Wir standen also hinter der Schule und rauchten eine Zigarette. Unsere Freunde waren noch nicht aufgetaucht, also konnten wir reden. Frauke fragte mich gleich: „Was ist los mit dir?“ Ich versuchte erst einmal so zu tun, als hätte ich keine Ahnung, wovon sie spricht, aber sie ließ nicht locker. „Ich merk doch, dass was nicht stimmt mit dir. Seit gestern bist du total abwesend. Das einzige, worüber man mit dir noch reden kann, sind Karin und Malte.“ Sie stutzte einen Moment. „Hast du dich etwa in Karin verliebt.“ – „So’n Quatsch“, fuhr ich sie an. „Karin ist doch gar nicht mein Typ.“ Frauke überlegte eine Weile, dann fing sie an zu grinsen. „Ja klar. Jetzt weiß ich: Du hast dich in Malte verguckt.“ Verflucht, warum war ich eigentlich so’n heller Typ. Ich merkte, wie ich rot wurde. Das passierte mir andauernd in den unpassendsten Momenten. Wann immer mir etwas peinlich war oder wenn ich wütend wurde, bekam mein Gesicht gleich die Farbe einer Tomate. Ich bin halt blond mit ziemlich heller Haut. Am besten ist es, das einfach komplett zu ignorieren. Je mehr ich versuche, nicht rot zu werden, umso roter werde ich. Und so war es natürlich jetzt auch. Ich versuchte, an etwas anderes zu denken, aber es nützte nichts. Mein Gesicht wurde ganz heiß. Ich guckte auf den Boden und druckste herum. Es hätte jetzt wirklich nichts genutzt, den Gedanken weit von mir zu weisen. Frauke kannte mich viel zu lange und viel zu gut. Sie stupste mich an: „Hey. Ist doch nicht schlimm. Malte ist ja auch toll.“ Ich guckte Frauke an: „Findest du wirklich?“ Ich freute mich, endlich mit jemand über mich und meine Gefühle für Jungs reden zu können. „Klar. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er dich auch mochte.“ – „Wie jetzt? Als Kumpel oder anders?“ Frauke lachte: „So wie der immer zu dir rüber geguckt hat, könnte da auch mehr gewesen sein.“ Moment mal. Hatte ich jetzt gerade so etwas wie ein Coming Out gehabt? Ich hatte doch Frauke gegenüber gerade zugegeben, dass ich auf einen Mann stand, oder? Und es war irgendwie gar nicht schlimm gewesen. Ich nahm Frauke in den Arm und drückte sie fest: „Ist das okay für dich, dass ich Malte mag?“ Frauke drückte mich auch: „Wie lange kennen wir uns jetzt eigentlich? Glaubst du wirklich, ich hätte noch nicht gemerkt, dass du dir nichts aus Mädchen machst?“ Sie hielt mich ein Stück von sich weg und guckte mir in die Augen: „Mensch, Frank. Wie lange gelte ich jetzt offiziell als deine Freundin? Zwei Jahre? Drei? Und bisher hast du noch nicht einmal versucht, mir unter den Pullover zu fassen. Hältst du mich eigentlich für blöd?“ – „Warum hast du denn nie was gesagt?“ fragte ich sie. „Ich habe es ein paar Mal versucht, aber ich wusste nie, was ich sagen sollte. Und dann dachte ich, du wirst es mir schon sagen, wenn du so weit bist. Ich war mir auch nicht sicher, ob du es selber schon weißt.“ – „Doch. Das weiß ich schon lange, aber es ist nicht so einfach, darüber zu reden. Du bist der erste Mensch überhaupt, der Bescheid weiß. Oder meinst du, die anderen wissen was?“ fragte ich ganz ängstlich. „Nee, keine Sorge, die glauben doch, du bist mit mir zusammen.“ – „Aber ist das denn okay für dich?“ – „Solange du nicht eifersüchtig wirst, wenn ich mit einem anderen herum mache“, lachte Frauke.
Das war doch jetzt toll gelaufen. Ich wusste schon, warum Frauke meine beste Freundin war. Aber jetzt wollte ich doch zu gerne über Malte reden. „Was meinst du? Steht Malte auch auf Jungs?“ – „Ich habe keine Ahnung, aber er hat sich mit Sicherheit mehr für dich als für mich interessiert. Ich habe die ganze Zeit versucht, ihm schöne Augen zu machen, aber er hat mich überhaupt nicht beachtet.“ – „Echt? Aber bin ich nicht viel zu jung für ihn?“ Vielleicht hätte ich als guter Freund jetzt darauf eingehen sollen, dass Frauke anscheinend auch auf Malte stand, aber ich war zu sehr damit beschäftigt, selber an Malte zu denken, um überhaupt zu bemerken, dass Frauke ihn mochte. Und Frauke nahm mir das gar nicht übel, vielleicht fand sie es auch einfach nur toll, über Malte zu reden. Wir verbrachten den Rest der Pause damit, uns gegenseitig zu erzählen, was Malte am Samstag gemacht und gesagt hatte und wie er ausgesehen hatte und wie fest die Beziehung mit Karin wohl wäre. Es ist doch echt toll, eine beste Freundin zu haben, die den gleichen Geschmack hat wie man selber, zumindest was Männer angeht, und mit der man stundenlang über einen Mann reden kann.
Nach der Schule konnten Frauke und ich es kaum erwarten, zu dem besetzten Haus zu kommen und dort hoffentlich Malte zu treffen. Wir hatten in der Schule Karin gesucht, sie aber nicht finden können. Leider befand sich ihre Klasse in einem ganz anderen Teil des Schulgebäudes, weswegen wir uns eigentlich nie zufällig über den Weg liefen. Aber obwohl Frauke und ich uns so viel wie nur möglich in den Gängen von Karins Klasse herum getrieben hatten, waren wir ihr trotzdem nicht begegnet.
Auch nachmittags in der Villa trafen wir sie nicht. Malte war auch nicht dort. Frauke und ich machten unsere Hausaufgaben in der Villa, quatschten mit den Bewohnern, hörten Musik, rauchten einen Joint und gingen erst so spät wie möglich nach Hause.
Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Wir suchten in der Schule nach Karin und gingen nachmittags zur besetzten Villa, aber erst am Donnerstag trafen wir Karin in der Schule. Wir begrüßten sie wie eine alte Freundin, obwohl wir bisher eigentlich kaum Zeit miteinander verbracht hatten. Sie erzählte uns, dass sie die ganze Woche lang in den Pausen damit beschäftigt gewesen war, die nächste Demo zu organisieren. Die Schülervertretung unserer Schule wollte gemeinsam daran teilnehmen und malte Transparente dafür. Stimmt, ich hatte völlig vergessen, dass Karin unsere stellvertretende Schülersprecherin war.
Frauke und ich hatten schon unseren Antrag für die Befreiung vom Unterricht gestellt, so dass wir bei dieser Demo auch wieder dabei sein würden. Zum Glück stellte dann Frauke die Frage, die mich selber am meisten interessiert: „Wird Malte auch dabei sein?“ Karin guckte Frauke an: „Ja. Warum?“ – „Och. Nur so“, druckste Frauke herum. „Willst du etwa was von Malte?“ fragte Karin. „Nö. Ich fand den nur nett. Außerdem ist er doch mit dir zusammen.“ Karin lachte: „Malte? Mit mir zusammen? Guter Witz.“ Jetzt mischte ich mich auch ins Gespräch: „Aber ihr seid doch zusammen gekommen.“ – „Malte ist genauso wenig mit mir zusammen wie du mit Frauke.“ Woher wusste sie das denn jetzt? Außer Frauke wusste das doch keiner. Ich guckte Frauke vorwurfsvoll an. „Guck mich nicht so an, ich habe keinem was erzählt“, pflaumte Frauke mich an. „Keine Sorge. Ich sag schon nichts“, meinte Karin beruhigend. „Malte war sich ziemlich sicher, dass du auf Jungs stehst. Er meinte, Schwule hätten da so was, das man Gaydar nennt, womit sie sich untereinander erkennen können. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber es macht schon irgendwie Sinn. Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich je für jemand anders als für Frauke interessiert hättest. Und du warst am Samstag schon ziemlich auf Malte fixiert.“ Ich war jetzt viel zu überrascht darüber, was Karin mir über Malte erzählt hatte, um darüber nachzudenken, dass ich mich gerade schon wieder geoutet hatte. „Heißt das, dass Malte auch schwul ist?“ fragte ich ganz aufgeregt. „Malte behauptet, dass er bi ist, aber ich glaube, das sagt er nur, weil das besser ankommt“, antwortete Karin.
Ich hätte jetzt gerne noch stundenlang über Malte geredet, aber es klingelte und wir mussten zurück zum Unterricht, den ich mir eigentlich hätte schenken können, weil ich sowieso nichts mehr mit bekam.
Den Rest des Tages und auch den nächsten Tag verbrachte ich auf einer Wolke. Malte war schwul. Und er hatte mit Karin über mich geredet, das heißt, er interessierte sich für mich. Die Zeit verging einfach viel zu langsam bis zum Samstag.
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