„Was sind deine Pläne? Bleibst du eine Weile in der Gegend?“
„Ich bin nicht der Typ, der lange an einem Ort bleibt, und ein befreundeter MC erwartet mich.“
Mir entging nicht der unentspannte Ausdruck in Evelines Gesicht. Von Mottoradclubs hatten wir dank Oliver und Rory genug. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Wenn Jay geahnt hätte, wie viele Leichen Vince im Keller hatte … im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht waren ja sogar ein paar Kumpels von Jay dabei?
„Deine Schwester scheint es ja kaum erwarten zu können, dass ich verschwinde.“
Ich bedachte Jay mit dem offensichtlichsten Leck mich am Arsch Blick, den ich zustande brachte. „Stimmt … deine Instinkte scheinen trotz deiner Nähe zu Menschen zumindest noch zu funktionieren.“
„Mona!“
Ich sah Vince herausfordernd an. „Was? Soll ich aufstehen? Soll ich in mein Zimmer gehen?“
Vince wollte etwas sagen, aber Jay kam ihm zuvor. „Ich komm damit klar.“
Leider gab Vince sich mit der Antwort zufrieden und ließ sich nicht weiter provozieren.
Ich ärgerte mich darüber, dass Jay mich beobachtete, sobald er glaubte, dass ich es nicht mitbekam. Wahrscheinlich war er heiß begehrt bei den Menschentussis – aber er war mehr als nur dämlich, wenn er glaubte, dass er bei mir Chancen hätte! Auch wenn er der letzte Mann meiner Art auf diesem Planeten gewesen wäre – ich hätte mich lieber vor ein Auto geworfen, als einen Omega ohne Rudel zu akzeptieren!
„Wie verdienst du dir eigentlich deinen Lebensunterhalt ohne die Unterstützung eines Rudels?“, wollte Vince wissen.
„Vince ...“, sagte Eveline entgeistert und schüttelte den Kopf, aber Jay lachte nur.
Ich hackte meine Gabel in ein Stück blutiges Steak auf meinem Teller. Warum interessierte Vince sich überhaupt dafür?
„Ich erledige ab und an Aufträge für verschiedene Motorradclubs. Ansonsten brauche ich nicht viel. Ein Clubhaus, in dem ich übernachten kann, gibt es in fast jeder Stadt.“
„Aufträge ...“, bohrte Vince nach, und ich konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn ratterte. Er zählte sich an jedem Finger ab, dass es sich wohl nur um Aufträge solcher Art handeln konnte, an denen sich andere nicht die Finger schmutzig machen wollten. Na ja ... der Typ wäre bald aus unserem Leben verschwunden, und wir würden ihn nie wieder sehen. Da konnte es mir egal sein.
Da ich meinen Ruf als Miststück der Familie nicht gefährden wollte … schon gar nicht für einen Loser …, verzichtete ich darauf, mich nach dem Essen von Jay zu verabschieden. Stattdessen stand ich auf und ging ohne ein Wort die Treppe hinauf zu meinem Zimmer. Ich vergaß auch nicht, die Tür mit einem lauten Knall zuzuschlagen.
Diesem Arsch hatte ich ordentlich gezeigt, was ich von ihm hielt! War ja auch mal wieder so typisch. Alle schnappten sich einen Alpha … Eveline, Fiona und sogar Rory … und für mich interessierte sich der größte Loser, den es unter meiner Art gab. Gut … mein Bruder Marcel war ein noch größerer Loser, aber der zählte nicht wirklich …
Ich ging zum Fenster und beobachtete, wie Jay zu seinem Chopper ging. Kurz sah er zu mir hoch, als würde er etwas von mir erwarten. Echt jetzt? Ich hob meine Hand und zeigte ihm den Mittelfinger.
Jay grinse nur und band sich sein Bandoo um - dann schwang er sich auf sein Bike und knatterte davon in den Sonnenuntergang.
„Bye Bye, Loser ...“, murmelte ich und wusste selbst nicht, warum der Typ mich so wütend gemacht hatte. Eigentlich hatte Jay mir nichts getan - wahrscheinlich war es einfach meine persönliche Enttäuschung. Da traf man einen Mann seiner Art, was ohnehin schwierig genug war … und dann war er ein … Herrgott … ich hatte noch nicht einmal einen Namen für das, was Jay war. Ein Ausgestoßener war er ja nicht wirklich … er hatte sich auch noch freiwillig für so ein Leben entschieden …
Als ich zwei Stunden später ins Bett ging, hatte ich Jay schon fast vergessen. Er war nur ein weiterer flüchtiger Moment in meinem tristen und frustrierenden Leben gewesen … Ich dachte an Oliver und wünschte ihm und Rory die Pest an den Hals. Wahrscheinlich richteten sie sich gerade ihr Haus in den USA ein … und zwischendurch paarten sie sich hemmmunglos. Seit Oliver fort war, lag ich, was das anging, vollkommen auf dem Trockenen. Mein Leben war zu Ende … ganz egal, wie ich es auch drehte und wendete. Und wenn Vince erst Vater war … ich mochte gar nicht darüber nachdenken, was dann aus mir werden würde.
Ich schlug die Augen auf, weil ich etwas gehört hatte. Normalerweise wäre ich nicht wach geworden - ich kannte alle vertrauten Geräusche im Haus: Vinces Schritte, Evelines und sogar die von Nathan, Amon und der bescheuerten Kandy. Aber dieses Geräusch hatte mich aufschrecken lassen, weil es ungewohnt war – es war in meinem Zimmer!
Ehe ich ein warnendes Knurren von mir geben konnte, packte mich jemand und drückte mich auf das Bett, und jemand anderer pappte mir einen Klebestreifen quer über den Mund und verband mir die Augen mit einem Stoffstreifen. Was zum Teufel ... Ich tobte stumm und kämpfte gegen denjenigen, der mich festhielt ... dann wurde mir klar, dass ich den Geruch beider Angreifer kannte. Der eine war Vince, der andere Amon!
Das brachte mich nur dazu, noch wilder zu kämpfen, aber gegen die beiden Alphas hatte ich keine Chance.
„Los … binde ihr die Füße zusammen und dann die Arme. Sie darf sich nicht bewegen.“
„Ja, ja … ich mach schon. Verdammt ist die stark.“
Fahr zur Hölle, Amon …, schrie ich stumm gegen das Klebeband. Wie konnte er es wagen, mich anzufassen?!
„Mann, die macht sich schwer ...“, ächzte Amon, während ich mich so unhandlich wie möglich gab. Die beiden schleppten mich wie einen Sack Mehl aus meinem Zimmer und dann die Treppe hinunter.
„Eveline darf nicht wach werden ...“, flüsterte Vince.
Aha! Daher wehte also der Wind. Vince versuchte, mich loszuwerden! Weil Eveline wie alle Menschen hoffnungslos sentimental war, hatte ich es hauptsächlich ihr zu verdanken, dass ich überhaupt noch in diesem Haus lebte.
Mein Körper wurde automatisch starr. Was hatte Vince vor? Wollte er mich umbringen und verscharren, wie diese Biker, die Rory auf den Fersen gewesen waren? Denn anders würde er mich kaum loswerden. Ich konnte einfach zurückkommen, wenn er mich irgendwo aussetzte und Eveline alles erzählen. Mir bliebe auch gar nichts anderes übrig, denn ich hatte nicht gelernt, alleine zu überleben …
Ich mobilisierte noch einmal alle meine Kräfte, als Vince und Amon mich aus dem Haus trugen – vergeblich! Die beiden hatten das hier geplant.
Als ich auf die Rückbank eines Autos geworfen wurde und Vince keine Anstalten machte, einzusteigen, schloss ich innerlich mit meinem Leben ab. Er wollte also Amon die Drecksarbeit überlassen. Vielleicht empfand Vince ja sogar Skrupel dabei, mich loszuwerden, weil wir ein Blut waren – aber Amon besaß diese Skrupel nicht. Ich verstand in diesem Moment, was für eine Idiotin ich gewesen war – ich hatte geglaubt, dass ich sicher war. Aber ich hätte es besser wissen müssen … es gab jemanden, der Vince näher stand als seine Schwester … und das war sein Kind ...
Dass ich nicht sterben würde, wurde mir spätestens klar, als Amon nach einiger Zeit den Motor des Autos abstellte und ausstieg. Ich bekam mit, dass er sich mit jemandem unterhielt, konnte aber nicht erkennen, wer es war.
Erst, als die Autotür geöffnet wurde und Jay mir den Stoffstreifen von den Augen zog, verstand ich alles.
„Hallo Süße … freust du dich, mich zu sehen?“
„Fick dich!“, rief ich, aber durch das Klebeband drang nur ein undefinierbares Geräusch.
Ich zappelte und brüllte gegen meinen Knebel, als Jay ein Springmesser aus der Tasche seiner Jeans zog. Deshalb hatte Vince sich beim Abendessen also dafür interessiert, wie Jay sein Geld verdiente! Wäre ich doch nicht in mein Zimmer gegangen … wahrscheinlich hatten sie in aller Ruhe die Einzelheiten meines Todes besprochen, nachdem ich verschwunden war.
Читать дальше