Ziehen wir die erste Bilanz, was der Mensch kann, und was er nicht kann. Der Mensch kann sich den Spiegel nicht selbst vors Gesicht halten, um das schlechte Gewissen, das gleich hinter seinen Augen funkelt, zu sehen. Dazu fehlt ihm der Mut zur Wahrheit. Dagegen bringt er ohne diesen Spiegel vieles fertig: er kann schöne Reden halten, selbst wenn die Taten so schön nicht, ja oft fürchterlich, sind, wenn wir an die Kriege und sonstigen Grausamkeiten denken, zu denen er, ohne mit der Wimper zu zucken, fähig ist. Der Mensch kann fleißig sein, wenn es um seine persönlichen Interessen geht. Da vollbringt er Leistungen, die erstaunlich sind, sich aber oft nicht weniger erstaunlich zum Nachteil der anderen auswirken. Der Mensch ist ein Meister der Vernichtung und Zerstörung. Aus dieser Bilanz geht hervor, dass es eigentlich nicht besser, sondern eher noch schlechter wird, solange dem spiegellosen Treiben der Menschen, ich meine die ausufernde Gewissenlosigkeit, kein Einhalt geboten wird. Wir mögen darin übereinstimmen, dass die Grenze der Schlechtigkeiten erreicht ist, hinter der es nur noch in den Abgrund des Unterganges gehen kann. Uns vor diesem Abgrund zu bewahren, das ist, warum Jesus Christus für uns Menschen am Kreuz gestorben und vom Tode wieder auferstanden ist, um uns den Weg in die andere, in die entgegengesetzte Richtung zu weisen. Es war sein Leben und wird es bleiben, um den Menschen vor dem Absturz zu bewahren, ihn aus dem Abgrund herauszuziehen, ihn aus der seelischen Finsternis zu befreien, auf den Weg des Lichtes zu führen und ihn im Hellen durchs Leben zu geleiten. Dafür bot er uns seine immerwährende Liebe an, von der Gebrauch zu machen unser Schicksal bestimmt.
Kommen wir zur Möglichkeit der zweiten Bilanz. Sie kann viel besser aussehen als die erste, wenn wir endlich bereit sind, das Liebesangebot Christi anzunehmen und uns der hellen Glaubenswahrheit mit ganzem Herzen zu öffnen. Es kann nicht weiter angehen, dass wir uns dieser Wahrheit, aus welchen Gründen auch immer, versperren. Der dicke Balken muss weg vor unseren Augen, wir müssen wieder richtig sehen können, um zu erkennen, wo der andere Weg, der bessere und hellere Weg abgeht. Wenn wir nur den Mut zur Öffnung aufbringen und die Ausdauer, unsere Herzen offen und die intellektuellen Gaben bereitzuhalten, dann werden wir auch den Weg finden, aus der zehrenden Schwachheit, der angstgekräuselten Verschlafenheit und dem von Menschen gemachten Labyrinth sengender Verzweiflungen herauszukommen. Der Aufstieg zum befreienden Gang ist möglich, wenn wir die Hand ausstrecken, sie dem Herrn und Erlöser entgegenstrecken, und uns von ihm führen lassen. Dazu bedarf es allerdings des Glaubens an Jesus Christus, der deshalb gefestigt werden muss, wenn wir es ehrlich mit ihm und uns meinen. Aus der Spiegelaffäre sollten wir die Lehren ziehen, wenn wir neue Wege beschreiten wollen.
Liebe Brüder und Schwestern!
Wir müssen umdenken, unsere Eitelkeiten und sonstigen Egoismen ablegen. Dann gehen uns von ganz allein die Augen auf für das, was zu tun und was zu lassen ist. Wir müssen wieder Menschen werden, die das Herz am rechten Fleck und nicht nur zum Pumpen nach mehr Reichtum haben. So, wie wir die Gehörgänge vom Schmutz säubern und von anderen Verstopfungen befreien, müssen wir die vielen Steine aus unseren Herzen holen. Die Herzkammern müssen entrümpelt und entsteint, die Hindernisse aus den Vorhöfen weggeräumt werden, dass sich die Segelklappen frei entfalten können, was dem Blutstrom zugute kommt. Da auch die Herzen Ohren haben, sollten sie frei von thrombotischen und anderen Verstopfungen gehalten werden. Alles das ist nützlich für das Leben. Doch der größte Nutzen sollte aus dem Liebesangebot Jesu Christi gezogen werden, der jederzeit bereit ist, uns zu begleiten und vor den drohenden Gefahren zu beschützen, wenn wir fest im Glauben zu ihm stehen und uns da nicht erschüttern lassen, egal, wie gescheit wir uns vorkommen oder einer uns dreinreden mag. Um im Glauben den notwenigen, positiven und festen Standpunkt einnehmen zu können, der uns beim Stehen nicht erschüttern kann, brauchen wir die Liebe Gottes. Das intellektuelle Wissen hilft da wenig weiter, das uns weit auf die Abwege von Gewalt und Ungerechtigkeiten gebracht hat, an deren Folgen wir bitter leiden. Paulus bringt es auf den Punkt, wenn er im 8. Kapitel des 1. Korintherbriefes sagt: Das Wissen bläst auf, nur die Liebe baut auf. Es ist die Liebe Gottes, die uns gegeben wird mit dem Auftrag, diese Liebe unter uns walten und wirken zu lassen, unsere Nächsten und die Armen in diese Liebe einzubeziehen. Es steht dem Menschen nicht an, die göttliche Liebe einem anderen Menschen zu verwehren. Positiv gesprochen bedeutet es, dass wir die Welt zum Besseren verändern können, wenn wir nicht nur aus dem Wissen, sondern aus der Liebe Gottes heraus leben und wirken.
So ist die Erscheinung des Auferstandenen am See Tiberias ein weiteres Zeichen, weiterhin für die Menschen dazusein, ihnen bei den für sie nicht vorhersehbaren Gängen durchs Leben zu helfen und ihnen mit Rat und Tat beizustehen, wie es in unserem Glauben verankert ist. Die Botschaft Jesu Christi ist eine Heilsbotschaft mit dem größten Angebot, das den Menschen gemacht werden kann. Das schafft doch die entscheidende Erleichterung, bringt Hoffnung, dass das Leben ganz anders sein kann, als es ist, wenn Menschen das machen, was sie wollen. Schließlich soll die Botschaft, die aus gutem Grund die frohe Botschaft genannt wird, die Witwen und Waisen, die Verwundeten und Kranken, die ins Elend sinkenden und verzweifelten Menschen trösten und das in der schweren Zeit wie dieser.
Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Mit diesem Satz, dem Anfang des Johannes-Evangeliums, der das Universum bis zu den tiefsten Tiefen durchdringt, dessen Tragweite für den Menschen nicht ausschöpfbar ist, möchte ich in aller Demut abschließend die Gewissheit aussprechen, indem ich die Kraft aus dem Glauben schöpfe, die in ihr waltende und aus ihr wirkende Weisheit bezeuge, die den menschlichen Verstand und seine Vernunft weit übersteigt, dass es das Wort Gottes ist, das am Anfang wie am Ende steht. Sein Wort hat das Universum begründet, und sein Wort wird das Universum beschließen.
Der Organist übersetzte das Gesagte in Töne, begann mit einem elegischen Vorspiel über dem Grundton C, wechselte nach kurzer Kadenz in die helle Tonart E, erhöhte den Grundton C chromatisch zum Cis, das er als Orgelpunkt im Bass behielt, setzte die Kraft des Glaubens hinzu, indem er die Fußrolle auf ‘forte’, dann auf ‘fortissimo’ hochdrehte, dass der Dom für kurze Zeit bebte. Das schallende Tongebäude erreichte eine Mächtigkeit, die der gemauerten Mächtigkeit des Domes nicht nachstand. Als gäbe es den Sieg zu feiern, der im Bereich des Glaubens doch eher still vor sich zu gehen hat. Der Dom ließ vom Beben ab und der Organist von seinem Orgelspiel. Nach kurzer Pause intonierte er das Lutherlied von der festen Burg, dem die Gemeinde aus voller Kehle einstimmte. In einem längeren Schlussgebet dankte Eckhard Hieronymus Gott für seine unendliche Gnade und bat ihn um seine Führung und seinen Beistand, dass Friede in den Menschen einkehre, damit das Leben aus der Armut mit dem unsäglichen Elend aus der Sackgasse der Verzweiflung herauskommen kann und ins Licht der Hoffnung und Zuversicht gesetzt werde. Er bat um das tägliche Brot für die Kinder und Hungernden. “Herr, gib uns die Kraft und den Willen, dass wir den Menschen wieder erkennen und ihm helfen, der so dringend der Hilfe bedarf, dass wir nicht mehr wegsehen, wenn uns ein Kind oder an alter Mensch die ausgezehrte Hand entgegenstreckt. Zeige uns, dass es möglich ist, deine Liebe zu empfangen, sie weiterzugeben und dadurch das Leben eines jeden Menschen menschenwürdig zu machen.”
Die große Niederlage an der Ostfront und der Einberufungsbefehl
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