Angefangen hatte es damit, dass ich Wolle und Roland immer im Bahnhof traf, wenn Frauke und ich in der Pause dorthin gingen, um zu rauchen. In der Schule galten Frauke und ich immer noch als Paar. Ich hatte mich noch nicht geoutet und hatte auch in nächster Zeit nicht vor, das zu tun. Zum Glück traf ich außerhalb der Schule kaum auf Mitschüler. Auf den Demos waren schon mal welche, aber da waren Malte und ich ja meist getrennt, weil er friedlich marschierte, während ich Randale machte. Und im besetzten Haus ließ sich niemand aus der Schule blicken. Auch Torsten und Kurt tauchten dort nicht mehr auf. Nur Torstens Bruder traf ich schon mal, aber der gehörte inzwischen zum harten Kern der RAF und hatte besseres zu tun, als seinem Bruder zu erzählen, dass ich einen Freund hatte.
Im Bahnhof standen Frauke und ich oft mit Wolle und Roland zusammen. Wir rauchten und lästerten über unsere Lehrer. Ein paar Mal machten wir auch zusammen blau und spielten Doppelkopf statt zum Unterricht zu gehen. Irgendwann kam dann das Gespräch auf Drogen. Wolle und Lothar erzählten, dass sie gerne mal Gras probieren würden und fragten mich, ob ich ihnen etwas besorgen könnte. Ich hatte natürlich durch die besetzte Villa und die Demos jede Menge Kontakt zu Leuten, von denen ich was kaufen konnte. Und so verabredeten wir uns für einen Nachmittag, an dem Wolle und Roland zum ersten Mal kiffen wollten. Ich kaufte ein Gramm Marihuana, und Frauke und ich trafen Wolle und Roland im Wald hinter unserer Schule. Frauke und ich hätten ja in der Villa oder auch im Bahnhof gekifft, aber Wolle und Roland machten da eine Riesensache draus und wollten unbedingt wohin gehen, wo wir nicht erwischt werden konnten.
Zum Glück spielte das Wetter mit. Wir vier saßen im Gras auf einer Lichtung, ich drehte einen Joint, zündete ihn an und ließ ihn herum gehen. Es war echt gutes Gras und Frauke und ich waren ziemlich schnell stoned. Aber Wolle und Roland spürten natürlich nichts, weil es ihr erstes Mal war. Sie konnten gar nicht verstehen, dass Frauke und ich so gut drauf waren. Wir giggelten echt über jeden Blödsinn. Natürlich machten wir auch viele Insider-Jokes, mit denen Wolle und Roland einfach nichts anfangen konnten, weil sie die Leute nicht kannten. Frauke und ich waren auch echt gemein und lästerten über Malte und seine Anhänglichkeit, ohne dabei zu sagen, dass er so an mir hing. Natürlich mussten wir darüber besonders lachen und Wolle und Roland konnten überhaupt nicht verstehen, was so komisch daran war.
Irgendwann wurden Wolle und Roland ziemlich sauer, weil sie dachten, wir hätten sie übers Ohr gehauen, ihr Geld genommen, aber statt Gras ihnen nur Tabak oder Majoran zum Rauchen gegeben.
Wir verabredeten uns einfach ein weiteres Mal mit ihnen, um ihnen zu beweisen, dass unser Gras gut ist. Beim zweiten Mal wurden die beiden auch high. Danach trafen wir uns noch häufiger, um zusammen zu kiffen und wurden zu richtig guten Freunden.
In der Schule hing ich nun auch häufiger mit den beiden zusammen und lernte dadurch andere Leute aus der Klasse kennen. Mit Tim freundete ich mich besonders an. Wir lagen absolut auf der gleichen Wellenlänge, hatten die gleichen Meinungen, konnten über die gleichen Dinge lachen und verstanden uns einfach super. Wir waren beide verrückt nach dem Pumukl, einer neuen Kindersendung im Fernsehen mit einem Zeichentrick-Kobold mit knallroten Haaren. Jeden Abend saßen wir gemeinsam vorm Fernseher und guckten Pumukl.
Mit Malte verbrachte ich dadurch natürlich immer weniger Zeit. Ich war auch kaum noch im besetzten Haus und ging nicht mehr auf jede Demo.
Kapitel 8
Die erste Demo verpasste ich, weil ich auf einer Fete bei einer Freundin von Tim eingeladen war. Zum ersten Mal war mir eine Party wichtiger als der Kampf gegen unseren Staat. Malte konnte das natürlich nicht verstehen. Wir hatten einen dicken Streit, weil ich nicht mit zur Demo gehen wollte. Ich wurde echt gemein und warf ihm vor, dass er doch immer gewollt hatte, dass ich mich aus den Schlägereien heraus halte, und dass es ihm jetzt auch nicht Recht sei, dass ich nicht zur Demo gehe. Er warf mir vor, dass ich auf Tim stehe und nur deswegen zu der Fete gehen wollte. Das stimmte aber nicht, ich hatte überhaupt kein sexuelles Interesse an Tim. Tim war ein Kumpel, ein echter Freund. Ich hatte schon lange keinen männlichen Freund mehr gehabt. Ich hing ja sonst vor allem mit Mädchen herum oder mit Jungs, mit denen ich etwas hatte. Außer Malte hatte es da inzwischen schon den ein oder anderen gegeben, im besetzten Haus fand sich eigentlich immer ein Junge, der neugierig war. Aber mit Tim das war anders. Das war eine echte Jungenfreundschaft. Da gab es keinen Funken zwischen uns. Er heulte sich bei mir wegen seiner Freundin aus und ich erzählte von Malte, als wäre es Frauke oder von Frauke, als wäre sie Malte, je nachdem. Aber die meiste Zeit redeten Tim und ich eh nicht, sondern zogen einfach zusammen durch die Gegend.
Und jetzt freute ich mich auf die Party mit meinen zukünftigen Klassenkameraden. Leider würde Tim nicht dazu gehören, weil er auch sitzen bleiben würde, aber Wolle und Roland gingen in die neue Klasse. Und ich würde Tims Freundin auf der Fete kennen lernen. Bisher kannte ich Tina nur aus den Erzählungen von Tim, und ich war gespannt auf sie.
Malte versuchte dann noch mich zu überreden, ihn mit auf die Party zu nehmen. Aber das konnte ich doch gar nicht. In der Schule wusste doch keiner, dass ich keine Freundin, sondern einen Freund hatte. Außerdem wollte ich ihn auch gar nicht dabei haben. Das waren für mich zwei verschiedene Welten, Schule und Politik. Ich wollte nicht, dass diese Welten aufeinander trafen.
Erst versuchte ich Malte zu erzählen, dass es ihm eh nicht auf der Party gefallen würde, weil die Leute dort alle viel zu jung für ihn waren, dann versuchte ich ihn davon zu überzeugen, wie wichtig die Demo für ihn war und dass er mir nie verzeihen würde, wenn er nicht dahin ging. Außerdem wollte seine Schwester zu der Demo gehen und er müsste doch auf sie aufpassen. Malte bettelte fast schon darum, mit zu der Fete zu kommen. Irgendwann sagte ich ihm einfach, dass ich ihn nicht dabei haben wollte. Das führte erst zu einem Streit, dann zu Vorwürfen und schließlich dazu, dass Malte anfing zu weinen, weil ich ihn nicht liebte. Ich versicherte ihm, dass ich ihn liebte, aber einfach alleine Zeit mit meinen neuen Klassenkameraden verbringen wollte, um die kennen zu lernen. Wir hatten Versöhnungssex, und ich ging mit schlechtem Gewissen nach Hause.
Ich wusste genau, dass mein Lügengebilde irgendwann zusammen brechen würde und dass die Beziehung mit Malte schon lange zu Ende war, aber ich war einfach zu feige, um Schluss zu machen.
Kapitel 9
Die Party war wirklich Klasse. Den ganzen Abend dachte ich nicht über Politik nach, sondern hatte einfach nur Spaß, genau so wie es sein sollte für einen Jungen in meinem Alter. In der neuen Klasse waren so einige Sitzenbleiber, so dass die meisten Leute so alt waren wie ich. Tims Freundin war komisch, total steif und kein bisschen locker. Ich fragte mich, was Tim mit ihr wollte, aber wenn ich ehrlich bin, konnte ich das bei keinem Mädchen verstehen, also war ich vermutlich nicht besonders objektiv. Trotzdem flirtete ich gar heftig mit Kathi und landete auch irgendwann knutschend mit ihr in der Ecke. Aber bevor es zu weit gehen konnte, erzählte ich ihr, dass ich Frauke nicht betrügen wollte. Dafür hatte Kathi vollstes Verständnis, und wir gingen wieder zurück zu den anderen. Leider war Mike nicht da, ich hatte gehofft, den endlich kennen zu lernen. Mike war Tims bester Freund. Die beiden kannten sich seit dem Kindergarten und hatten ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Das ging sogar so weit, dass Mike sich um Tina kümmerte, wenn Tim keine Zeit für sie hatte, was eigentlich andauernd vorkam. Tim hatte mir erzählt, dass Tina nicht weiter gehen würde als küssen. Außerdem hatte sie sehr strenge Eltern, die es nicht erlaubten, dass die beiden allein in ihrem Zimmer waren und verlangten, dass sie um acht Uhr zu Hause war. Also zog Tim dauernd allein um die Häuser und suchte sich andere Mädchen zum Spaß haben. Und schickte Mike zu Tina, damit die keinen Blödsinn anstellen konnte. Dabei vermutete Tim schon lange, dass Mike und Tina miteinander Blödsinn anstellen würden. Als ich ihn fragte, warum ihn das nicht stört, sagte er, dass Tina Mike ja eh nicht an sie ran lasse. Wir haben da schrecklich drüber gelacht. Jetzt kam ich mir Tina gegenüber total gemein vor. Aber diesen Mike hätte ich doch zu gerne mal kennen gelernt. Der würde auch in der neuen Klasse sein. Inzwischen freute ich mich schon richtig darauf sitzen zu bleiben.
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