Auf dem Weg zu ihrer Zelle kämpfen sie sich durch den dicht bevölkerten Flur. Hie und da beobachten sie die üblichen Neckereien unter den überwiegend jugendlichen Mithäftlingen, die sich mit ihren Badetüchern schlagen oder sich gegenseitig in den Schritt fassen und dabei ausgelassen lachen. Markus und Ben kümmern sich nicht um derartige Albernheiten und wirken fast wie Sonderlinge.
Die Brüder haben die blauen Einheitsjeans und graue Muskelshirts angezogen.
An einem winzigen Spiegel unternimmt Ben den Versuch, seine widerspenstigen Haare in Form zu bringen.
Markus schlägt seine Mähne mehrmals nach vorne aus, um den Trocknungsprozess zu beschleunigen. Anschließend frisiert er die Haare mit einer Drahtbürste zu einem Seitenscheitel.
Ben sieht auf seine klobige Taucheruhr. „Oh, sch... schon Abendessenszeit.“
Hinter einem aufgebauten Tisch mit Verpflegung für die Abendmahlzeit thront der für die Essensausgabe eingeteilte Kemal auf einem dreibeinigen Hocker.
Markus begutachtet das dürftige Angebot, das aus mehreren Sorten Brot, Wurstaufschnitt und Schnittkäse, in Stücke zerteilte Schlangengurke, unreifen Tomaten und einem nicht gerade appetitlich aussehenden Klumpen Mett besteht. Nachdenklich tastet er seine muskulösen Oberarme ab und wirkt wenig entschlossen.
Ben hat seine Auswahl schnell getroffen. Wahllos packt er sich seinen Teller mit Brot, Wurst und Käse voll.
Kemal zeigt Markus grinsend seine Zahnlücken.
Einige Jungen bleiben neugierig stehen, als erwarten sie, dass in den nächsten Sekunden ein Schaukampf zwischen den beiden Dauerstreithähnen beginnt.
Kemal ist siebzehn und spricht lupenreines Kiezdeutsch. „Oh, Susi! Hast dein Haare schön gemacht. Los, du Penner! Willst übernachten? Ha? Hab isch Wichtiges vor. Mach schon!“ Lustlos klatscht er eine Kelle Schweinemett auf einen Teller, den er Markus unter die Nase hält. „Hier hastu Mett.“
Markus verzieht gelangweilt den Mund. Warum überschätzt der Türke seine Kräfte, fragt er sich. Denn im Grunde genommen hätten fünf Kemals zusammen nicht die geringste Chance gegen ihn und Ben. „Mach keinen Stunk, Kemal!“
Kemal streckt die Hand mit dem Teller aus und berührt Markus' Brustkorb. „Kaviar ist heute alle. Wallah, ihr fresst doch rohes Fleisch von stinkenden Schweinen. Nimm was du willst und verpiss dich endlich!“
Ben geht einen Schritt auf Kemal zu. „Was willst du Kameltreiber?“
Markus starrt Kemal kalt an und hält Ben zurück.
Am Ende des Ganges sieht Kemal einen Gefängnismitarbeiter, der, weil die Situation zu eskalieren droht, um die Ecke verschwindet. Typisch, sagt sich Kemal. Immer schön weggucken, wenn es brenzlig wird. Jetzt wendet er sich Ben zu. „Guck mal, guck mal, der kleine Ben. Ey, Lan, Alter. Fühlst dich stark mit dein große Bruder, was?“
Markus bleibt seelenruhig. Für diese Witzfigur würde er seinen Urlaub nicht aufs Spiel setzen. „Glaub, ich muss mal mit dir Schlitten fahren“, sagt Markus gepresst.
Kemal sieht sich nach allen Seiten um. „Pah! Ohne Schnee? Siehst du so Schnee oder so? Isch seh kein Schnee.“
Markus grinst Kemal breit an und angelt, ohne ihn aus den Augen zu lassen, ein paar Brotscheiben vom Tisch. „Wenn ich in drei Tagen wieder zurück bin, ist hier alles zugeschneit.“
Kemal guckt verwirrt, dann geht ihm endlich ein Licht auf. „Ah, machst du so Urlaub? Besorgst du’s den Bräuten mit dein klein Schwanz? Häh? Schiebst für mich so ein Gruß mit rein?“ Er hat die Lacher auf seiner Seite.
Markus hindert Ben erneut daran, eine unbedachte Handlung zu begehen. Ganz souverän und mit einem süffisanten Grinsen entgegnet Markus: „Eigentlich mach ich so was ja nicht. Aber bei deiner Fatma werd ich mal 'ne Ausnahme machen.“
Kemal springen fast die Augen aus dem Kopf. Nur mit Mühe behält er die Kontrolle und winkt zwei seiner Kumpane heran, die Markus daraufhin in die Zange nehmen. Dann sagt er: „Du rührst meine Fatma nicht an, Lan. Du nich. Kapiert? Hab isch noch Blutspendentermin frei. Ischschwör, Alter, hau isch dir so ein ganze Liter aus dein Nase. Was?“
Markus zeigt sich unbeeindruckt, deutet nach rechts und links auf Kemals Komplizen. „Kannst du das auch ohne diese beiden Affen hier?“
Kemal gibt seinen Leuten ein Zeichen, die Markus daraufhin loslassen.
Markus wendet sich ab. Doch dann dreht er sich noch einmal um, zieht die Lippen hoch wie ein irrer Ackergaul und deutet mit dem Zeigefinger auf seine Frontzähne. „Ach, Kemal ... Putz mal deine Zähne! Morgen ist Pferderennen.“
Den muss Kemal erst mal verarbeiten. Nachdenklich tastet er mit den Fingern seine weit auseinander stehenden Schneidezähne ab.
Markus geht mit Ben die Treppen zu den Zellen hoch. Hinter ihrem Rücken vernehmen sie Kemals Stimme.
„Der war gut, Alter. Wallah, echt stark, Mann. Muss mir merken.“
Ohne sich umzudrehen hebt Markus die Hand zum Gruß.
Vergitterte Fenster, ein Etagenbett, Pin-up-Girls und ein Braveheart-Plakat an der Wand. Auf der Mattscheibe des Mini-Fernsehers läuft die x-hundertste Folge irgendeiner Soap.
Markus und Ben nehmen, an einem Tisch hockend, schweigsam ihre Abendmahlzeit ein. Morgen haben sie Heimaturlaub, zwei Tage lang, von Mittwochmorgen bis Donnerstagabend. Wie sich das anhört: Heimaturlaub. Dabei wissen sie gar nicht, wo ihre Heimat genau liegt. Sie kommen aus zerrütteten Verhältnissen, hatte der Richter immer wieder hervorgehoben, der sie schließlich wegen schwerer Körperverletzung in drei Fällen, diverser Diebstähle, Drogen- und Waffenbesitzes zu zweieinhalb Jahren Jugendhaftstrafe verurteilt hat. Davon haben sie drei Monate abgesessen, die ihnen unendlich lange vorgekommen sind, so als habe man ihnen ihre ganze Jugend weggenommen. Sie sehnen sich nach Freiheit, und wenn es nur diese lächerlichen zwei Tage sind.
Zu ihrem alten Herrn müssen sie fahren. Lächerlich! So sind halt die Vorschriften bei Minderjährigen.
Scheiß drauf. Wenn sie ihre Strafe hier abgesessen haben, sind sie volljährig. Dann kann ihnen niemand mehr vorschreiben, wo sie sich zu melden haben. Sie werden ein neues Leben beginnen. Mit 'ner geliehenen Karre runter in den Süden brausen und die düsteren Erinnerungen ablegen wie ein zerschlissenes Kleidungsstück. Der richtige Zeitpunkt für den Absprung, der wird sich schon noch ergeben.
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