Gegen 20:30 Uhr schlendert sie langsam nach Hause und holt Mäxchen zum Gassi gehen ab. Wie vorausgesagt ist Franzi auch ausgegangen. Umso besser! So gibt es wenigstens keine Diskussionen. Marianne braucht keine Erklärungen in Form von weiteren Lügenmärchen abzugeben.
Um in Ruhe nachzudenken beschließt Marianne eine große Runde mit Mäxchen zu gehen. Wieder zu Hause bereitet sie sich schnell fürs Bett vor. So kann sie sich schlafend stellen, wenn Franzi eintrudelt.
Morgens frühstückt sie die meiste Zeit alleine, denn Franzi liebt es auszuschlafen.
Was soll sie nur mit Gerd machen? Das sind ihre letzten Gedanken, als sie in einen, wieder einmal, unruhigen Schlaf verfällt.
Nur im Halbschlaf vernimmt sie wie Franzi sich leise ins Bett nebenan legt.
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Auch Gerd muss immerzu an Marianne denken. Des Öfteren überlegt er sich, wie er es anstellen soll um sie zu einem weiteren Treffen zu überreden, doch es fällt ihm kein geeigneter Schlachtplan ein. Er ist traurig. Besonders dann, wenn er abends in sein verlassenes Heim zurückkehrt. Wie schön wäre es doch von Frau, Kindern und Hund empfangen zu werden. Marianne erfüllt all diese Kriterien. Nur, sie hat ihm eine Abfuhr erteilt.
Das Schlimmste ist, dass niemand auf ihn wartet. Auf der einen Seite hat er gar keine Lust mehr nach Hause zu gehen, auf der anderen Seite, was soll er draußen anstellen? Er würde nur alleine durch die Straßen tingeln. Es ist besser, er fährt direkt nach Hause und versucht den Abend totzuschlagen bis es an der Zeit ist ins Bett zu gehen.
Aber auch hier holt ihn der Gedanke an Marianne ein. Er schläft nicht mehr gut. Morgens war er unausgeschlafen, um nicht zu sagen gerädert und oft übelgelaunt. Selbst seine Mitarbeiter in der Apotheke beginnen sich Fragen über seinen Gemütszustand zu stellen. So kennen sie ihren Chef bislang nicht.
Sein Freund Manfred hat ihn bereits direkt darauf angesprochen, doch Gerd hat missmutig abgewinkt und jede weitere Auskunft verweigert. Er ist einfach nicht mehr er selbst. Es muss etwas geschehen. So viel steht fest.
Wieder ein Sonntag. Franzi muss schon nach einem späten Frühstück fahren. Das heißt, Marianne hat wenigstens den Sonntagnachmittag um aufzuatmen.
Das Wetter ist schön. Sie beschließt mit dem Rad nach Oberstdorf zu fahren. Auf dem Hinweg fährt sie ab Fischen über Obermaißelstein und Tiefenbach. Für den Rückweg hat sie den Illerdamm ausgewählt. Nach der Radtour wird sie bestimmt ruhiger sein. Das ist meistens so.
Gleich nach Franzis Abfahrt macht sich Marianne auf den Weg. In ihren Rucksack hat sie neben dem Erste Hilfe-Täschchen, Wasser, Bonbons und einen Apfel gepackt. Schließlich ist sie einige Zeit unterwegs.
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Auch Gerd nutzt das schöne Wetter aus um zu radeln. Er will sich nicht zu sehr anzustrengen und fährt deshalb gemütlich nach Oberstdorf. Dabei wird er wenigstens auf andere Gedanken kommen. Die frische Luft tut ihm bestimmt gut.
Vielleicht entscheidet sich Marianne für den gleichen Weg. Das Treffen wäre tatsächlich zufällig und Marianne könnte nicht behaupten, er hätte ihr nachgestellt.
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Auf dem Rückweg legt Marianne am Illerdamm bei Fischen auf einer Bank eine Rast für ein Sonnenbad ein. Sie schließt die Augen und genießt die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Schön ist es. Diese Ruhe, im Hintergrund das regelmäßige Rauschen der Iller und das Zwitschern der Vögel. Marianne entspannt sich.
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Er ist noch auf dem Weg nach Oberstdorf, als er sie auf der Bank sitzen sieht. Zuerst stutzt er. Ist es möglich, dass er solch ein Glück hat? Er kann es nicht glauben. Aber er wird natürlich diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen und auf sie zugehen. Sie kann so wütend reagieren, wie sie will. Ihm ist es egal!
Bei schönem Wetter ist auf dem Schotterweg reger Rad- und Fußgängerverkehr. Mit geschlossenen Augen vernimmt Marianne Stimmen. Zwischendurch hört sie wie die Kieselsteinchen unter den Fahrradreifen hervorspicken. Marianne fühlt sich rundum pudelwohl und entspannt. Man darf sich nur nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Plötzlich fährt Marianne hoch. Sie hört eine bekannte Stimme neben sich fragen: „Ist hier noch frei?“
Nun ist sie leider gezwungen ihre Augen zu öffnen. Zunächst blinzelt sie in die Sonne. Dann schirmt sie mit der rechten Hand die Augen ab, um sehen zu können und erblickt Gerd. Oh, du meine Güte! Vor ihr steht er in voller Größe, das Mountainbike zwischen die Beine geklemmt.
Spontan, völlig überrascht und unüberlegt sagt sie: „Na hallo, natürlich ist hier noch ein Plätzchen frei.“ Augenblicklich rückt sie ein wenig zur linken Seite, obwohl sie gar nicht in der Mitte der Bank sitzt.
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Ihre erste Freude scheint echt. Keine Abneigung ist in ihren Augen zu erkennen und sofort schöpft Gerd neue Hoffnungen.
„So trifft man sich wieder“, vernimmt Marianne, während Gerd sich neben sie setzt. „Wie geht es Ihnen? Sie sehen müde aus. Sind Sie ohne Ihre Kinder unterwegs?“
Da ist sie wieder, die Lüge ihres Lebens. Wie ein Bumerang fällt sie ihr wieder in den Schoß. Sie kann nicht zurück. Sie muss dieses wackelige Kartenhaus weiterbauen, ob sie will oder nicht. Wann wird es über ihr zusammenfallen? Weshalb hat sie nur damit angefangen? Marianne ist unglücklich. Die Sache mit Franzi ist eine Angelegenheit, die ihr im Magen liegt, doch das hier macht ihr noch mehr zu schaffen.
„Ja, ich bin alleine hier“, antwortet Marianne schließlich zögernd, „es ist die Arbeit. Ziemlich viel zu tun. Auch sonst bin ich schlapp. Bestimmt liegt es am Wetter.“
„Vielleicht wäre es besser gewesen, Sie wären ab und zu mit mir ausgegangen“, meint Gerd lächelnd. Er zwinkert ihr zu. „Das hätte Sie auf andere Gedanken gebracht.“
„Ja, vielleicht“, gibt sie zu und um freundlich zu sein: „Sie sehen gut erholt aus.“
„Danke für die Blumen, aber der Schein trügt“, nun lacht er wirklich. „Aber mal ehrlich, gehöre ich inzwischen zu den gutaussehenden Männern? Das habe ich noch gar nicht gewusst“, fährt er scheinbar ahnungslos fort. Marianne ist sich sicher, dass er weiß wie anziehend er wirkt. Für ihre Begriffe, das will sie sich offen eingestehen, sieht er gut aus.
Trotzdem stottert sie wieder los und bringt schließlich heraus: „Ich meine nur, Sie sind schön gebräunt.“
„Ach so“, grinst er sie frech an, „das. Ja, irgendwie musste ich meinem Leid freien Lauf lassen und da habe ich mich ganz spontan entschlossen alleine zum Wandern in die Dolomiten zu fahren. Das Ergebnis scheint sichtbar zu sein. Mein Leid ist dadurch nicht gemildert worden, dafür habe ich Farbe im Gesicht bekommen.“
„Schön für Sie“, sagt Marianne, um überhaupt etwas zu sagen. Danach beschließt sie wieder einmal zu schweigen. Es kommt doch nichts Sinnvolles und Zusammenhängendes heraus. Vor allem kann alles, was sie jetzt noch sagt, gegen sie verwendet werden. Ist das nicht der Spruch bei einem Polizeiverhör?
*
Obwohl sich Marianne offensichtlich gefreut hat Gerd zu sehen, fällt ihm auf, dass sie sich ihm ebenso schnell wieder verschließt. Was macht er nur ständig falsch? Weshalb lehnt sie ihn plötzlich so massiv ab? Er würde es sofort ändern, wenn er nur wüsste was.
Leider wagt er nicht sie zu fragen. Er weiß, er würde eine Abfuhr erhalten. Daran liegt ihm jedoch nicht.
„Wo wollten Sie außer Sonnenbaden noch hin radeln?“, will er stattdessen wissen.
„Nach Hause“, antwortet Marianne einfach, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
„Haben Sie nicht Lust mit mir Kaffee zu trinken?“, schlägt er vor, „wir könnten unser Wiedersehen feiern.“
„Na, ich weiß nicht“, zögert sie wieder einmal. Kann sie denn nie von Haus aus eine klare Antwort geben und in diesem Fall nein sagen? Immer dieses Vielleicht, Aber und es ist egal. Langsam geht ihr das auf die Nerven. Sie muss lernen Entscheidungen zu treffen. Das sollte sie sich aneignen. Diese Kraft und Willensstärke muss sie finden.
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