PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.
CANDAULES ( beugt sich vor, sich ereifernd ): Das ist das Schlimm're! Was? Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. – Die Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust drückend … Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm! ( Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig. ) Wenn Gyges kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. ( Man gießt ihm ein. – Er nähert sich Phedros. ) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du – ein Geheimnis …
(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird. Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)
CANDAULES ( zu Phedros ): Und dann – was liegt mir, mir am Glück? Nicht wahr, 's ist nur des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? Und Deine Weisheit, unterschreibt sie, was ich nur Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man besitzt, es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu probieren, es zu wagen … Und Besitzen, das ist für mich Versuchen, Wagen. ( Er schlägt mit seinem Becher auf den Tisch und hört auf den Ton. ) Warum sagst Du nichts, Phedros? Hast Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück denn in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als Du Philosoph, um zu verstehen, daß, nur wo das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! Für mehr Glück und mehr Leben verbraucht sich der Mensch, wenn er arm ist, im Verlangen – das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts verlangen, nein: Arbeiten für das, was man verlangt. Und wenn man es hat, es wagen. Verstehst Du. Das Glück auf's Spiel setzen – das ist die andere Art, die Art der Reichen. Das ist die meine. Ich bin so reich, Phedros, und des Lebens so voll …
SIMMIAS: Wäre Dein Glück eine Freundschaft, Du sprächst nicht davon, mit diesem Glück zu spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist es, was Dir fehlt.
CANDAULES: Du hast recht. Um wieviel Schätze, schöner Simmias, kaufte ich nicht die Deine!
DER KOCH ( kommt mit Gyges, von links. )
DER KOCH: König, hier ist der Fischer.
CANDAULES ( von der rechten Seite des Tisches, wo er sich niedergelassen ): Also Du bist Gyges?
GYGES: Ja, ich bin Gyges, König Candaules.
CANDAULES: Gyges, der Fischer.
GYGES: Ja, Gyges der Fischer.
CANDAULES: Gyges, der Arme.
GYGES: Gyges, der Arme, König Candaules.
ARCHELAOS: Er ist nicht sehr gesprächig.
SEBAS: Das hat er von den Fischen.
CANDAULES: Laß, Sebas, – Komm näher, Gyges. Warum bist Du nicht beim Gelage in den Küchen?
GYGES ( antwortet nicht ).
CANDAULES: Man reiche ihm einen Becher. Trinkst Du manchmal Wein?
GYGES: Sozusagen nie.
CANDAULES: Trink! ( Er sieht einen Sklaven gewöhnlichen Wein eingießen. ) Nein! Nicht von dem! Bessern.
PHARNACES: He! Das schmeckt, Gyges!
CANDAULES: Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß Du so unglücklich bist, Gyges?
GYGES: Nein, nicht unglücklich – elend.
CANDAULES: Bist Du sehr arm?
GYGES: Ich habe, was ich brauche.
SYPHAX: Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.
CANDAULES: Was hast Du denn?
GYGES: Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein Weib kam aus Deinen Küchen, König, und hatte sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. Sie brachte Feuer an's Stroh und, ich weiß nicht wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt – Alles brannte nieder.
CANDAULES: Hattest Du sonst nichts, Gyges?
GYGES: Meine Netze – sie verbrannten in der Hütte.
CANDAULES: Wie kann auf dieser selben Erde, neben einem Glück wie dem meinen, wie kann ein solches Elend sein?… Ich will Dein Weib sehen armer Gyges.
ARCHELAOS: Und ich auch.
GYGES: Sie sehen? – Leicht, Candaules, sie ist nicht weit. Ich wollte sie nicht allein lassen, denn sie ist betrunken, so nahm ich sie mit mir. ( Gyges ab. )
SEBAS ( stößt Archelaos mit dem Ellenbogen, leise ): Archelaos, das gibt zu lachen! S' ist die ! Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.
ARCHELAOS: Ich bin gespannt. ( Zu Pharnaces. ) Candaules hat da wahrhaftig einen wunderbaren Einfall! ( Zu Sebas. ) Ist sie wenigstens schön?
SEBAS: Was willst Du! Ein Fischerweib!
PHARNACES: Na weißt Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht …
PHEDROS ( sieht Gyges mit seinem Weibe kommen; die ist wie eine Wilde, das Haar wirr und schlecht gekleidet ): O König, was Du tust, ist gefährlich!
GYGES: Hier, werte Herren, ist das Weib des Gyges.
ARCHELAOS ( lacht ).
CANDAULES: Wie heißt sie?
GYGES: Ich ruf' sie Trydo.
SEBAS: Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!
CANDAULES: Gebt Frieden! ( Leise. ) Laßt mich gut zu diesem Menschen sprechen. Nun, armer Gyges, das ist alles, was Du hast?
GYGES: Besser das Wenige, aber das für mich allein.
SEBAS ( platzt heraus, zu Archelaos ): Paß auf!
GYGES: Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab' nur mehr zwei. Man hält zwei Dinge besser in den Händen als vier.
CANDAULES: Was sind das für zwei Dinge, tapfrer Gyges?
GYGES: Das eine ist mein Weib.
SEBAS ( kann sich nicht mehr halten ): Ach, mein lieber Gyges, was das Weib betrifft, da kannst Du sicher sein, daß Du es nicht allein besitzest.
CANDAULES ( entrüstet ): Sebas!
SEBAS: Nein. Aber es darf doch dieses Schwein nicht kommen und sich stolz vor mir machen und sagen, daß er das Weib da allein hat …
CANDAULES: Sebas!
SEBAS: Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch fängt, ( Archelaos krümmt sich vor Lachen ) nicht, Trydo, he? Gestern in der Küche …
NYSSIA ( zu Candaules ): Aber, mein Gebieter, das ist ja fürchterlich …
CANDAULES: Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde es nicht dulden, daß man diesen Mann beschimpft.
GYGES: Danke, Candaules. – Und Du, Herr, dessen Namen ich gar nicht kenne und den zu kennen mich wahrhaftig nicht verlangt – Du vermagst viel über mich, ich über Dich – nichts. Aber ich vermag alles über die da. Sie gehört mir, sag ich Dir. ( Er reißt ein Messer vom Tisch und sticht auf Trydo. ) Sie gehört mir! – ( Bewegung. ) Sie gehört mir!
NYSSIA: Haltet ihn doch!
NICOMEDES: Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!
SEBAS ( der sich erhoben, verwickelt sich mit seinen Beinen in seine Kleider und rollt, völlig betrunken, unter den Tisch ).
NYSSIA ( erhebt sich und will gehen ).
NICOMEDES ( versucht, sie zurückzuhalten. )
PHARNACES: Dieser Mensch ist scheußlich!…
CANDAULES: Nein, Pharnaces, wunderbar ist er! Und vornehmer als Du, Sebas. – Sebas! Wo ist er denn?
NICOMEDES: Er ist unter den Tisch geflüchtet.
CANDAULES: Laß ihn, Pharnaces, er ist besser dort, als anderswo. Nyssia! Ihr geht?
NYSSIA ( ab ).
GYGES ( der eine Weile neben seinem toten Weibe steht, will fort. )
CANDAULES: Bleib! Bleib! Gyges! Gyges!
GYGES: Nein, Herr.
CANDAULES: Gyges!
GYGES: Nein. – Nichts hab' ich mehr als eines – das kann mir keiner rauben. ( Fragende Geste des Candaules ) Mein Elend!
CANDAULES: Ja, Gyges; und der es von Dir nimmt, bin ich, Dein Herr.
GYGES: Ich bin nicht Dein Knecht, o König.
CANDAULES: Das sagst Du gut. Ihr hörtet es, Philebos und Phedros. Nein, Du bist mein Knecht nicht, Gyges, und ich bin nicht Dein Herr; Dein Freund! ( Zu den Dienern ) Man richte im Palast ein Gemach für ihn. – Die Tafel ist aufgehoben, meine Herren. Heute wird wohl keiner mehr trinken wollen.
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