An einem Donnerstagnachmittag gegen sechs klopfte ein Bote an die Tür und brachte die Botschaft, dass Bischof Rothmann ihn am folgenden Tage, den letzten Freitag im Monat März um elf Uhr in seinem Büro sprechen wolle. Eckhard Hieronymus nahm die Botschaft entgegen, wunderte sich, dass ihm der Bischof nichts gesagt hatte, mit dem er drei Tage vorher in einer Unterredung über den Religionsunterricht am Wilhelm-Gymnasium und die immer wieder aufflackernden Disziplinprobleme gesprochen hatte. Bischof Rothmann sah die Ursache in der häuslichen Erziehung, die im Zeitalter der fortgeschrittenen Aufklärung sich mehr und mehr von der Kirche entfernte, selbst dann, wenn die Ereignisse auf die menschlichen Unzulänglichkeiten und Unverständlichkeiten deutlich hinweisen. Eine Lösung der Probleme konnte der Bischof nicht anbieten. Er meinte, dass auf den niedergehenden Zeitgeist einzugehen sei und die religiösen Betrachtungen philosophisch zu erweitern seien. Als Eckhard Hieronymus sagte, dass er das bereits tue und ein anfänglicher Erfolg mit dem Mehr an Disziplin zu verzeichnen war, fiel dem Bischof nichts mehr ein.
Bischof Rothmann empfing ihn mit gewohnter Freundlichkeit, kam dem jungen Pfarrer entgegen, als der an die Tür geklopft hatte. “Bitte nehmen Sie Platz, Pfarrer Dorfbrunner.” Mit diesen Worten bot er ihm einen gepolsterten Stuhl in der großzügig arrangierten Sitzecke seines geräumigen Büros an. Der Bischof hatte nun das metallene Bischofskreuz über der schwarzen Weste in Brusthöhe hängen, das er, im Gegensatz zum Konsistorialrat Braunfelder, frei hängen ließ und nicht krampfhaft mit den Fingern umfasste, die diesmal von einer schmalen, ausgeformten Hand gekommen wären. Sie saßen im rechten Winkel um den niedrigen quadratisch gehaltenen Barocktisch zueinander. Der Bischof erkundigte sich nach der Familie und sprach in Bezug auf die Kinder die Hoffnung aus, dass sie in eine geordnete und friedliche Zukunft hineinwachsen mögen, damit ihnen erspart bleibe, was die Generation der Eltern so hart getroffen hat. “Die Menschen sollten endlich die Lehren für die Zukunft ziehen”, sagte der Bischof mit ernstem Gesicht.
Er bekannte religionskritisch, dass es die Kirchen in zweitausend Jahren nicht geschafft haben, den Frieden so weit zu bringen, dass Kriege im Zusammenleben der Menschen keine Existenzberechtigung mehr hätten. Eckhard Hieronymus überraschte der Mut des Bischofs zu einer solch kritischen Feststellung. Dieser Satz war es, dass er dem höchsten Kirchenvertreter Schlesiens neben seiner Funktion nun auch als Mensch die höchste Achtung entgegenbrachte. Denn der Bischof war sein erster Vorgesetzter, der so einen bedeutenden Satz ausgesprochen hatte. Dazu wäre der Konsistorialrat Braunfelder in Burgstadt nicht fähig gewesen, der bei den Gesprächen in seinem Büro ständig über sein Brustkreuz strich oder es mit seinen dicken kurzen Fingern umfasst hielt, als befürchtete er, das Kreuz zu verlieren oder anderswie von ihm getrennt zu werden. Dabei war Eckhard Hieronymus, den das Kreuzgefummel irritierte, nie auf den Gedanken gekommen, ihm das Kreuz wegzunehmen; vielmehr hatte er gewünscht, dass der Konsistorialrat sich mehr als Kreuzträger bewusst und seine widrige Eitelkeit und Geschwätzigkeit hinter dem Kreuz ablegen und sich von Berufswegen den Sorgen und Nöten der Menschen öffnen würde. Da war der Bischof doch ‘aus einem anderen Holz geschnitzt’, der ein freundlicher und zuhörender Mensch geblieben war, dem das Schicksal der Menschen hinter dem Brustkeuz am Herzen lag.
Nachdem der Bischof seine Eindrücke zur Person und geleisteten Arbeit von Pfarrer Dorfbrunner in lobenden Worten zusammengefasst hatte, wobei die Zusammenfassung einem “Summa cum laude” durchaus entsprach, kam er auf den Punkt. “Pfarrer Dorfbrunner, Sie wissen, dass die Stelle des Superintendenten durch den plötzlichen Tod von Herrn Dr.theol. Albert Brunswig seit einem Jahr unbesetzt ist. Einen Nachfolger für diesen großartigen Theologen zu finden, diese schwere Aufgabe ist mir aufgrund meines Amtes zugewiesen. Seit einem Jahr arbeite ich an dieser Aufgabe. Sie werden mir erlauben, dass ich nicht in die Einzelheiten gehe, warum mir bis heute die Lösung dieser Aufgabe nicht gekommen war. Sie können versichert sein, dass meine Lösungsversuche von großer Sorge und nicht geringerer Fairness innerhalb des Domkapitels getragen wurden. Nach langem Suchen bin ich schließlich auf Sie gekommen. So möchte ich Sie heute fragen, ob Sie das Angebot, die Stelle des Superintendenten für den Kirchenbezirk Breslau annehmen wollen. Bitte verstehen Sie mich richtig, der verstorbene Superintendent Brunswig war eine herausragende Persönlichkeit im kirchlichen Leben der Stadt, der durch seine Tätigkeit, die fast zehn Jahre umspannen, hohe Maßstäbe gesetzt hat, die von seinem Nachfolger beachtet und gehalten werden sollten. Ich gehe davon aus, dass Sie die Sache überdenken wollen, so wie sie mein erstes Angebot, Domprediger in Breslau zu werden, das ich ihnen im Schlesischen Hof in Burgstadt unterbreitete, überdacht haben. Denken Sie die Sache in Ruhe durch. Da die Sache eilt, rechne ich mit ihrer Entscheidung binnen Wochenfrist.”
Im Rahmen eines Festgottesdienstes zwischen Ostern und Pfingsten des Jahres 1925 wurde Eckhard Hieronymus Dorfbrunner als der jüngste Superintendent, der jemals in Schlesien ordiniert wurde, von Bischof Rothmann in sein Amt eingesetzt. Länger als sonst läuteten die Glocken, die vor der Demontage in den Kriegsjahren zum Zwecke der Einschmelzung zur Herstellung von Kanonen verschont geblieben waren. Der große Dom war bis auf den letzten Platz gefüllt. Links vor dem Altar haben der Bischof und die übrigen vier Domprediger ihre steil gelehnten Stühle eingenommen, wobei der Bischofsstuhl gegenüber den anderen Pfarrstühlen breiter war und eine höhere Rückenlehne hatte, die von rotem Samt überzogen war. Der Organist, der etwa im Alter von Eckhard Hieronymus Dorfbrunner war und die hohe Kunst des Orgelspiels unter dem berühmten Organisten Johan Christiaan Felix, einem gebürtigen Niederländer, an der Thomaskirche zu Leipzig erlernt hatte und seit etwa einem Jahr Domorganist zu Breslau war, intonierte im Bach’schen Fugenstil das erste Lied. Dabei griff er stärker und stärker in die Tasten, trat kontrapunktisch virtuos in die Pedale, zog mehr und mehr die Register und rollte mit dem Fuß die Lautstärke soweit hoch, dass das Domgemäuer bebte. Dann rollte er die Lautstärke zurück, und das Beben verebbte. Die Orgel hielt das Bläserregister mit den Flötentönen, Posaunenklängen und Trompetenstößen, die das Singen der großen Gemeinde noch kraftvoller machte. Die weit ausfahrenden, kreuz und quer verlaufenden Schwingungen in den verschiedenen Höhen vertikal gebündelter Akkordfolgen, dem kontrapunktischen Gegensetzen und Halten des Orgelpunkts grenzten in der Gesamtheit des errichteten Tongebäudes ans Phantastische. Da reichte der kräftige ‘Orgelarm’ ans Monumentale der Brucknerschen Wuchtigkeit heran. Das musste der junge Domorganist Thomas Büchner von seinem großen Lehrer übernommen haben, der nicht nur ein berühmter Bach- und Regerinterpret, sondern auch der erste Zwölftonpionier auf der Orgel war, was er in seinen Orgelkonzerten, nicht immer zum Wohlgefallen seiner Zuhörer, unter Beweis stellte.
Pfarrer Möller, ein älterer und äußerst sympathischer Herr, der zum verdienten Ruhestand noch wenige Monate zu gehen hatte, sprach vor der stehenden Gemeinde das Eingangsgebet und verlas vor der sitzenden Gemeinde die Ankündigungen der kirchlichen Ereignisse für die Woche. Auf der Empore hatte der Chor Aufstellung genommen und sang unter Leitung des Organisten die Bach’sche Auferstehungskantate. Es war eine festliche Musik, aus der die Kräfte der inneren Festigung und des höheren Erlebens in die Herzen strömten, die sich an den barocken Klängen erfreuten. Danach erhob sich der Bischof aus seinem Stuhl und stellte sich vor den dreistufigen Treppenabsatz zum Altar mit dem großen Holzkreuz dahinter, blickte in die Gemeinde und führte in einer kurzen Rede den neuen Superintendenten ein, der in die Fußstapfen des großen Vorgängers Albert Brunswig treten soll, der unermüdlich für die Menschen Breslaus eingetreten war. Ihm war zu verdanken, dass die Domglocken noch hingen und nicht, wie so viele schlesische Glocken, von den Türmen abgehängt und eingeschmolzen wurden. Der neue Superintendent trete ein Erbe an, dem große Maßstäbe vorausgehen. Ihnen zu folgen und sie in einer schweren Zeit zu erfüllen, das wird die Aufgabe des neuen Superintendenten sein. “Ich vertraue auf Superintendent Dorfbrunner, dass er seine Kräfte für die Kirche und zum Wohle der Menschen der Stadt einsetzen wird. Möge die Gemeinde ihm ihr Vertrauen entgegenbringen. Bitten wir den Herrn um seinen Beistand und seinen Segen.” Nach der kurzen Einführung und unter dem Gesang der Gemeinde setzte sich der Bischof in seinen Lehnstuhl zurück.
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