Jeder unglückliche Bauch ist auf seine eigene Weise unglücklich
Vor etwa 150 Jahren begann der russische Schriftsteller Leo Tolstoi seinen berühmten Roman Anna Karenina mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Ich denke, dasselbe gilt auch für Bäuche: Alle glücklichen Bäuche gleichen einander, jeder unglückliche Bauch ist auf seine eigene Weise unglücklich. Was ich damit sagen will ist, dass Menschen mit einem glücklichen Bauch ein Verdauungssystem haben, das genauso funktioniert, wie es funktionieren sollte. Ihr Magen schüttet die richtige Menge Magensäure aus, um den Verdauungsprozess wirksam in Gang zu setzen. Der Muskel, der sich zwischen Speiseröhre (Ösophagus) und Mageneingang befindet, verhindert, dass die Säure oder sonstiger Mageninhalt in die Speiseröhre zurückfließt, damit es nicht zu einem sogenannten Reflux kommt. Die Nerven, die für die Muskeln von Magen und Bauchwand zuständig sind, steuern diese Muskeln so, dass sie sich nach einer Mahlzeit genau im richtigen Ausmaß dehnen. Die Schrittmacherzellen, die für die Magenentleerung zuständig sind, sorgen dafür, dass der Speisebrei in normaler Geschwindigkeit in den Darm übertritt. Magen und Dünndarm verfügen über genügend Enzyme, um die Nahrung wirksam in resorbierbare Nährstoffe aufzuspalten. Im Dünndarm ist die richtige Menge an Darmbakterien angesiedelt, um die Nährstoffe aus der Nahrung vollständig aufzunehmen. Im Dickdarm (dem Kolon) werden die unverdauten Ballast- und Abfallstoffe durch die Peristaltik (Darmbewegung) mit normaler Geschwindigkeit weitertransportiert und führen zu Stuhlgewohnheiten, die so vorhersagbar sind wie ein Schweizer Zugfahrplan.
Doch dann gibt es da noch all die anderen.
Menschen mit einem unglücklichen Bauch haben ein Verdauungssystem, das in all diesen Beziehungen und Abläufen beliebig oft aus dem Rahmen fällt. Blähbeschwerden können die Folge einer Störung bei einem oder mehreren Schritten des Verdauungsprozesses sein. Man muss einfach die jeweilige zugrunde liegende Ursache herausfinden, damit wirksame Ernährungsmaßnahmen ergriffen und – wenn nötig – medizinische Mittel eingesetzt werden können. Schließlich kann jeder Blähbauch auf seine ganz eigene Weise gebläht sein.
Wenn Sie einen Hufschlag hören, denken Sie an Pferde, nicht an Zebras: Seltenes ist selten, Häufiges ist häufig
Die meisten meiner Patienten mit Blähbeschwerden haben schon anderswo nach Lösungen gesucht, bevor sie in meiner Praxis landeten. Sie sind bei mindestens einem Arzt gewesen – und oft haben sie mehrere Ärzte aufgesucht. Sie haben das Internet zu Rate gezogen und manchmal sogar zahlreiche alternativ arbeitende Mediziner und Therapeuten. Oft haben sie schon viele Untersuchungen hinter sich: Koloskopie, Endoskopie, Blutuntersuchungen, Stuhluntersuchungen und Ultraschall. (Alle ohne Befund.) Manchmal haben sie es auch mit einer Reihe von Medikamenten und Nahrungsergänzungen versucht, haben sich glutenfrei ernährt und Hunderte von Dollar für Tests auf „Nahrungsmittelempfindlichkeit“ ausgegeben, alles ohne Erfolg. Da es keine Diagnose und keine Lösung gibt, obwohl meine Patienten das Gefühl haben, es werde umfassend gesucht, hinterlässt das bei ihnen den Eindruck, was immer auch ihre Probleme verursacht, es müsse ziemlich selten, exotisch und schwerwiegend sein.
Dabei leiden in Wahrheit fast alle meine Patienten mit Blähbeschwerden an einer von nur zehn ziemlich häufigen und leicht zu diagnostizierenden gesundheitlichen Problemen. Wenn Ihr Arzt oder Therapeut weiß, wonach er suchen muss, bedarf es lediglich einer sehr ausführlichen Nahrungsmittel- und Symptomenanamnese, um die Möglichkeiten auf eine oder zwei Ursachen einzugrenzen. Dann fehlt Ihnen vielleicht nur noch eine Blutuntersuchung, ein Atemtest, ein Motilitätstest (zur Feststellung der Peristaltik, der Darmbewegung) oder der Versuch, die Ernährung umzustellen, um das Ergebnis zu bekommen, nach dem Sie gesucht haben.
Es gibt zwar viele eher seltenere Krankheiten, die Blähbeschwerden verursachen – eben solche, die wir als „Zebras“ bezeichnen –, doch um diese geht es in diesem Buch nicht. Daher sind Bücher wie meines nicht als Ersatz für den individuellen medizinischen Rat von einem gut qualifizierten Arzt gedacht. Manche sehr schwerwiegende Krankheiten – etwa Eierstockkrebs – können sich zuerst als aufgedunsener Bauch wie bei einer Schwangerschaft zeigen – in diesem Fall ist er mit Bauchwasser gefüllt. Fühlt sich etwas nicht ganz richtig an, suchen Sie bitte einen Arzt auf, um eine ernsthafte Ursache ausschließen zu lassen.
Doch es bestehen immer noch hervorragende Chancen, dass die medizinische Erklärung für Ihren Blähbauch – und die Auswahl an Behandlungsmöglichkeiten – irgendwo in diesem Buch angesprochen werden. Sie werden verstehen, was ich meine, wenn Sie bei dem Absatz angelangt sind, der Ihre einschlägigen Erfahrungen genau beschreibt und Sie das Gefühl haben, dass ich Sie ganz persönlich anspreche.
In diesem Buch werden die zehn häufigsten medizinischen Ursachen von Blähbeschwerden beschrieben, mit denen ich es in meiner Praxis zu tun habe – also eher die häufigsten, die „Pferde“, als die seltenen, die „Zebras“. Kapitel 2hilft Ihnen beim Umgang mit diesem Buch, denn es führt Sie in die Anatomie Ihres Verdauungstraktes ein, vermittelt Ihnen einige Fachbegriffe und ermöglicht es Ihnen, durch einen kurzen Test festzustellen, mit welchen Kapiteln in Teil 2 und 3 Sie beginnen sollten. Diese Kapitel sind inhaltlich nach der Entstehung Ihrer Blähbeschwerden angeordnet – vom Magen oder vom Darm aus –, wobei jede Art sehr detailliert beschrieben und die jeweilige medizinische Ursache angegeben wird. Dazu gehören:
■eine detaillierte Beschreibung des mit der jeweiligen Art verbundenen Blähgefühls sowie anderer Symptome, die normalerweise damit einhergehen;
■eine Erklärung der jeweils zugrunde liegenden Ursache;
■eine Besprechung der verschiedenen Tests, die der Arzt zur Diagnose der Ursache heranziehen könnte;
■ein Überblick über die für die jeweilige Art üblichen medizinischen Behandlungsmethoden;
■ein Überblick über die jeweils wirksamen diätetischen Möglichkeiten und
■Fallgeschichten von Patienten, die bei mir waren und unter der jeweiligen Art von Blähbeschwerden litten, sowie Einzelheiten darüber, wie sie diagnostiziert und dann durch die Ernährung, durch Medikamente und/oder Veränderungen der Lebensweise behandelt wurden.
Der vierte Teil befasst sich eingehender mit den Besonderheiten der verschiedenen therapeutischen Ernährungsweisen, die ich für die jeweilige Art der Blähbeschwerden empfehle; er enthält konkrete Nahrungsmittellisten und Essensvorschläge. Dabei liegt mein Augenmerk nicht so sehr auf dem, was Sie nicht essen, sondern vielmehr darauf, was Sie essen können. Deshalb habe ich mich mit der erstklassigen Rezepte-Entwicklerin Kristine Kidd zusammengetan, die für dieses Buch 50 fantastische Rezepte kreiert hat; sie alle sind auf die für jede therapeutische Ernährungsweise erforderlichen Vorgaben zugeschnitten. Kristine hat 20 Jahre als Redakteurin bei der Zeitschrift Bon Appétit gearbeitet, und Einschränkungen bei der Ernährung sind ihr nicht fremd; sie selbst leidet unter Zöliakie und ist allergisch auf Knoblauch. Doch wenn das Leben einer echten Feinschmeckerin ein paar Ernährungseinschränkungen beschert, dann rockt sie die Küche und sorgt für Abhilfe in köstlicher Form. Mit anderen Worten, denken Sie auch nicht nur einen einzigen Augenblick daran, dass Sie sich nun für den Rest Ihres Lebens von langweiligem Hühnchen und weißem Reis ernähren müssen, nur um Ihre Blähbeschwerden im Zaum zu halten!
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