H. D., Mutter
Jeder Zeitpunkt kann also der richtige sein, wenn er dem Kind entspricht. Für den Neurowissenschaftler Lutz Jäncke aber ist klar: «Von nichts kommt nichts» (siehe Interview am Ende des ersten Teils). Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für die Eltern, die den Kindern von früh auf vermitteln sollen, dass Lernen etwas Positives ist, das ihnen neue Welten eröffnet – und nicht einfach Druck bedeutet, um Erwartungen zu genügen.
— In einigen Kantonen ist schon das zweite Zeugnis in der fünften Klasse wichtig.
— Nach den Herbstferien mit Lernen zu beginnen, reicht für die Prüfungsvorbereitung.
— Auch wer sich erst spät entscheidet, kann mit entsprechendem Einsatz sich ausreichend vorbereiten.
— Sich entspannt vorbereiten kann auch bedeuten, schon gleich nach dem Sommer mit Vorbereitungen zu beginnen, dafür weniger intensiv – und sich dem Umfeld anzupassen.
— Generell gilt: Es hilft, genug früh in der Primarschule ein Auge auf den Lernerfolg des Kindes zu werfen und dem Kind ein positives Lernumfeld zu vermitteln.
No 1.4
Unterstützung bei Fremdsprachigkeit
— Wir Eltern sprechen nicht gut Deutsch – wie können wir unser Kind trotzdem optimal unterstützen? —
Eltern, die Hausaufsätze für ihre Kinder schreiben, Recherche betreiben für Maturaarbeiten, Eltern, die Projektarbeiten managen – davon hört man immer mehr. Doch was, wenn die Eltern kaum Deutsch sprechen und aus Ländern mit ganz anderen Schulsystemen kommen? Ein Thema, das man nicht einfach mit ein paar wenigen Ratschlägen beheben kann und das gesellschaftspolitisch diskutiert werden muss.
Und doch: Was tun, wenn man sein Kind trotz Fremdsprachigkeit optimal unterstützen will?
«Ich selbst bin Seconda und mir fehlte eine spezifische Förderung. Bei meiner Tochter achtete ich darauf, dass Deutsch zu ihrer zweiten Muttersprache wird.
Bei meiner Arbeit berate ich auch fremdsprachige Eltern. Ich empfehle ihnen, ihre Kinder in einer Krippe unterzubringen. So bewegen sie sich früh in einem deutschsprachigen Umfeld. Das muss spätestens mit drei Jahren geschehen – und während mindestens drei Tagen die Woche. Dadurch haben die Kinder viel bessere Chancen, Deutsch zu lernen. Ein zweisprachiges Kind sollte bereits im Kindergarten den gleichen deutschen Wortschatz haben wie Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist. Bei mir war das leider nicht der Fall.
Deutsch ist enorm wichtig. Nicht nur die Grammatik – man braucht Deutsch auch für Mathe und später für das Textverständnis. Die Kinder sollen viele deutschsprachige Bücher haben, man soll sie dazu anhalten zu lesen und in die Bibliothek gehen mit ihnen. Das ist eine Förderung, die weit vor der Prüfungsvorbereitung zu geschehen hat.»
H. D., Mutter
«Die Eltern können sicherstellen, dass ihr Kind von früh auf viel in deutscher Sprache liest, sie sollten mit dem Kind in die Bibliothek gehen oder ihm Bücher kaufen. Ist das Kind intelligent genug fürs Gymnasium, schafft es die Mathematik mit der Unterstützung der Schule von alleine. Gute Deutschkenntnisse sind aber essenziell, um die Aufgaben zu verstehen, Aufsätze zu schreiben und Texte zu durchdringen. Diese kann man nur durch intensives Lesen, Sprechen und Hören erlernen.»
Barbara Schmucki, Primarlehrerin
«Auch wenn die Eltern selbst nicht gut Deutsch sprechen, sind sie trotzdem eine wichtige Stütze, indem sie mithelfen beim Organisieren und Vernetzen. Man kann zum Beispiel über den Elternrat der Schule an andere Eltern gelangen. Eltern können das Kind motivieren, dass es Lerngruppen mit anderen Kindern bildet, deren Eltern vielleicht gut Deutsch sprechen und besser mithelfen können.
Das Wichtigste ist, Hilfe zu holen und eine gute Vernetzung sicherzustellen. Es gibt viele Möglichkeiten, vielleicht finden sich auch Pensionierte, die gerne freiwillig mithelfen.»
Bettina Marion Ulrich, Lerncoach, Primarlehrerin und Schulleiterin an privaten und öffentlichen Schulen
«Ich empfehle, dass man mit der Klassenlehrperson das Gespräch sucht. Dabei erfährt man, wo man wie unterstützen kann. Die Volksschullehrpersonen helfen oft gerne und kooperieren auch mit den Eltern, wenn diese nicht ausreichend unterstützen können. Diesbezüglich habe ich viele gute Erfahrungen mit Lehrpersonen gemacht. Weiter ist zu empfehlen, dass das Kind sich in Lerngruppen organisiert und man als Eltern bei spezifischen Problemen eine Nachhilfestunde organisiert – manchmal helfen schon zwei Stunden Mathe mit einem Studenten, der mit dem Kind gewisse Aufgaben vertieft.»
Ursina Pajarola, Pädagogin, Unternehmensleitung Lernstudio Zürich
«Jedes Kind braucht Unterstützung, um es ans Gymnasium zu schaffen. Wenn fremdsprachige Eltern hinter dem Kind und seinem Wunsch, ans Gymnasium zu gehen, stehen, dann können sie es trotzdem unterstützen. In der Lernorganisation und in der Motivation. Für die spezifische Prüfungsvorbereitung aber müssen sie zusätzliche Unterstützung einholen. Studenten zum Beispiel, die beim Lernen helfen.
Wenn die Eltern die Sprache nicht beherrschen, ist es vielleicht schwieriger, ans Gymnasium zu kommen. Wenn die Eltern dann zusätzlich aber noch bildungsfern sind und den Sinn des Gymnasiums nicht sehen, wird es sehr schwierig für diese Kinder. Sie haben einfach nicht die gleichen Chancen.»
Elena Arici, Psychologin FSP, Lerncoach
Für fremdsprachige Kinder reicht die offizielle Vorbereitung oft nicht. Wohlhabende fremdsprachige Eltern können sich zusätzliche Förderung leisten – aber was ist mit den anderen talentierten Kindern, die aus ärmeren und vielleicht weniger bildungsnahen Familien kommen? Einige Kantone haben dieses Defizit erkannt und reagieren mit Förderprojekten – im Kanton Zürich wurde das Projekt ChagALL ins Leben gerufen.
«Wenn das Kind ans Gymnasium will, dann braucht es die Unterstützung der Eltern und der Schule. Die Vorbereitung auf das Gymnasium ist die Aufgabe der Schule und darf nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängen.»
So Urs Moser. Der Bildungsforscher erzählt im Interview auf Seite 177mehr zum Projekt ChagALL und zum Thema Chancengerechtigkeit.
— Kinder sollen von früh auf in der deutschen Sprache und im Lesen gefördert werden.
— Es lohnt sich, sich mit Eltern von anderen Kindern zu vernetzen, die sich auf das Gymnasium vorbereiten.
— Das Kind sollte motiviert werden, Lerngruppen mit anderen Kindern zu bilden.
— Zusätzliche Förderung kann durch Nachhilfeunterricht oder Intensivkurse erfolgen.
No 1.5
Unterstützung durch die Eltern
— Wie unterstütze ich mein Kind in der Primarschulzeit, damit es möglichst einfach den schulischen Weg gehen kann? —
Was kann man als Eltern tun – und auch, was soll man tun? Wie unterstütze ich mein Kind und wo ist gutgemeinte Förderung gar eine Behinderung? Was ist die richtige Menge an Druck? Lehrpersonen und Lerncoaches sind immer wieder mit dem Thema Förderung vs. Überforderung konfrontiert.
«Eltern sollen Interesse an der Schule zeigen, aber natürlich nicht die Schulaufgaben für das Kind lösen. Das wäre die falsche Unterstützung. Wenn das Kind Fragen hat, soll man da sein, und man soll sich dafür interessieren, was es in der Schule lernt. Man soll es nach den Hausaufgaben fragen und bei der eigenen Abwesenheit das Kind allenfalls zur Hausaufgabenstunde der Schule anmelden.
Zudem ist es wichtig, als Eltern für Ausgleich zu sorgen. Und zwar neben der Schule und neben den Aktivitäten in einem Sportverein. Sport ist zwar etwas anderes als Schule, aber auch da ist Leistung gefragt. Es ist wichtig, dass die Kinder einen Ausgleich haben, wo sie einfach mal nur ‹sein› können. Sie brauchen auch Zeit für sich selbst. Einem Erwachsenen würde man raten: ‹Sorge für eine optimale Work-Life-Balance›. Auch Kinder brauchen diese Balance!»
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