Die Kater sind jetzt unter der Schreinerei verschwunden. Nun ertönt ein so herzzerreißendes Geheul, dass ein Mensch eingreifen muss. Er springt auf, stürzt die Treppe hinunter und hinaus auf den Hof. Dort sieht er Adonis, der in gestrecktem Galopp auf die Straße zujagt. Movitz bleibt verwirrt zurück und wirft seinem Futtermeister einen unschlüssigen Blick zu. Dann scheint der Kater begriffen zu haben, dass er gewonnen hat. Dass er jetzt die Nummer 1 ist. Mit ruhigen Schritten, aber mit einem vor Brunst bebenden Körper geht Movitz langsam den Hang hoch auf die eigene Mutter zu. Sie hat sich auf dem Weg zwischen den beiden Häusern in den Schnee gelegt. Sie erwartet ihren Sohn.
Der Diener des Katers zieht sich langsam zu seiner Haustür zurück. Wieder rieseln große Schneeflocken zu Boden. Bald werden auch die Taten und Untaten dieses Tages vergessen und verborgen sein.
Er bleibt auf der Treppe zum Arbeitszimmer stehen. Das war also die Welt der Katzen. In der Welt der Menschen ging es oft noch brutaler zu. Für Einzelne spielte es nicht einmal eine Rolle, ob das Gegenüber beim Sex lebendig oder tot war. Selbst mit einer Leiche zu vögeln, konnte seinen Zweck erfüllen.
In seiner allerersten Erinnerung steht er auf der Treppe zu Hause im Melumvei, gleich vor der Haustür. Später wird er denken, dass das in den ersten Monaten des Jahres 1955 gewesen sein muss.
Es ist Frühling.
Er erinnert sich an Staub, an die letzten Schneereste. Er erinnert sich daran, dass er zu sich selbst gesagt hat: Jetzt bin ich drei Jahre alt.
Er erinnert sich an den Zaun und das rote Haus auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich an die Angst vor den beiden Jungen, die dort wohnten, und vor deren schwarzem Hund. Aber vor allem erinnert er sich an das Loch in der Treppe daheim. Es war so groß, dass ein Erwachsener eine Faust hineinstecken konnte. Er konnte mit beiden Füßen hineintreten, wenn er die Schuhe auszog.
Es war so erschreckend groß.
Wie war das Loch entstanden?
Er wagte nie, seine Eltern danach zu fragen. War es ein Meteorit gewesen? Eine Atombombe? Ein vom Himmel gestürzter Engel? Oder hatten sich die Eltern gestritten und Vater oder Mutter hatte mit dem Fuß aufgestampft, wieder und wieder, in gewaltigem Zorn?
Oder war er es selbst gewesen?
Dieser letzte Gedanke ist der erschreckendste. Das Gefühl, dass mit ihm vielleicht etwas Schwerwiegendes nicht stimmt, dass Gott ein Zeichen auf die Treppe vor der Haustür gesetzt hat, damit ER in alle Ewigkeit daran denkt, dass hier einer wohnte, mit dem etwas ganz und gar nicht stimmte.
Bis ihm dieser Gedanke gekommen war, hatte er sich des Lebens freuen können, ehe er groß genug wurde, um sich sagen zu können, er sei jetzt drei Jahre alt, er müsse versuchen, sich für den Rest seines Lebens an diesen Augenblick zu erinnern.
Jetzt, da der letzte Gedanke gedacht ist, hofft er, diesen Augenblick vergessen zu können. Der Wind in den Bäumen, der Gesang der Vögel, das Hupen eines Autos in der Ferne. Die Straßenbahn nach Lijordet, die an der Haltestelle Røa vorfährt.
Sich liebevoll zu erinnern. An alle, die da waren. Die ganze Zeit. Die versuchten, sich um mich zu kümmern. Die tiefe Dankbarkeit. Dafür, dass ich wirklich die Möglichkeit erhielt, dieses Leben zu leben. Aber die Erinnerung hat ihre eigene Dramaturgie. Wir erinnern uns an das, woran wir uns erinnern wollen. Das, was wir vermissen, und das, was wir nicht verdrängen können. Deshalb werden diese Bücher über die Vergangenheit als Romane geschrieben. Genau wie das Leben hat der Roman oft ein Leitmotiv und mehrere Nebenmotive. Und wie im Leben sucht unser Gedächtnis aus, welche Erinnerungen wesentlich sind und in Erinnerung bleiben und welche vergessen werden sollen.
So entsteht eine Dramaturgie, die einem Roman zum Verwechseln ähneln kann.
Nicht das Drama an sich sorgt für die Dramaturgie. In Madame Bovary ist das Fehlen von Ereignissen ebenso wichtig wie die Ereignisse selbst. Die Langeweile an sich ist eine der Voraussetzungen dieses Buches.
Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich oft am besten an das Ereignislose: vor dem Haus im Melumvei in Røa auf einer Treppe zu sitzen.
Zumeist war ich glücklich und ahnungslos. Aber ich weiß auch noch, dass ich Unbehagen verspürte.
Meine erste bewusste Erinnerung: dass ich mich fürchtete, vor dem Leben und vor allem, was vor mir lag.
Am 13. Januar 1980 landet das erste F-16-Jagdflugzeug der norwegischen Luftwaffe auf dem Flugplatz Rygge bei Moss. 71 weitere werden folgen. Sie sollen Norwegen gegen die Feinde im Osten verteidigen, gegen den großen Bären Sowjetunion. Sie sollen der Schild der NATO in der Luft sein, bereit, im Notfall ihre Bomben überall auf Europa abzuwerfen. Und später auch viel weiter weg, zum Beispiel über Afghanistan und Libyen.
Major Steinar Berg sitzt im Cockpit. Er ist 950 Stundenkilometer geflogen und hat für die Strecke von Amsterdam hierher siebzig Minuten gebraucht.
Verteidigungsminister Thorvald Stoltenberg ist noch besserer Laune als sonst.
Der Nebel legt sich über große Teile Südnorwegens, Dänemarks und Südschwedens. Auf Sandøya lauschen wir der Stille. Nichts ist so still wie Nebel. In Västra Götalands län, zwischen Tjörn und Stenungsund, ist der norwegische Massengutfrachter Star Clipper unterwegs zur Almöbro, der größten der drei Brücken, welche die Insel Tjörn mit dem Festland verbinden. Die Brücke ist im Nebel nicht zu sehen, aber auf dem Schiff erkennt man sie deutlich im Radar.
Dann zerbricht das Steuerruder des Schiffes.
Der Steuermann kann keinen richtigen Kurs mehr zu der Schrägkabelbrücke halten, die eine Segelhöhe von 43 Metern gestattet. Es geht auf halb zwei am 18. Januar 1980. Die Star Clipper hält genau auf den einen Brückenpfeiler zu. Bei dem Zusammenstoß brechen die tragenden Rohrbögen ein. Der Mittelteil der Brücke ist nicht mehr vorhanden. Große Mengen Beton und Armierung stürzen auf das Schiff, aber niemand von der Mannschaft kommt ums Leben. Nach und nach fahren aus beiden Richtungen bei dichtem Nebel Autos auf die Brücke. Sie können nicht sehen, dass die Mitte der Brücke nicht mehr existiert. Die Autos fallen über den Rand und verschwinden im eiskalten Wasser.
Die Mannschaft auf der in Liberia registrierten Star Clipper der Fred. Olsen-Reederei lässt Notraketen steigen, um die Autofahrer zu warnen, aber das hilft nichts.
Acht Menschen kommen ums Leben.
Erst drei Tage später werden die Wagen auf dem Meeresboden gefunden.
Nachts liegt er wach. Er denkt an die Autofahrer, was sie empfanden in den letzten Sekunden ihres Lebens, ehe der Tod plötzlich kam. Die banalste aller Fragen. Ja, was hast du empfunden? Die Meeresoberfläche, die sich näherte. Das Unbegreifliche an dem Sturz. Die Brücke, über die sie so oft gefahren waren und die plötzlich nicht mehr vorhanden war. Konnten sie noch denken, dass sie sterben würden? Und der liebe Onkel Odd, der ihnen allen so viel bedeutete. Wusste es der Onkel, als der Schlag kam? Bei der Beerdigung sah er im Gesicht des Vaters Trauer und Verzweiflung, wie er sie noch nie gesehen hatte. In all den Jahren danach hatte er versucht, dieses Weinen zu verdrängen. Er hatte sich gesagt, dass der Vater nur zweimal geweint hatte: einmal, nachdem er sich mit der Mutter gestritten hatte auf dem Weg zu einer Hütte bei Hallingskarvet, das andere Mal beim Tod der Mutter, viele Jahre später.
Aber während er schreibt, denkt er plötzlich: Nie hat der Vater so hilflos geweint wie nach Onkel Odds Tod. Hatte er das verdrängt, weil der Vater damit eine andere Seite seiner selbst gezeigt hatte? Im selben Moment erinnert er sich an andere Augenblicke, in denen der Vater geweint hatte. Was ging in seinem Kopf vor? Wie sortierte er die Erinnerungen? Wovor hatte er sich beschützen wollen?
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