„Hör auf zu schreien, Mona ...“, ermahnte mich Jay. Anstatt sich mit dem Messer auf mich zu stürzen, durchtrennte er die Kabelbinder, mit denen Vince und Amon mich an den Füßen gefesselt hatten.
Sobald ich die Füße frei hatte, versuchte ich, nach Jay zu treten, doch er sprang schnell zur Seite.
Dann hörte ich Amons Stimme. „Hör zu, Mona. Du wirst mit Jay gehen. Vince hat dich ihm überlassen, er ist ab jetzt für dich verantwortlich.“
Ich hob den Kopf und funkelte Amon mit einer Mischung aus Unglauben und Wut an. Inbrünstig hoffte ich, dass er meine Antwort in meinen Augen lesen konnte.
Wenn, dann war es ihm allerdings herzlich egal, denn er sprach einfach weiter. „Wenn du nicht allein sein willst, dann bleib bei Jay.“
Ich schnaubte verächtlich gegen das Klebeband, aber Amon zuckte nur die Schultern. „Deine Entscheidung, Mona. Einen Weg zurück gibt es nicht. Weder Vince noch ich und schon gar nicht Nathan würden dich aufnehmen. Und jetzt steig aus meinem Auto.“
Ich machte keine Anstalten, mich zu bewegen, aber Amon hatte seine Methoden. Er packte meine Beine und zog daran, bis mir keine andere Wahl blieb, als auszusteigen.
Da stand ich also … mit gefesselten Händen, barfuß und einem Klebeband quer über dem Mund … ich trug nur eine Leggins mit aufgedruckten Katzenpfoten und ein T-Shirt. Trotz meiner deprimierenden Lage funkelte ich meine Entführer mordlustig an.
„Nimm ihr das Klebeband erst ab, wenn ich weg bin ...“, grollte Amon an Jay gewandt.
Ich bekam also noch nicht einmal mehr die Möglichkeit, Einspruch zu erheben?! Ich konnte es nicht glauben! Vince hatte mich verschenkt! An einen Niemand! Du bist auch ein Niemand … du bist nichts mehr wert, seit Oliver das Rudel verlassen hat … Es war eine bittere Wahrheit, aber ich musste ihr ins Auge sehen. Trotzdem war ich von allen Horrorszenarien auf dieses eine nicht vorbereitet.
In meine Wut mischte sich Verzweiflung, als Amon in seinen SUV stieg und den Motor anließ. Einem Impuls folgend wollte ich dem Auto hinterherlaufen, aber Jay packte mich fest an den Schultern und sagte ernst: „Es würde nichts ändern, und du würdest es bereuen, dich derart erniedrigt zu haben, sobald du den Schock überwunden hast ...“
War er etwa ein verdammter Philosoph?! Ich rotzte tausend Flüche gegen mein Klebeband, bis Jay sich erbarmte und den Streifen mit einem Ruck von meinem Mund zog.
„Das tut weh, du Idiot!“, schrie ich ihn an.
„Bitte … gern geschehen ...“, sagte Jay und schnitt dann auch endlich meine Handgelenksfesseln durch. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, ob es irgendetwas bringen würde, ihn anzugreifen oder wegzulaufen - aber dann wurde mir klar, dass ich nicht gewusst hätte, wohin ich gehen konnte. Natürlich bestand die Möglichkeit, nach Hause zu laufen und Eveline alles zu erzählen. Sie würde sich aufregen, Vince mich noch mehr hassen und bei der nächsten Gelegenheit erneut loswerden. Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen – ich war tatsächlich verstoßen worden. Wahrscheinlich war es sogar ein Akt der Freundlichkeit von Vince gewesen, mir einen Gefährten zu suchen.
Dass Jay mich als sein Eigentum betrachtete, machte er auch gleich deutlich. Er musterte mich von oben bis unten, als nehme er sich Zeit, seine Beute zu begutachten.
„Denk nicht mal dran ...“, fauchte ich aufgebürstet.
„Na komm schon, Mona … du bist keine Unschuld vom Lande. Sonst hätte ich dich nicht ausgewählt.“
„Du hast … bitte was?“
„Ich wollte dich … als ich dich mit Vince auf dem Parkplatz gesehen habe, wusste ich sofort, dass wir gut zusammenpassen würden. Auch, wenn du es jetzt nicht so siehst, habe ich dir einen Gefallen getan. Aber mit deinem Rudel hast du es dir verscherzt.“
Ich bedachte Jay mit einem verächtlichen Blick. „Ach … und du bist der Meinung, dass du mir etwas zu bieten hättest?“
Sein Grinsen ging mir auf die Nerven. „Ich bin mir ziemlich sicher.“
„Danke, kein Interesse ...“, grollte ich.
Jay verschränkte die Arme vor der Brust und sein Blick wurde ernst. „Die Entscheidung liegt nicht bei dir … du gehörst mir. Ich habe keine Ahnung von diesem Gefährtending, aber ich werde mich bemühen. Und das wirst du auch. Ich erwarte nicht, dass du jetzt und hier in Begeisterung ausbrichst, aber du kennst die Regeln. Sobald ich dich gekennzeichnet habe, musst du mich akzeptieren.“
„Du … mich kennzeichnen?“ Das wird ja immer besser! Ganz sicher würde ich mich nicht von diesem Loser anfassen und schon gar nicht kennzeichnen lassen!
Offenbar konnte Jay meine Gedanken in meinem Gesicht lesen. „Weder du noch ich haben die Freiheit, solche Dinge zu entscheiden, wie Menschen das können. Wir sind unserer Natur unterworfen. Wie lange hattest du keinen Partner? Was willst du während der nächsten Paarungszeit tun?“
Ich schüttelte den Kopf. „Du kannst mich zwingen … aber das wird mich trotzdem nicht zu deiner Gefährtin machen.“
Jay seufzte und zuckte dann die Schultern. „Wenn du es unbedingt auf diese unromantische Art haben willst … bitte … wir werden das später klären.“ Er warf mir eine Jacke und ein paar Turnschuhe vor die Füße. Es waren nicht meine. Wahrscheinlich hatte er die Sachen besorgt. „Zieh das an, ohne Schuhe verbrennst du dir die Füße.“ Dann schwang er sich auf sein Bike und wandte sich zu mir um.
Ich sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Ich soll auf diesem Ding fahren?“
„Es sei denn, du willst hinter mir herlaufen.“
Ich starrte das stinkende Monster von einem Bike an. Nie hätte mich Oliver dazu gebracht, mich hinter ihn auf sein Motorrad zu setzen. Er hätte mich allerdings auch nie gefragt.
Einen Augenblick lang war ich versucht, mich zu weigern, aber in einem hatte Jay wohl recht. Ich war ein Sklave meiner Natur und die sagte mir, dass ich alleine nicht zurechtkam … nicht ohne ein Rudel …
Zerknirscht gab ich nach, zog die Sachen an, und stieg hinter Jay auf das Bike – peinlich darauf bedacht, möglichst viel Abstand zwischen seinem Rücken und mir zu halten, was relativ schwierig war, weil ich mich an ihm festhalten musste. Als ich seine Bauchmuskeln durch sein Shirt spürte, wurde mir klar, wie lange ich keinem Mann mehr so nah gewesen war. Mein Körper reagierte gegen meinen Willen auf die Nähe. Panisch über meine eigenen Empfindungen wollte ich die Hände wegziehen, aber Jay hielt sie an Ort und Stelle. „Du musst dich festhalten.“
Also schloss ich die Augen und versuchte an etwas anderes zu denken. Ich musste mir Jay vom Leib halten – egal, was auch kam. Denn sobald ich eine Paarung zuließ, gehörte ich ihm … einem totalen Verlierer. Und so tief ich auch gefallen sein mochte … das wollte ich auf jeden Fall verhindern!
Jay
Es war nicht leicht, Monas körperliche Nähe zu ignorieren, während sie mir so nah war. Gott … ich wollte sie nackt auf einem Bett und meinen Schwanz tief in sie hineinstoßen. Sie musste meine Erregung wahrnehmen … genau, wie ich ihre wahrnahm. Im Grunde machte ich mir keine Gedanken darüber, dass Mona mich ablehnte. Sie war wütend, weil ihr Bruder sie mir überlassen hatte. Dass meine neue Gefährtin nicht gerade das war, was man einen fügsamen Charakter nannte, wusste ich bereits. Aber auch dies war ein Grund dafür, dass Mona mir gefiel. In der rauen Welt der Biker, waren Frauen nicht selten wie Mona. Sie wussten, was sie wollten … und ich würde Mona einfach dazu bringen, dass sie mich wollte. Ein Vorteil war, dass sie genau wie ich ihrer Natur unterworfen war. Menschen hatten es leichter … sie wurden nicht so stark wie wir von ihrer Natur kontrolliert. Vielleicht würde Mona eine Weile wütend auf mich sein, aber letztendlich würden wir uns aneinander gewöhnen und gut miteinander auskommen.
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