Die Gewissheit des Todes. Er fragt sich, wie stark er wohl selbst sein wird an dem Tag oder in der Nacht, wenn es geschieht. Die 175 Menschen in der Stierkampfarena in Bogotà erhielten auch keine Vorwarnung. Die Tribüne unter ihnen brach einfach innerhalb weniger Sekunden zusammen.
Die Andere ist eingeschlafen. Movitz liegt an seinem Platz im Bett. Er schläft ebenfalls. Die Stille vor dem Haus dringt bis ins Schlafzimmer vor. Oft füllt sie das Haus mit noch mehr Stille. Und diese Stille drängt sich zwischen ihn und die Andere, nicht als etwas Unbehagliches, sondern als etwas Feierliches. Denn sie leben hier auf dieser Insel draußen am Meer wirklich ein stilles Leben. Es passiert nicht viel, es gibt nicht viel, was sie einander erzählen können, wenn sie sich an den Abendbrottisch setzen oder ihr Tagewerk erst zur Hälfte hinter sich gebracht haben. Sie versuchen, etwas zu erschaffen, alle beide. Sie webt, er schreibt an einem Buch oder spielt Klavier. Aber selbst die Flügeltöne können gegen die Stille nichts ausrichten. Die Stille ist keine Freundin. Aber sie ist auch keine Feindin. Sie steht einfach da, mitten im Raum, und sagt: Hier bin ich. Was habt ihr jetzt vor mit mir?
Er kann nicht antworten. Er denkt nur, dass er sich entscheiden muss. Entscheiden, welches Leben er leben will. Aber hat er sich nicht bereits entschieden?
Er lebt seit fast fünf Jahren auf dieser Insel.
Das Telefon klingelt. Ich fahre jedes Mal zusammen. Wie haben sie es geschafft, die Leitung bis hierher ans Meer zu legen? Führt die Leitung über den Boden des Hagefjord zwischen Lippfisch, Kabeljau und Fischen, die als nicht essbar gelten? Riskieren sie nicht, dass Krebse oder Hummer die Leitung kappen?
»Morgen, du. Hier ist Kjell.«
»Welcher Kjell?«
»Es gibt ja wohl nur einen Kjell, mein Junge.«
»Ach, sicher«, sage ich, auch wenn ich noch zwei weitere kenne. Kjell aus meiner Klasse. Kjell vom Norsk Musikkforlag.
In der Leitung herrscht erwartungsvolle Stille. Fast wie in alten Zeiten, als die Telefonistin in Stangeland mithörte. Kjell Bækkelund ruft zwar nicht zum ersten Mal an, aber der letzte Anruf ist lange her, damals wohnte ich noch in Oslo. Bis hierher nach Vestre Sandøya vor Tvedestrand anzurufen ist weit, denke ich. Man ruft nicht so weit an, wenn man nicht etwas ganz Besonderes will. Die Frau in der Zentrale kratzt sich dabei im Gebührenzählerschritt, wie Trond-Viggo immer sagt.
»Wann kommst du nach Oslo?«
Er hat diese nasal lispelnde Stimme, die ganz Norwegen kennt. Nicht viele klassische Musiker sind so bekannt wie er. Bækkelund, Levin, Tellefsen, Knardahl. Das sind schon alle. Und Aase Nordmo Løvberg, natürlich. Ich setze mich automatisch gerader. »Ich komme, wenn du rufst«, sage ich.
»So gehört sich das, Junge«, sagt Bækkelund zufrieden. »Kommst du dann heute Abend? Um Punkt sieben?«
Ich schaue auf die Uhr. »Das kann ich schaffen«, sage ich. Wenn man auf Sandøya wohnt, kommt man, wenn jemand ruft. Wir, die wir uns Kulturarbeiter nennen, kommen, wenn die Mächtigen anrufen.
Bækkelund ist mächtig.
Bækkelund hat etwas mit mir vor. Aber ich weiß nicht, was. Hat er mich für eine Rolle in seinem Ränkespiel ausgesucht? Er ist nicht nur einer unserer bedeutendsten Pianisten, reist um die Welt und spielt neue norwegische Komponisten, Musik, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten wird, die aber gerade jetzt von Botschaften und Konsulaten geschätzt wird zwischen Kanapees und Lobesreden. Er war immer schon großzügig, hat mir vorwärts geholfen, mit fast panegyrischen Artikeln in den Zeitungen und spannenden Projekten, von denen jeder Pianist begeistert gewesen wäre. Wie damals, als er sechs der bedeutendsten Pianisten einlud, während der Festspiele in Bergen im Konsertpalé Rachmaninow-Präludien zu spielen. Er wollte daraus eine Schallplatte bei der Deutschen Grammophon machen. Fast wäre es ihm gelungen.
Als ich dann im Mirafiori sitze, im Schneegestöber bei der Raststätte Cinderella und bei Søndeled, denke ich an die hervorragende Stellung, die er bei den Sozialdemokraten einnimmt. Wenn er zu seiner Adventsparty einlädt, kommen alle. Ministerpräsident Odvar Nordli, bestimmt das gesamte Kabinett, Knut Frydenlund, Inger Louise Valle, Per Kleppe und Bjartmar Gjerde. Sicher doch! Jens Evensen und Eivind Bolle. Gro Harlem Brundtland, die junge, frische und sportliche Umweltministerin, über die alle reden und die noch dazu Ärztin ist. Bestimmt finden sich einfach alle zu diesen Festen ein. Aber keine Pianisten. Nicht ich. Mir sollte die Ehre zuteilwerden, später zu kommen. An einem kalten Januarabend, an dem der Frostnebel an der Küste anzeigt, dass das Eis vielleicht liegenbleibt.
Denn das war etwas, das alle über Bækkelund wussten. Er hatte immer einen Auserwählten. Einen, mit dem er im Frognerpark spazieren ging. Einen, mit dem er an einem Zweiertisch im Theatercafé saß. Es konnte auch eine Auserwählte sein, eine Frau. Dann war es zumeist eine, die seine nächste Ehefrau oder Lebensgefährtin werden sollte. Aber es konnte auch ein Mann sein. Dann war es ein Kronprinz. Einer, der später Kirchen- und Bildungsminister werden würde oder vielleicht sogar Außenminister.
Ich schlingere die kurvigen Straßen durch Telemark hoch auf das Gewerbegebiet bei Brevik zu. Vor meinem inneren Auge tauchen einige unfassbare Bilder auf. Soll ich Politiker werden? Ich erröte, als ich mich plötzlich hinter dem Schreibtisch des Außenministers erblicke. Hier verschiebe ich die Ordner. Eine schöne Frau in einer grünen Wolljacke kommt herein und lächelt. Es ist meine Privatsekretärin. Die persönliche. Die weiß, dass ich immer im Schrank gleich hinter mir eine Flasche vom besten Whisky stehen habe. Jetzt teilt sie mit, dass es bald Zeit wird, sich nach Gardermoen zu begeben, da auf Fornebu keine Jumbojets landen können. Präsident Jimmy Carter wird in weniger als einer Stunde mit der Air Force One eintreffen. Da der norwegische Ministerpräsident plötzlich erkrankt ist, habe ich das Oberkommando. Mit einem kurzen Telefongespräch habe ich mich von meinem üblichen fünften Platz entfernt. Jetzt stehe ich plötzlich an zweiter Stelle, bin fast die Nummer 1. Oder will er von mir etwas anderes? Will er mich zum Chef der Universitätsbibliothek machen? Will er vielleicht, dass ich Landeskonservator werde? Bækkelund ist die eigentliche Spinne im Netz derjenigen, die etwas bedeuten. Er hat Macht über den Möbelhändler in Jessheim, über das gesamte norwegische Parlament, er könnte mit den Fingern schnippen und mich im Handumdrehen zum Rundfunkdirektor machen. Aber was sollte ich in diesem Fall der Anderen sagen? Sie will doch nur auf Sandøya wohnen!
Die Machtphantasien werden immer stärker, und als ich an Larvik vorüberfahre, bin ich bereits zum Oberkommandanten aller Streitkräfte geworden. Ich sitze an einem geheimen Ort in Akershus, wo niemand mich sehen kann. Im hintersten Raum steht ein gewaltiger Steinway-Flügel. Während alle glauben, dass ich verteidigungsstrategische Angriffspläne gegen Breschnew in der Sowjetunion schmiede und mit Svein Sørensen von der Heimvolkshochschule Svanvik in Pasvik telefoniere, meinem Verbündeten, übe ich stattdessen das B-Dur-Konzert von Brahms. Das soll mein Dank an Bækkelund sein. Meine Art, ihn zu überraschen. Vielleicht freut er sich gar nicht. Vielleicht ärgert er sich, weil ich gerade in diesem Moment so viel besser spiele als er. Aber so sind die Folgen der Freigebigkeit. Man bekommt nicht das, was man verdient. Jetzt bin ich es, der Adventsfeste veranstaltet und andere anruft.
Erst als ich mich Drammen nähere, lande ich auf der Rollbahn der Wirklichkeit und merke, dass ich die Geschwindigkeitsbegrenzung um dreißig Kilometer überschritten habe. Ich bremse verdrossen, es gefällt mir nicht, wie ich ihm immer gehorche. Was soll ich eigentlich zurückzahlen? Was kostet ein Superlativ? Meine Gedanken waren noch immer düster, nach dem tristen Silvesterabend, an dem ich mich im Schnee erbrochen und mich selbst von außen gesehen hatte. Die Kontrolle, die ich in den letzten Jahren gehabt hatte, war verschwunden. Ich wusste nicht mehr, wo ich mit dem Schreiben und der Musik hinwollte. Ich wusste nur, dass ich dünner werden wollte. Noch dünner. Dass es von mir noch weniger geben sollte. Erst dann würde ich die Kontrolle haben.
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