PHEDROS: Der König fängt an, viel zu sprechen.
CANDAULES ( zu den Dienern ): Zerlegt den Fisch!
NICOMEDES: Wenn er nur braun genug ist.
CANDAULES: Ich wette, er war dort im Meer daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt. Seht …
DER KOCH (zeigt den Fisch).
ARCHELAOS: Es ist ganz köstlich.
DER KOCH: Es ist ein Goldkarpfen.
CANDAULES: Trinken wir auf die Pracht dieses Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die Verse auf den Karpfen!
PHARNACES: Der König scheint zu vergessen, daß die Fische stumm sind.
SYPHAX: Nicht alle! Man erzählt von einem der Orakel gab.
PHARNACES: Mach Du die Verse, Syphax!…
EINIGE: Den Spruch! Die Verse!
SYPHAX: Paßt auf … um so schlimmer, wenn sie schlecht sind:
Du Sonne, deren letzten Strahlen
Dich Karpfen durchaus goldig malen,
Laß auch den Dichter ohne Qualen
Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.
PHARNACES und CANDAULES: Bravo, Syphax!
NICOMEDES: Hoffen wir, der Fisch ist besser als das Gedicht. ( Man reicht den Fisch. )
CANDAULES: Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? Archelaos?
PHARNACES: Ausgezeichnet …
ARCHELAOS ( mit einem Schrei ): Hölle! Was ist das? – Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!
NICOMEDES und ANDERE: Einen Ring? –
ARCHELAOS: Und habe mir zwei Zähne daran ausgebrochen.
SYPHAX ( leise ): Was ein gefräßiges Tier!
ARCHELAOS: Er war im Fleisch des Fischs versteckt. Ihr lacht dazu?!
SYPHAX und ANDERE ( lebhaft widersprechend ): Durchaus nicht! Nicht im geringsten!
SEBAS: Du nimmst eben zu große Bissen.
ARCHELAOS: Ich hätte dran ersticken können.
SYPHAX: Mindestens.
NICOMEDES: Zeig' doch den Ring.
PHILEBOS ( gibt ihn ihm ): Er ist nicht übel.
NICOMEDES ( nimmt ihn in der Reihe ): Im Fisch, sagst Du?
SYPHAX: Höchst sonderbare Nahrung.
NICOMEDES: Der Stein darin ist hübsch.
CANDAULES: Ein ganz gewöhnlicher Saphir, nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.
SYPHAX ( zu dem nun der Ring, der die Runde gemacht, gekommen ): Wem gehört er nun, der Ring?
ARCHELAOS: Mir gab ihn der Fisch und ich geb ihn dem König.
SYPHAX: Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.
EINIGE: Dem König den Ring, dem Candaules!
PHEDROS ( der den Ring genommen, um ihn dem König zu geben ): Halt, da ist was eingeschrieben.
NICOMEDES ( neigt sich schauend zu Phedros ): Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.
DIE KÖNIGIN und CANDAULES: Was sagt er?
NICOMEDES: Ich seh' nicht deutlich.
PHEDROS: Pharnaces hat scharfe Augen.
PHARNACES ( erhebt sich und geht mit dem Ring zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile gebracht hatten ): Zwei griech'sche Worte.
CANDAULES: Und heißen?
PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω
PHEDROS: «Ich verberge das Glück.»
EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?…
NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.
PHARNACES ( als ob er noch etwas sähe ): Wartet! – Da … ( Alle in Erwartung. ) Nein – es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen rätselvollen Ring an Deinen Finger.
CANDAULES ( hält mit einer Geste Pharnaces zurück ): Koch! – Woher kommt der Fisch?
DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte ich ihn.
CANDAULES: Wo ist der Mensch?
DER KOCH: Er ist heim.
CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche zurückgehalten?
DER KOCH: Er wollte nicht.
CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete … Was für ein Mensch?
DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.
CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?
DER KOCH: Vier Silberstücke.
CANDAULES: Gold verdiente er dafür.
DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.
CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, – oder es ist, daß ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?
DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.
CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges sagst Du?
DER KOCH: Ja, Gyges.
CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!
DER KOCH ( gibt einem Mann Befehle ): Auf der Stelle.
(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs. Dann hört man):
SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.
PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.
NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: – wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.
NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?
PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.
NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.
PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.
NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.
SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.
ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.
SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.
CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr … bringt Fackeln, mehr Fackeln. ( Man bringt Fackeln. ) – Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos! Pharnaces … der Wein verdirbt.
( Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück. ) Und wenn Du schon nicht trinkst, so sprich – ich bin voll Unruh … dies Wort im Ring … was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.
PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine Alltagswahrheit.
PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?
PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» –? Nein … nichts.
CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.
NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.
SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück nicht, im Gegenteil! –
PHARNACES ( erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen ): Es lebe Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!
CANDAULES ( schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch ): Was! Mein Glück! Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
PHEDROS: Nichts, Candaules.
CANDAULES ( sich besinnend ): Verzeiht, Ihr werten Herren – ich weiß nicht, was mich so bewegen konnte … Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet – sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?
NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
CANDAULES ( von Neuem erregt ): Rätsel! Wieder Rätsel! – Was meint Ihr damit? Sprecht!
NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
CANDAULES ( in dem der Wein zu wirken beginnt ): So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!… Was habe ich sagen können? Ach Schmerz … ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde mein ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so reich …! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
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