.
„Das geht doch nicht“, meint Romeo.
Er zeigt auf Mercutios nackte Füße.
„Das machen doch nur Bauern“, sagt er.
„Es ist angenehm kühl“, antwortet Mercutio.
Romeo setzt sich neben Mercutio.
„Früher sprangen wir einfach in den Fluss“, schwärmt Romeo.
„Ohne Kleider. Erinnerst du dich?“
Mercutio nickt.
„Damals waren wir Kinder“, sagt Mercutio.
„Da durfte man das. Jetzt geht das nicht mehr.“
Romeo schüttelt den Kopf.
„Ja, das ist wirklich schade.“
Er lässt sich rückwärts ins Gras fallen.
Im Schatten der Bäume ist es herrlich.
Romeo schaut nach oben.
Er versucht, durch die Blätter den Himmel zu sehen.
Doch er sieht keinen Himmel.
Dafür sieht er etwas anderes.
Über ihm in dem Baum sitzt ein Mädchen.
Ein wunderschönes Mädchen mit blondem Haar.
Sie schaut erschrocken nach unten.
Dann legt sie einen Finger auf die roten Lippen.
Zum Zeichen, dass Romeo nichts sagen soll.
Romeo sagt nichts.
Aber er starrt weiter nach oben.
Das Mädchen wird verlegen.
Sie gibt ihm wieder ein Zeichen mit der Hand.
Diesmal soll das heißen: Geh weg!
Romeo schüttelt den Kopf.
Auf der Suche nach einer Frau
Auf dem Weg zurück in die Stadt ist Romeo still.
Er muss die ganze Zeit an das Mädchen denken.
Das Mädchen oben im Baum.
Ein solch schönes Mädchen hat er noch nie gesehen.
Aber es war kein reiches Mädchen.
Das sah Romeo an den Kleidern.
Sie trug die Kleider eines Dienstmädchens.
„Romeo, bist du taub?“, fragt ihn Mercutio.
Er gibt seinem Freund einen Schubs.
„Ich rede die ganze Zeit mit dir, aber du sagst ja gar nichts.“
„Tut mir leid“, murmelt Romeo.
„Was hast du gesagt?“
„Ob du mit auf den Ball
bei den Orsinis gehst“, antwortet Mercutio.
„Man sagt, Rosalinde kommt auch.“
Mercutio weiß, dass Romeo in Rosalinde verliebt ist.
„Oh“, meint Romeo. „Sie kommt auch? Schön.
Mein Vater will sicher, dass ich hingehe.
Er ist der Ansicht, ich müsse mir eine Frau suchen.
Ich habe ihm gesagt, dass mir Rosalinde gefällt.
Aber für Rosalinde bin ich Luft.
Jetzt muss ich eine andere finden.
Sonst sucht mein Vater eine Frau für mich.“
Mercutio nickt.
Es ist die normalste Sache der Welt:
Väter suchen eine Ehefrau für ihre Söhne.
Romeo stammt aus einer reichen Familie.
Seine Frau muss auch aus einer reichen Familie kommen.
Das Mädchen im Baum könnte er niemals heiraten.
Und das weiß Romeo.
Julia rennt durch den Wald.
Mit den langen Röcken ist das nicht einfach.
Ihr ist furchtbar heiß.
Aber sie muss rechtzeitig zu Hause sein.
Darum beeilt sie sich.
Wie hat sie nur so dumm sein können!
Sie wollte so gerne einmal allein weg.
Reiche Mädchen dürfen das nicht.
Es muss immer eine Anstandsdame dabei sein.
Also dachte Julia: Ich ziehe einfach die Kleider meiner Amme an.
Dann kann ich ohne Begleitung in den Wald.
Und ich nehme einen Korb mit.
Ich tue so, als würde ich Erdbeeren suchen.
Für ein Dienstmädchen ist das nichts Ungewöhnliches.
Im Wald fühlte sich Julia wohl.
Sie beobachtete viele schöne Vögel.
Im Fluss schwamm ein Otter.
Und war das ein Fuchs, der vor ihr weglief?
Ganz sicher war sie sich nicht.
Plötzlich sah sie Mercutio.
Er stieß mit seinem Fuß kleine Steine weg.
Julia kannte ihn.
Sie hatte Angst: Wenn er mich nun erkennt?
Rasch versteckte sie sich hinter einem Baum.
Sie hoffte, Mercutio würde einfach weitergehen.
Aber Mercutio gefiel es hier, genau wie ihr.
Er zog die Schuhe aus und steckte die Füße ins Wasser.
Julia musste heimlich lachen.
Das machten doch nur kleine Kinder!
Und dann passierte etwas.
Langsam näherte sich ihr ein Wildschwein.
Das Schwein bemerkte sie nicht. Zum Glück.
Aber es kam ihr ganz nahe.
Julia wusste, dass Wildschweine gefährlich sein können.
Doch weglaufen hatte keinen Sinn.
Das Wildschwein würde ihr sofort nachrennen.
Also war sie schnell auf den Baum geklettert.
Vorsichtig schlüpft Julia durch das Gartentor.
Keiner darf sie sehen.
Weder der Gärtner noch die Stalljungen.
Julia hat Glück.
Es ist so heiß, dass sich niemand im Garten aufhält.
Nur der Priester sieht, wie Julia durch den Garten schleicht. Verkleidet als ihre Amme.
Er muss darüber lächeln.
Leise öffnet Julia die Haustür.
Es ist eine schwere Tür mit einem eisernen Ring.
Meistens quietscht sie, aber jetzt nicht.
Das kommt sicher von der Hitze.
Julia ist erleichtert.
Sie schleicht an der Küche vorbei.
Zwei Küchenmädchen helfen dem Koch.
Sie schauen nicht auf.
Rasch geht Julia den Gang entlang.
Die breite Treppe hinauf.
Dann verschwindet sie in ihrem Zimmer.
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