Ich war einer geworden, der Angst davor hatte, etwas zu verpassen. So war es früher nie gewesen. Da hatte ich vor überhaupt nichts Angst. Jetzt hatte ich Angst vor allem. Angst, dass mir das Leben zwischen den Fingern zerrinnen würde.
Im Frognervei kamen sie aus dem Wohnzimmer gelaufen, sowie ich den Schlüssel ins Schloss steckte.
»Ketil!«
Jedes Mal, wenn Mutter meinen Namen rief, kam ich mir vor wie sechs Jahre alt. Und wenn Vater rief, war ich noch jünger.
»Ich bleibe nur bis morgen. Bækkelund will mit mir sprechen.«
»Bækkelund?«, wiederholt Vater beeindruckt, auch wenn ich die Enttäuschung in seiner Stimme höre. Er möchte so gern mit mir reden wie in alten Tagen. Bis spätabends am Küchentisch sitzen und über Politik diskutieren. Ich spüre mein schlechtes Gewissen. Sie hatten gedacht, ich würde häufiger von Sandøya herüberkommen, da ich trotz allem die Miete für die relativ teure Wohnung im ersten Stock bezahle. Stattdessen lasse ich mich immer seltener blicken.
»Aber ich komme bald wieder«, sage ich. »Und dann bleibe ich einige Tage.«
Ach, diese frommen Lügen, die gebrochenen Versprechen. Hatte ich wirklich für irgendjemanden einen Wert? Bedeutete ich etwas für andere Menschen? Der Gedanke kam plötzlich und war durchaus nicht angenehm. Ich hatte noch nie so gedacht. Es waren die anderen, die etwas bedeuteten. Mutter, Vater, Tormod, Aimée, Ida, Ole, Rotkäppchen, die Andere. Ich war es, der sie brauchte, nicht umgekehrt. So sollte es sein. So musste es sein.
Es schneit jetzt nicht mehr. Der Bürgersteig ist glatt. Ich rutsche zum Olav Kyrres plass hinunter. In der Bygdøy allé sind Eisbuckel. Ich habe es eilig. Es ist zehn vor sieben. Da sehe ich die alte Dame auf der anderen Straßenseite. Ach, diese dickköpfigen alten Hexen, die niemals aufhören, sich auf ihr Lebensrecht zu berufen. Die durch die Straßen schwanken, fast schwerelos mit ihren alten, klapprigen Skeletten und mit löchrigen Strümpfen. Für wen, um alles in der Welt, halten die sich? Für die zu früh geborenen Kinder der Ewigkeit? Werden sie denn niemals sagen, genug ist genug, sich auf stille, höfliche Weise zurückziehen, wie jeder normale Mensch es tun würde, sich von ihrem Stuhl erheben, langsam zur Garderobe gehen, nach Hut und Mantel greifen, die Gamaschen überstreifen und in der Nacht verschwinden, sich in ein Grab legen, während der Schnee rieselt, und zu Erde werden, ja, zu Erde, Gedärm und Eingeweide den Maden überlassen, diese absolut notwendige Verwesung, die Munch und Hamsun so schön beschreiben, und durch die Platz für andere geschaffen wird. Ich bin unterwegs zu Bækkelund. Er wartet auf mich, aber die alte Dame rutscht weiter über den Bürgersteig, ohne zu begreifen, dass das Projekt, auf das sie sich an diesem Abend eingelassen hat, einer Besteigung des Mount Everest gleichkommt.
Ich versuche, sie nicht anzusehen. Noch hält sie sich auf den Beinen. Jetzt gibt es nur uns beide. Sie auf der einen Seite. Ich auf der anderen. Zwischen uns liegt das Leben. Oder ist es der Tod? Wenn sie oder ich die Straße betreten, wird ein Auto kommen, und sie oder ich werden sterben. Wofür leben wir? Ich lebe, um eine wichtige Verabredung mit Kjell Bækkelund einzuhalten. Aber was in aller Welt hat sie vor?
Ich gehe schneller, damit ich an ihr vorbei bin, wenn sie stürzt. Es ist ja nur eine Frage der Zeit. Wenn ich an ihr vorüber bin, bin ich die Verantwortung für sie los. Aber gerade jetzt stürzt sie, gleich vor dem teuren Küchenladen. Mein Herz wird schwer. Sie liegt auf der anderen Straßenseite und strampelt. Beine und Arme in alle Richtungen.
»Ich komme!«, rufe ich. »Bleiben Sie ganz still liegen! Versuchen Sie nicht, aufzustehen, gnädige Frau! Dann stürzen Sie nur wieder!«
Ich finde eine Lücke zwischen den vielen Autos und Bussen, die gerade jetzt wie eine Flutwelle aus Lärm, Bewegung und Auspuffgasen hereinbrechen. Wird dieses gemeine Geschehnis meine Zukunft ruinieren? Ist es der humanistische Roboter in mir, der meine Beine über die Straße zwingt? Warum musste sie gerade heute Abend auf diese lebensgefährliche Straße hinausgehen, denke ich wütend. Sie hätte so viele andere Abende gehabt. Dies ist der Abend, an dem ich zu Kjell Bækkelund bestellt bin. Er hat Pläne mit mir. Große Pläne. Er hat mich von Sandøya herkommen lassen. Das sind zwischen drei und vier Stunden Fahrt. Niemand kann erwarten, dass jemand einer solchen Aufforderung nachkommt, wenn nichts angeboten wird. Bækkelund hat etwas mit mir vor. In seiner Nähe gibt es nur Prominente. Aber nun liegt diese Elendsgestalt da und zappelt zwischen den Eisbuckeln. Großer Gott, auch ein Mensch, denke ich, als ich mich nähere. Und als ich mich Sekunden später über sie beuge, um zu hören, ob sie sich verletzt hat, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass dort Tante Svanhild liegt.
»Aber meine Güte, Tante Svanhild!«, rufe ich.
Sie schaut aus ihren schönen, traurigen Augen zu mir hoch. »Ich wollte das nicht«, sagt sie, fast unter Tränen.
»Was wolltest du nicht?«
»Fallen natürlich.«
»Natürlich nicht. Aber hast du dich verletzt? Hast du dir etwas gebrochen?«
Sie lächelt ihr unwiderstehliches Lächeln. »Nein, ich nehme doch Kalziumtabletten«, sagt sie. »Das hab ich von Alfhild gelernt.«
Der Vorname meiner Mutter. Es ist immer so seltsam, wenn ihn jemand nennt. Meine Mutter, wie eine Elfe. Ein Wesen aus einer anderen Welt. Kein normaler Mensch.
»Jetzt fasse ich dich unter den Armen, und dann richten wir uns langsam auf, liebe Tante.«
»Nicht wir sagen, junger Mann. Ich muss mich allein aufrichten.«
»Darüber streiten wir uns nicht. Wir müssen sehen, ob du auf deinen Beinen stehen kannst.«
»Natürlich kann ich auf meinen Beinen stehen, Ketil.«
Sie richtet sich auf. Ich halte sie fest. Merke, wie dünn sie geworden ist. Die Arme. Fast nur Knochen. Sie muss krank sein. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen, und meine Eltern haben nichts gesagt.
»Du kannst dich da drüben auf die Treppe setzen, und dann gehe ich zum Taxistand am Thomas Heftyes plass und hole uns einen Wagen.«
»Nein«, sagt sie energisch. »Ich bin doch fast zu Hause. Und du hast sicher eine Verabredung.«
»Natürlich bringe ich dich nach Hause.«
»Ich kenne dich zu gut. Du bist ein vielbeschäftigter Mann. Mit wem bist du verabredet?«
»Kjell Bækkelund.«
»Meine Güte. Wann sollst du da sein?«
»Vor zehn Minuten. Nein, in einer Stunde, meine ich.«
Sie mustert mich mit scharfem Blick. »Du meinst um sieben, nicht wahr? Vor zehn Minuten. Ich bin zwar alt, aber ich bin trotzdem nicht schwachsinnig.«
»Ach, Tante!«
»Ich geh allein.«
»Das tust du nicht.«
Es ist das letzte Mal, dass ich mit ihr durch eine Straße gehe. Sie hat sich bei mir eingehakt wie früher, wenn wir viel zu selten zusammen spazieren waren. Meistens saß sie mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel, entweder in ihrer Wohnung oder bei uns. Sie war immer die Eleganteste, die mit dem feinsten Duft. Von ihr habe ich meine Vorliebe für französische Filme. Sie war die Erste, die Fernsehen hatte. Ich habe sie geliebt. Und ich habe sie einmal zutiefst verletzt. An dem fatalen Silvesterabend 1959, als ich ihr gesagt hatte, dass meine Eltern sie eigentlich gar nicht zu Besuch haben wollten.
»Wo warst du denn?«, frage ich.
»Beim Nähkränzchen. Wir fangen früher an, jetzt, wo wir älter sind.«
»Natürlich«, sage ich.
»Wir waren sechs«, sagt sie mit einem traurigen Lächeln. »Jetzt sind wir nur noch zwei. Aber wir können nicht aufhören, es ein Kränzchen zu nennen.«
Ich gehe neben ihr her und höre zu. Auch ihre Stimme ist schwächer geworden.
»Du musst besser auf dich aufpassen«, sage ich.
»Ich habe immer auf mich aufgepasst«, sagt sie.
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