»Bearnulf«, begann Vic, und sein bedauernder Tonfall gefiel Darcar überhaupt nicht.
Er tastete nach dem Messer an seinem Gürtel, doch es war nicht dort. Magda hatte es vor drei Tagen gefunden und es ihm weggenommen, weil ein gebildeter, junger Mann in ihren Augen nicht mit einer versteckten Stichwaffe herumlief wie ein Attentäter. Der Sheriff zog seinen Hut ab, bevor er fortfuhr: »Ich befürchte, wir müssen dich zu einer Befragung mitnehmen, alter Freund.«
Magda schnappte nach Luft.
»Befragung?«, platzte Darcar heraus. »Folter, wollt Ihr sagen! Mein Vater geht nirgendwohin-«
»Darc!«, warnte sein Vater ruhig, aber bestimmt, und schob Darcar wieder hinter sich. Dann wandte er sich an den Sheriff. »Ist das wirklich notwendig, Vic?«
»Ich befürchte, ja. Es tut mir sehr leid. Komm friedlich mit, dann muss ich dir keine Eisen anlegen.«
»Aber er hat nichts verbrochen!«, rief Darcar und wollte sich wieder schützend vor seinen Vater stellen. Dieser stieß ihn aber sanft wieder zurück und bedeutete Magda, sich um Darcar zu kümmern. Die etwas pummelige, alte Haushälterin legte ihm ihre Hände auf die Schultern und hielt ihn fest. Darcar wandte sich in ihrem Griff, wie ein Aal an der Angel, aber ihre Finger bohrten sich schmerzhaft in sein Fleisch.
»Ich bin sicher, wir können das irgendwie regeln, Vic«, versuchte es sein Vater diplomatisch und zückte ein paar Scheine, insgesamt dreihundert Noten, aus seiner Tasche. »Es versteht sich von selbst, dass ich einen Anwalt benötige, gib mir nur Zeit bis morgen Abend…«
»Das kann ich leider nicht tun, Baernulf, es tut mir leid.« Sein schuldbewusster Blick zeugte von seiner Aufrichtigkeit.
Darcar wurde trotzdem wütend. »Was wird ihm vorgeworfen? Das ist doch nicht rechtens!«
»Gibst du jetzt Ruhe, Junge?«, zischte Magda ihm ins Ohr.
Der Sheriff setzte Darcar mit einem befehlsgewohnten Blick fest. »Mach es für deinen Vater nicht noch unangenehmer, als es ist, Bursche.«
»Vic, das ist doch wirklich nicht nötig, du kennst mich ! Du weißt, ich würde nicht davonlaufen. Ladet mich zu einer Befragung vor, ich werde anwesend sein, das verlangt die Ehre, ich bin ein Gentleman. Aber führt mich nicht wie einen Verbrecher ab!«
»Anordnung des Schwarzen Rates, du weißt, wie das läuft, mein Freund. Ich tue mein Bestes, damit du es so angenehm wie möglich hast.« Vic drehte unbehaglich den Hut in der Hand und beugte sich dann im vertrauten Ton ein Stück nach vorne. »Bitte, Baernulf, denk an deine Söhne. Komm friedlich mit, dann kannst du für sie vielleicht noch etwas aushandeln.«
Darcar sah zu, wie sein Vater die schweren Schultern hängen ließ. Er blickte noch einmal zurück, fassungslos starrte Darcar zu ihm auf und schüttelte den Kopf. Frost, der nicht von draußen kam, zog in seinen Nacken.
»Pass auf deine Brüder auf, Darc«, sagte sein Vater, dann drehte er sich um und nickte Vic zu. »In Ordnung, ich komme friedlich mit.«
»Was? Nein!« Darcar aalte sich aus Magdas Geiergriff, als sein Vater von den beiden Uniformierten in die Mitte genommen wurde, und warf sich dazwischen. Magda schrie, als ein Handgemenge in der Diele entstand.
Darcar brüllte: »Nein, er hat nichts verbrochen! Er hat doch nichts verbrochen. Warum bringt ihr ihn fort! Vater, tu doch was! Wehr dich doch!« Sein Herz war vor Angst zu einem Eisklumpen geworden und zerbarst beinahe bei jedem panischen Schlag. Er zerrte an seinem Vater, der versuchte, ihn von sich zu stoßen. Einer der Uniformierten schlug Darcar ins Gesicht, der Schmerz machte ihn blind, er schmeckte Blut, ließ aber nicht den Ärmel seines Vaters los.
Der Sheriff umschlang ihn von hinten und riss ihn schließlich fort.
»Nein! Vater!«
»Ist schon gut, junger Herr«, redete Vic auf ihn ein. »Alles wird wieder gut.« Die Tür wurde geöffnet, die kalte Nachtluft zog herein und peitschte auf seine nassen Wangen. Das Letzte, was Darcar von seinem Vater sah, war der ernste Blick, den er über die Schulter warf. »Pass auf deine Brüder auf«, waren seine letzten Worte an ihn.
Nichts wurde von diesem Moment an je wieder »gut«.
Sie kamen drei Tage nach der Verhaftung, kurz vor Morgengrauen.
Darcar lag im Bett und hatte die Arme um seine Brüder gelegt. Ihre Wärme und ihre flache Atmung beruhigten ihn, manchmal fand er sogar ein paar Stunden selbst Schlaf.
»Es wird alles wieder gut, Vater ist bald wieder da« , hatte er ihnen versprochen, jeden Tag, wohlwissend, dass es eine Lüge war.
Magda war bei ihnen, obwohl sie selbst eine kleine Wohnung in der Stadt bewohnte und einen Ehemann und eine Schar Kinder hatte, die darauf warteten, dass sie heimkam. Doch sie sagte immer, die van Bricks wären auch ihre Familie, und solange der edle Herr »verhindert war«, würde sie die Jungs nicht allein lassen, immerhin habe sie das der Lady am Sterbebett versprochen.
Drei Tage Ungewissheit, drei Tage bangen und Stunden, die sich endlos hinzogen. Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und das Gefühl, gefangen im eigenen Haus zu sein.
Sie durften nicht nach draußen, nicht zu den Verhandlungen. Darcar hatte versucht, wegzulaufen, zum Rathaus zu gelangen, aber Magdas älteste Söhne hatten ihn nach zwei Straßen eingefangen und zurückgeschleift. »Das hat keinen Sinn, Junge, du machst es nur schlimmer.«
Darcar verstand nicht, was sie damit meinten, er wollte doch nur für seinen Vater sprechen.
Pass auf deine Brüder auf.
Letztlich war es das Einzige, was er noch tun konnte.
Die ganze Zeit hatte er erwartet, dass die Tür aufging und sein Vater erschöpft, aber mit einem Lächeln über die Schwelle trat und die Arme ausbreitete. Dass er zurückkäme, der Beschützer der Familie. Der Mann, der immer jedes Unheil abwenden konnte, bis auf den Tod selbst.
Doch als die Tür lautstark aufgestoßen wurde, war es nicht ihr Vater, der zurückkehrte. Darcar hatte gerade durch das Fenster beobachtet, wie malvenfarbenes Licht die graue Morgendämmerung verdrängte, wie Hoffnung in die Dunkelheit drang, als sich jemand mit Gewalt Zugang zum Haus verschaffte.
Es war, als würde man aus einem lieblichen Traum mit einem Schlag in den Magen geweckt werden, er saß sofort aufrecht im Bett, sein Herz raste so schnell, dass es ihm fast aus dem Hals rauskam.
Mit einem erschrockenen Laut wurde auch Veland wach und klammerte sich an ihn. »Was war das?«
»Bleib bei Evi«, befahl Darcar leise, griff nach dem Küchenmesser, das er unter dem Kissen deponiert hatte, und wollte aufstehen.
Veland hielt ihn fest, seine großen, wässrigen Augen flehten ihn an. »Lass uns nicht allein«, wisperte er mit brüchiger, von Panik durchdrungener Stimme.
»Bin gleich zurück, versprochen!« Darcar musste Velands Hände gewaltsam aus seinem Baumwollhemd lösen, da sein Bruder sich wie eine Krähe an ihm festgekrallt hatte. Er verzichtete darauf, sich etwas über die lange Unterhose zu ziehen, schlich auf nackten Füßen zur Tür und schlüpfte in den engen Flur. Es war dunkel, keine Kerze oder Laterne brannte, sodass sein Schatten ihn nicht verraten konnte. Mit angehaltenem Atem schlich er an der Wand entlang zum Treppenhaus.
Unten herrschte aufgebrachter Lärm, Magdas erboste Stimme kam den Eindringlingen entgegen. »Was soll das hier werden? Das ist Hausfriedensbruch!« Sie schlief unten in einer Stube neben der Küche und war sofort in der Diele, sie trug nur ein Nachthemd und zur Waffe ihre tadelnde, alte Miene. Schwere Stiefel polterten durchs Haus, es klang wie eine Herde Büffel. Schubladen wurden aufgezogen, Vasen und Bilder zu Boden geworfen, jede noch so geringfügig persönliche Sache mit Füßen getreten. Es sah wie eine Räumung aus.
Es war eine Räumung.
Einer der Uniformierten trat Magda in den Weg und fragte erbost: »Wo sind die Jungen?«
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