„Herr Schuch, ich grüße Sie.“
„Guten Morgen, Herr Hansen. Was kann ich für Sie tun?“
„Sie könne tatsächlich etwas für unser gemeinsames Interesse tun. Sie kennen doch die Nachrichten aus Brüssel, die sich mit der Privatisierung von Wasserwerken beschäftigen.“
„Selbstverständlich. Das ist ein sehr bemerkenswerter Vorstoß, der augenscheinlich mit der Finanzkrise in Zusammenhang gebracht worden ist. Man weiß ja nie genau, wessen Interessen wirklich hinter solchen Vorhaben stehen.“
„Das sehen Sie richtig. Es ist auf jeden Fall sehr aktuell. Und damit bin ich schon bei meinem heutigen Thema. Können Sie eine Artikelserie über die Wasserversorgung vorbereiten? Der Tenor sollte etwas kritisch sein, um die Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger auf das Thema zu lenken. Sie könnten da ruhig ein wenig schwarzmalen. Denken Sie auch an die Verseuchung des Grundwassers, den Sauren Regen und die defekten Infrastrukturen. Das Thema hat eine starke politische Dimension. Die Regierungspartei neigt dazu, den Empfehlungen der EU zu folgen. Das ist wegen der bevorstehenden Wahlen von äußerst besonderer Bedeutung. Zielsetzung sollte sein, den denkbaren Widerstand gegen eine Privatisierung zu erweichen.“
„Sie meinen, dass Übertreibung anschaulich macht?“
„Ja, so in der Art. Zunächst ja, dann wird die Botschaft positiv. Seien Sie durchaus ein wenig kritischer als sonst. Sie erhalten von mir per E-Mail ein paar Informationen, die Sie gerne verwenden sollten.“
„Ich verstehe. Sie erhalten danach kurzfristig mein Konzept zu dem Themenkreis.“
„Es kann durchaus eine kleine Serie sein. Noch eine Anmerkung. Wenn wir dieses Thema gut aufbereiten, könnte ich mir vorstellen, dass sich das Fernsehen dafür interessieren würde. Ich kann mir vorstellen, entsprechende Kontakt aufzubauen.“
„Das wäre natürlich großartig. Ich danke Ihnen und starte sofort.“
„Bis bald!“
Erik lehnte sich leicht zurück, strich sich mit beiden Händen über seinen kurz behaarten Kopf, durchsuchte seine Stichwortdatei, welche er mit einem elektronischen Zettelkasten eingerichtet hatte und entwarf einen ersten Artikel:
Wasser ist Leben
Ohne Frage, Trinkwasser ist ein Lebenselixier und für unser Leben von essenzieller Bedeutung. Und dennoch für jeden selbstverständlich. Da sich der gesamte Wasservorrat der Erde in einem ständigen Kreislauf bewegt, gibt es keinen Verbrauch – anders als bei anderen Rohstoffen. Von der Verdunstung über den Niederschlag bis hin zum Abfluss als Grund- und Flusswasser – unser wichtigstes Lebensmittel wird nur vorübergehend gebraucht und fließt danach in den großen Kreislauf zurück.
Aber für den menschlichen Verzehr ist gebrauchtes Wasser nicht mehr geeignet. Um wieder neues Trinkwasser aufzubereiten, muss unser technologisches und umweltorientiertes Wissen eingesetzt werden. Nur so kann ein Trinkwasser von besonders hoher und stetiger Qualität zu Verfügung gestellt werden.
Wenn die für die Sicherung dieser Qualität vorhandenen Randbedingungen gestört oder unzureichend sind, können Probleme entstehen, deren Beseitigung alle Bürger betreffen könnte.
In den Folgeartikeln wollte er sich mit Problemen beschäftigen, welche entstehen würden, wenn sich Fehler in der Wasseraufbereitung einschleichen könnten. Das könnte das Rohrleitungssystem betreffen oder Zutaten oder unzureichende Kontrolle. Zur Kontrolle gehört auch das Steuerungssystem der Versorgungszentrale, das rein theoretisch gehackt werden könnte. Diese möglichen Fehlerquellen würden nur auftreten können, wenn die finanzielle Lage der Stadt im Ungleichgewicht wäre. Und hier fand Schuch einen Ansatz, auf den er vor einiger Zeit von einem Freund in der Stadtverwaltung hingewiesen worden war: Die Finanzierung der Stadt Rostock war etwas aus den Fugen geraten. Das könne schließlich ja auch irgendwann die Sicherung der Wasserversorgung betreffen.
Wenn der Hansen recht hat und ein Weg ins Fernsehen möglich sein würde, dann muss ich die Qualität der politischen Führung in Zweifel ziehen. Schließlich ist die Initiative der EU auch unter diesem Aspekt zu sehen. Der Leitgedanke sollte sein, dass eine Führungsriege gleich welcher Ebene, die noch nicht einmal die Wasserversorgung sicherstellen kann, nicht in der Lage sein würde, die Kommunen, Länder oder die Republik zukunftsorientiert zu regieren. Vielleicht kann ich mir da einen Namen machen.
Erik las seinen ersten Artikel noch einmal durch, mailte ihn dem Chefredakteur der OstseeZeitung und rief ihn wenig später an.
Nach der Schilderung seines Konzeptes hörte er dessen Kommentar:
„Das ist der Start für eine starke Kampagne. Wasser geht ja schließlich jeden etwas an. Da können schon ein paar Artikel erscheinen. Das schadet auch der Auflage nicht, im Gegenteil. Wir könnten es so einrichten, dass es in den Ablauf der politischen Auseinandersetzung für die bevorstehenden Wahlen passt. Schicken Sie mir bitte das Konzept auch schriftlich. Der einleitende Artikel, der sich generell mit der Bedeutung von Wasser beschäftigt, ist ein guter Auftakt. Den Startzeitpunkt für die Folgeartikel stimmen wir mit den Ereignissen des bevorstehenden Wahlkampfes ab. Noch einen schönen Tag.“
Schuch machte sich sofort an die Arbeit und erstellte eine Liste mit den Titeln der Artikel, die in der geplanten Reihe vorkommen sollten. Das fasste er als Konzept zusammen. Den ersten Artikel Wasser ist Leben las er noch einmal durch. Er war mit sich zufrieden.
Es dauerte nicht lange, bis er vom Chefredakteur die Bestätigung erhielt, dass sein Konzept akzeptiert sei und die Artikelserie erscheinen würde.
Hansen bat Naschneiner um die Bestätigung der versprochenen Schaltung von Anzeigen in der Ostseezeitung. Er erhielt eine Mail mit einem Plan zur Schaltung von Anzeigen verschiedener Firmen.
Am nächsten Morgen studierte Ferdinand die von seiner Sekretärin täglich vorbereiteten Auszüge von Tageszeitungen aus verschiedenen Regionen des Landes. Die Kanzlei hatte einen großen Klientenkreis aus vielen Bundesländern. So auch Auszüge von der OstseeZeitung. Als er die Schlagzeile Stadt an der Ostsee gerät in Wassernot las, nickte er und schrieb auf seinem Tablet eine kurze verschlüsselte Meldung: Mister can .
Wenige Minuten später erhielten europäische Nachrichtenagenturen eine Mitteilung über Wassernot in Großstädten und die damit verbundenen Gefahren bis hin zu sozialen Unruhen. Im Umweltministerium war man über diese als gefährlich eingestufte Nachrichten erschrocken, weil es keine Vorzeichen für eine solche Entwicklung gab.
Marie Naschneiner-Schuch wurde gebeten, sich der Angelegenheit anzunehmen. Ihre Mitarbeiter und sie recherchierten nach den Quellen dieser Nachrichten und waren nach kurzer Zeit überzeugt, dass es sich nicht um eine Finte handelte. Marie bat den zuständigen Mitarbeiter für Kommunikation zu sich:
„Stellen Sie bitte fest, ob es zu diesem Thema weitere Veröffentlichungen geben kann, zum Beispiel in Rundfunk oder Fernsehen.“
„Die zuständigen Redaktionen werden sofort befragt.“
Die Schlagzeile Stadt an der Ostsee gerät in Wassernot schockierte die Bürger in Rostock. Dort las Lehrer Otten die Lokalseite der OstseeZeitung an diesem Tag zum zweiten Mal. Er ist ein akribischer Zeitungsleser und lässt fast keine Zeile aus. Gerne findet er sich selbst in der Rubrik Leserbriefe wieder. Seine sonst glatte Stirn legte sich in Falten. Er strich mit seiner linken Hand durch seine blonden Haare, die etwas strähnig und dünn seinen Kopf bedeckten. Mehrfach rückte er seine fast randlose Brille mit den flexiblen Bügeln zurecht. Die Schlagzeile ärgerte ihn. Er verfolgte den Artikel Zeile für Zeile mit ausgestrecktem Finger und traute dem Inhalt nicht. Das ist Unfug, grober Unfug. Die Wasserwerke sind doch vor kurzer Zeit saniert worden. Er fand die dortige Meldung abscheulich und ganz und gar nicht in Ordnung.
Читать дальше