Für Laozi besteht die wesentliche Erkenntnis darin, dass das diesseitige Leben nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Daseins widerspiegelt und die Lebensenergie durch den Tod nicht verlorengeht. Entdeckst du den Kreislauf des Lebens, dann wirst du offener mit anderen Menschen umgehen. Deine Offenheit lässt es geschehen, dass du nicht mehr nur deine persönlichen Vorstellungen als alleinige Lösung ansiehst. Erkennst du die Größe deines Lebens, dann wirst du eins mit dem DAO sein und entsprechend handeln. Dich kann nichts Äußeres mehr gefährden.
Das irdische Leben spiegelt nur einen kurzen Ausschnitt des Daseins wider.
17 | Verantwortung und Vertrauen
Steht ein großer Mensch an der Spitze,
so weiß man von seiner Existenz,
bemerkt jedoch kaum sein Handeln.
Unter diesem Besten steht jemand,
den die Menschen lieben und loben.
Hierunter steht jemand,
den die Menschen fürchten.
Darunter steht jemand,
den die Menschen verachten.
Vertrauenswürdigkeit ist ein sehr wichtiges Gut.
Vertrauen die Menschen einander nicht,
dann sind sie besorgt und hoffen dennoch
auf ehrliche und aufrichtige Worte.
Sie messen den Worten große Bedeutung bei.
Ein großer Lenker und guter Mensch
wirkt im Stillen und hinterlässt keine Spuren.
Wenn alles vollbracht ist,
alle Aufgaben erledigt sind,
sagen die einfachen Menschen:
Wir haben es ganz alleine geschafft.
17 | Verantwortung und Vertrauen
Steht jemand an der Spitze einer Organisation, so ist damit eine große Verantwortung verbunden, da der jeweilige Führungsstil weitreichende Auswirkungen hat. Meister Laozi beschreibt vier verschiedene Formen der Zusammenarbeit:
Verfügen Leitungspersonen über innere Größe, so sind sie den anderen Menschen bei dem Erreichen ihrer Ziele behilflich. Die Untergebenen werden die Leitungsaktivitäten kaum wahrnehmen und denken, sie hätten alles alleine vollbracht. Dies ist die wahre Meisterschaft der Führungsverantwortung, denn die äußere Anerkennung ist nicht von Bedeutung.
In der zweiten Gruppe befinden sich ebenfalls ausgezeichnete Führungspersönlichkeiten, sie geben für die Arbeit ebenfalls ihr Bestes und erreichen viel Gutes. Diese Menschen benötigen jedoch noch das Lob der anderen, um glücklich zu sein.
Eine Stufe tiefer stehen Leitungspersonen, deren Handlungen Ängste und Beklemmungen bei ihren Mitmenschen auslösen.
Auf der eindeutig niedrigsten Stufe befinden sich die Personen, deren Worte und Taten bei ihren Mitmenschen Verachtung hervorrufen.
Solltest du zu einer der beiden letztgenannten Personengruppen zählen, dann befindest du dich in großer innerer Not. Indem du ungerecht handelst, offenbart sich dein fehlendes Selbstvertrauen. Nimm dir die Zeit und denke über deine Lebenssituation nach. Bitte vertrauenswürdige Menschen um ihren Rat und ihre Unterstützung. Finde die positiven Kräfte in deinem Leben, damit du eine gute Führungspersönlichkeit wirst.
Der zweite Teil des Textes handelt von der Vertrauenswürdigkeit . Laozi sagt, vertrauen zu können ist für jeden Menschen wichtig. Jemandem zu vertrauen, ist eine wunderbare Eigenschaft, denn sie beruht auf einer beiderseitigen Verbundenheit. Vertrauen ist viel mehr als nur eine vage Hoffnung – es ist die Gewissheit, dass der andere Mensch bestmöglich handelt. Ist es anders, dann wird das Leben zu einer einzigen großen Anstrengung. Wir brauchen einen ehrlichen und aufrichtigen Umgang miteinander. Wir sehnen uns nach Loyalität, so dass wir uns wohlfühlen können. Wenn wir uns gegenseitig Dinge sagen, dann müssen sie wahr sein. Ob es sich hierbei um Kritik oder um eine Bestärkung der eigenen Ansichten handelt, ist dabei absolut zweitrangig. Ehrliche Worte helfen uns und den anderen Menschen dabei, angstfrei zu leben.
Jedem Menschen die Freiheit der eigenen Entscheidung zuzugestehen, auch hierbei handelt es sich um Vertrauen . Du lebst dieses Leben nicht, um Lektionen zu erlernen, die dir andere Menschen erteilen. Die große Idee deines Lebens besteht nicht darin, Fehler zu vermeiden. Auch musst du aus diesem Leben nicht eine einzige endlose Anstrengung machen. Für dein Leben ist es wichtig, dass du dich entdeckst und auf etwas Neues zu bewegst. Vertraue dir. Vertraue dem Leben! Du wirst geliebt und bist akzeptiert, so wie du bist! Du bist in deinem Leben schon angekommen – du bist da! In diesem Leben, in deinem Alltag kannst du dich selbst erfinden. Nicht der Wind bestimmt deinen Kurs, sondern die Segel, die du selbst setzt, bestimmen deine Lebensrichtung.
Ehrliche Worte werden von allen Menschen geschätzt.
18 | Gesellschaftliche Regeln
Befinden sich alle Menschen im Einklang mit dem DAO,
dann kommt alles von Herzen.
Fehlt die Verbindung mit unserer Ursprungskraft,
dann wird unser Tun von gesellschaftlichen Regeln bestimmt;
diese Regeln handeln von »Menschlichkeit und Gerechtigkeit.«
Ergebnis dessen ist, dass die Menschen mit Hilfe
ihrer Intelligenz und ihres anerzogenen Wissens
zu bewusstem menschlichen Handeln gelangen.
Diese Einstellung führt zu falschen Ergebnissen,
da die Menschen ihr intuitives Gespür für Menschlichkeit und Rechtschaffenheit
zugunsten einer äußeren Ordnung aufgeben.
Verstehen sich Mitglieder einer Familie nicht sehr gut,
entsteht moralischer Druck, und Rituale werden eingefordert.
Von den Kindern wird erwartet,
dass sie sich den Wünschen der Erwachsenen unterordnen.
Von den Erwachsenen wird erwartet,
dass sie ihre Interessen zugunsten der Elternschaft zurückstellen.
Geben Familien oder auch Gesellschaften die Freiheit zu denken auf,
dann entstehen Chaos und Schwierigkeiten.
Ergebenheit, Unterordnung und falsch verstandene Loyalität sind die Folge.
18 | Gesellschaftliche Regeln
Aus einer diffusen Angst heraus hören wir zu wenig auf die klaren Botschaften unseres Herzens. Selbstbestimmtes Querdenken ist in unserer Gesellschaft oftmals nicht erwünscht, dabei wäre alles Leben reicher und bunter, wenn wir viele der vorgegebenen Normen vergessen würden. Laozi rät uns dazu, dass wir wieder mehr unserer Intuition vertrauen sollen. Er empfiehlt jedem, die eigenen »Mut-Muskeln« zu trainieren und sich nicht bedingungslos umformen zu lassen!
Jeder Mensch hat schon einmal die Erfahrung machen müssen, dass er den Erwartungen eines anderen Menschen entsprechen sollte. Manchmal passiert dies unausgesprochen, häufig werden Verhaltensweisen aber auch laut eingefordert. Am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Partnerschaft, überall wirst du mit den Erwartungen und Forderungen anderer Menschen konfrontiert. Zu den stärksten Bindungen zählen die Eltern-Kind-Beziehungen. Eltern erwarten von ihren Kindern, dass sie sich ihren Wünschen unterordnen. Selbst wenn die Nachkommen schon erwachsen sind – und sehr gut für sich selbst sorgen und entscheiden können –, werden von Eltern noch Aufträge erteilt. Kinder ergreifen die Berufswünsche ihrer Eltern, heiraten in Wunschfamilien ein, führen das Familienunternehmen fort, leben an Wohnorten, an denen sie nicht wohnen möchten, oder trauen sich nicht, ihre Lebensträume zu verwirklichen. Etliche Menschen arbeiten so die Erwartungen ihrer Eltern ein Leben lang ab. Als soziale Fesseln dienen dabei oftmals Traditionen, eine falsch verstandene Loyalität oder das Statusdenken der heutigen Zeit.
Laozis Position hierzu ist eindeutig: Niemand sollte sich von einem anderen Menschen den Lebensweg vorschreiben lassen. Du bist als freier Mensch zur Welt gekommen! Die Mehrzahl der Menschen traut sich trotz dieser grenzenlosen Freiheit nicht die geringste Abweichung von der gesellschaftlich vorherrschenden Strömung zu. Vielleicht ergeht es dir ähnlich, und du magst noch nicht einmal einen Pullover deines Geschmacks tragen, sofern dieser als altmodisch gilt – von größeren und wichtigeren Taten ganz zu schweigen.
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