Meine Gedanken versuchen sich zu verstecken. Sie kommen aber immer wieder. Mein Gehirn kreist unaufhörlich um den Gedanken, ob ich mit Schuld daran bin, dass Amenophis sterben musste. War er an gebrochenem Herzen gestorben? Ich will das nicht denken!
Wir leckten zusammen die Feigen ab. Auch mit fast zwanzig Jahren hatte er noch Freude daran. Wir alberten herum und sogen die Süße der Feigen in uns auf. Manchmal aß Amenophis auch eins dieser Dinger. Ich begnügte mich damit, die Süße in meinem Mund zu spüren. Nach essen war mir nicht. So etwas wie Magengrummeln kannte ich nicht. Aber ich konnte trotzdem die Speisen, die er brachte, mit meinen Sinnen aufnehmen. Und das tat ich begierig. Steine schmecken nämlich nicht und fühlen sich immer gleich rau und staubig an.
Amenophis brachte eine ganz neue Welt in meine Kammern. Es waren inzwischen unzählige. Zumindest kam mir das so vor. Der Pharao besuchte mich anfangs ab und zu, dann später fast täglich. Ich konnte es kaum erwarten, seine Schritte in dem Mauerlabyrinth zu hören. Er hatte inzwischen Feuerschalen und brennende Fackeln überall aufstellen lassen. Und die Priester sorgten dafür, dass diese ständig brannten.
Am Anfang hatte ich Angst vor dem Feuer. Ich merkte, das es meinem Fell und meinem Körper etwas anhaben konnte. Und da die Gänge sehr eng und ich recht groß bin, dauerte es eine Weile, bis ich mich an die veränderte Situation gewöhnt hatte und genauso schnell und beweglich war, wie zu den Zeiten ohne das künstliche Licht.
Die häufigen Besuche bei mir hatten Folgen. Amenophis bekam Ärger. Als er noch sehr jung war, schien sich keiner daran zu stören, dass er bei mir war. Ja, sie schienen es zu begrüßen, dass der Junge einen Kontakt zu einem Wesen pflegte, das irgendwie in eine jenseitige Welt zu gehören schien.
Die Ägypter liebten Mischwesen wie mich. Die meisten ihrer Götter, die sie verehrten, waren welche. Und es schien für den jungen Pharao förderlich zu sein, mit so einem Wesen Zeit zu verbringen. Seine Untertanen sahen in ihm auch die Eigenschaft, dass er einen engen Bezug zur Götterwelt hatte, oder sogar göttlich war. Die Zeit mit einem Wesen zu verbringen, was ebenfalls eine Verbindung zur Götterwelt hat, schien daher logisch. Aber das änderte sich.
Als Amenophis weitere Male bei mir in meiner Kammer erschien, kam er alleine, ohne Leibwächter. Er erzählte mir, dass er von so einem Wesen wie mir von seiner Amme gehört hätte und diese ihn ermutigt hatte, mich zu suchen. Die Amme wusste auch, wo ich war und wo Amenophis hin gehen musste.
Ich war verblüfft. Der Junge hatte tatsächlich keine Angst vor mir. Die Amme musste nur Gutes über mich erzählt haben.
Er kam zu meiner Überraschung regelmäßig und hatte die Gewänder des Pharaos stets abgelegt. Er war nun ein normaler Junge, der spielen wollte.
Ich wollte wissen, ob die Amme ihn aufgeklärt hatte, was eine Sphinx in Zusammenhang mit einem Pharao für eine Aufgabe hat. Aber Amenophis meinte nur, dass ich zum spielen da sei und ich ihm seine Zeit vertreiben sollte, denn der Alltag als Pharao langweilte ihn zu Tode. Ich glaube eher, dass ihn die Aufgaben des Pharaos ängstigten und zum Teil überforderten. Wenn er zu mir kam, durfte er ganz Junge sein und alle Sitten, Gebräuche, Vorschriften und strenge Regeln blieben draußen im Sand der Wüste stecken.
Dabei blieb es. Amenophis kam, wir spielten verstecken. Er schlief in meinen Armen und erzählte mir ab und zu von der Außenwelt in die ich nicht konnte. Es war unspektakulär. Ich glaube, er sah in mir ein Haustier. Und ich war glücklich. Amenophis machte mit seinem Lachen die Steinmauern weich.
Es ging glückliche Jahre so.
Eines Tages kam der Junge mit hängenden Schultern in mein Gemach und Wasser lief aus seinen Augen. Sein Gesicht war rötlich geschwollen und seine Stimme brach, als er mir erzählte, dass er unbestimmte Zeit nicht zu mir kommen dürfe. Seine Aufpasser hatten es ihm verboten. Wie unverschämt!
Mich fröstelte. Ich konnte nicht weinen, aber es fühlte sich so an, als wäre es mein Todesurteil. Ich hatte sowieso schon damit zu kämpfen, jeden Tag aufs Neue auf ihn zu warten. Schon die letzte erzwungene Wartezeit auf ihn, war mir unendlich vorgekommen.
Menschen waren so zerbrechlich. Und so ein junges Ding wie Amenophis erst recht. Statt ihn vor allen Gefahren zu beschützen, setzten die Leute aus dem Palast ihn Situationen aus, in denen er verletzt werden konnte. So war er von seinem Pferd gestürzt und hatte sich dabei seinen Fußknöchel verletzt. Die Menschen starben manchmal an solchen Ereignissen. Amenophis hatte sich aber – Re sei dank – wieder davon erholt. Aber er konnte als Folge davon zwei Wochen nicht zu mir kommen. Ich wusste nicht, was los war und machte mir Sorgen, dass es etwas Schlimmes war, was passiert war. Ja, ich schlug mich sogar mit dem Gedanken herum, meine Mauern zu verlassen, um nachzusehen. Was für ein absurder Gedanke! Die Umsetzung hätte meinen Tod bedeuten können.
Doch es ging alles glimpflich aus. Amenophis humpelte nur eine Zeit lang. Re hatte seine Fürsorge geschickt und den jungen Pharao gerettet. Ich war selig! Er kam wieder regelmäßig zu mir.
Lasst mich weiter in den glücklichen Jahren schwelgen!
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