„Das Geld habe ich zu Verfügung gestellt. Den Vertragsentwurf zwischen uns kennst Du. Wenn ich ihn unterschrieben zurückerhalte, wird das Geld fließen und die Angelegenheit hätte formell ein Ende.“
„Bei dem Du gewaltig gewonnen hast.“
„Das wird sich zeigen. Grundsätzlich bin ich sicher, dass wir eine große Zukunft haben werden. Gerne möchte ich Dir meine Idee erklären. Du hast doch bestimmt von den Vorschlägen der EU gelesen, kommunale Betriebe, insbesondere Wasserwerke zu privatisieren und ausschreiben zu lassen.“
„Das ist für unseren Konzern von großer Bedeutung.“
„Siehst Du, deswegen rufe ich Dich an. Ich möchte etwas für euren Konzern tun.“
„Für unseren Konzern, aber doch auch für Dich. Du wirst ja kaum etwas tun, was nicht auch für Dich vorteilhaft ist.“
„Nun, Henriette, da kann ich Dir nicht ausweichen. Das, was ich Dir vorschlage, soll Deinem Konzern und meiner Holding gleichermaßen nützlich sein.“
„Was also ist zu tun?“
„Ich weiß, dass unser Sohn Jacques mittlerweile Sprecher von OSuez ist. Er soll für die Expansion ins nahe Ausland sorgen.“
„Woher weißt Du das?“
„Du weißt doch, dass ich gerne Daten sammle. Ich habe Einblick in die Protokolle eurer Gesellschafterversammlungen.“
„Du kennst ja auch unseren Vorstandsvorsitzenden.“
„Woher weißt Du das?“
„Ferdinand, auch in Frankreich kann man Daten sammeln. Also, was ist Dein Plan?“
„Jacques kennt mich und meine Tochter Marie nicht. Wie Du wahrscheinlich weißt, ist sie Staatssekretärin im Umweltministerium. Sie ist eine Schlüsselfigur in dem Plan.“
„Schön, dass Deine Töchter, Du hast vergessen Corinna zu erwähnen, so erfolgreich sind.“
„Ich möchte Jacques durch einen Boten namens Josef eine Akte zukommen lassen, die er einsetzen kann, um Marie im Hinblick auf eine beabsichtigte Privatisierung positiv zu stimmen. Er kann doch Deutsch. Er hat auch einen deutschen Freund namens François. Sie haben sich an der Sorbonne kennengelernt.“
„Du bist wirklich gut informiert.“
„Das muss ich. Also, Jacques wird Marie kontaktieren, die Akte nutzen und sie dahin führen, dass sie auf Sicht eine positive Stimmung für die Privatisierung entwickelt. Die Details in der Akte, nur zu Deiner Information, beziehen sich auf einen Unfall, den Marie als Studentin hatte. Sie schien da nicht unschuldig gewesen zu sein.“
„Ferdinand, du lässt Deine Tochter unter Druck setzen?“
„Nein, ich sorge für den Erfolg Deiner und meiner Firma.“
„Mich setzt Du ja auch unter Druck.“
„Das musst Du nicht so sehen, Henriette. Wärest Du mit mir nach Deutschland gegangen.“
„Du weißt, dass das unmöglich war.“
„Küsse Deinen, nein, unseren Sohn!“
„Wann kommt dieser Josef?“
„Es wird in Kürze sein. Informiere Jacques darüber, dass es diesen Boten gibt.“
„Ich hoffe, dass wir beim nächsten Mal ein netteres Thema haben werden.“
„Daran kann man arbeiten.“
Zur Sendung in der TV-Serie GesünderLeben war die Staatsekretärin des Umweltministeriums, Frau Marie Naschneiner-Schuch, geladen. Sie begegnete dem Moderator der TV-Sendung, Philipp Fischerer, einem zurückhaltenden und verständnisvollen Herrn mittleren Alters.
Sie trug einen hellgrauen Hosenanzug, eine hellblaue einfarbige Bluse mit breiten Manschetten und hatte ihre halbblonden Haare so hochgesteckt, dass ihre ziemlich kleinen Ohren mit den goldumrandeten Perlensteckern gut zu sehen waren. Gleiche Perlen umschmeichelten als Kette ihren Hals. Das Ende der Kette verschwand in dem von der Bluse verdeckten Dekolleté. Die Kamera schwenkte kurz über ihre hellgrauen Schuhe, die farblich hervorragend zu dem Hosenanzug passten.
Sie war gut auf die Sendung vorbereitet und erläuterte ihre Sicht der Lage:
„Es ist regelrecht unverantwortlich, solche Meldungen über das Trinkwasser wie in den letzten Ausgaben der OstseeZeitung und anderer Tageszeitungen zu bringen. Hier fehlen sämtliche konkreten Beweise. Das ist Aufruhr um des Aufruhrs willen. Sicher sind die Auflagen sehr gut verkauft worden.
Meine Damen und Herren! Selbstverständlich ist die Qualitätssicherung für die Wasserversorgung in unserem Lande gewährleistet. Mir ist auch nicht klar, welche möglicherweise subversiven Kräfte Nachrichten verbreiten, die behaupten, dass die Wasserqualität sich verschlechtert haben soll. Wir sorgen bundesweit für die nachhaltige Sicherung der Wasserversorgung und natürlich auch der Qualität. Für diese Sicherheit garantiere ich persönlich.“
„Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, wie soll denn die Bevölkerung verstehen, dass in der angesehenen OstseeZeitung und anderen Blättern Artikel erscheinen, in denen behauptet wird, dass die Qualität des Trinkwassers nicht nachhaltig gewährleistet sei? Man schreibt dort von Schwächen in der Wasseraufbereitung. Man spricht von Problemen in den Wasserleitungen. Das Trinkwasser für den menschlichen Gebrauch ist ja nicht nur ein Lebensmittel, sondern eine wesentliche unabdingbare Voraussetzung für das menschliche Leben, nicht zu vergessen die Fauna und Flora.“
„Sie haben recht. Wasseraufbereitung ist die zielgerichtete Veränderung der Wasserqualität durch entweder Entfernung von unerwünschten Stoffen oder Ergänzung von fehlenden Stoffen. Sie ist ein, wenn nicht der wesentliche, Verfahrensschritt bei der Produktion von Trinkwasser. Und das wird sehr sorgfältig durch die zuständigen Behörden geprüft und überwacht. Nun, es dürfte auch Ihnen nicht entgangen sein, dass es immer wieder Interessengruppen gibt, die versuchen, aus einer alltäglichen Situation Kapital zu schlagen. Ich möchte das an diesem Beispiel erläutern. Diesen Interessengruppen geht es nicht um die Nachricht über das Wasser, diese Leute wollen ihr Medium verkaufen und nehmen jetzt die Wasserversorgung zum Anlass, dies bloß, weil die Hitze der letzten Tage den Eindruck hätte erwecken können, dass irgendwann Versorgungsengpässe auftreten könnten. Das dient vornehmlich dem Verkauf ihrer Medien, weil sie mit der Angst der Menschen spielen. Ich halte das für unmoralisch. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass hier Kräfte der Opposition ein schlechtes Licht auf unsere Politik werfen wollen. Darüber hinaus ist festzustellen, dass es sich bisher lediglich um Behauptungen in den Artikeln zu diesem Thema handelt.“
Philipp Fischerer erschien mit einer glänzenden Glatze für einen kurzen Zeitraum allein auf dem Bildschirm.
„Verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, sie haben die Argumentation der Staatssekretärin gehört. Unserem Sender sind unabhängig von den Zeitungsartikeln Informationen zugestellt worden, aus denen hervorgeht, dass die Versorgung mit Trinkwasser besonders in Rostock gefährdet zu sein scheint. Dem mussten wir natürlich nachgehen. Chemische Untersuchungen von Wasserproben aus der Stadt sollen zum Beispiel ergeben haben, dass der pH-Wert des dortigen Leitungswassers den zulässigen Wert um mehr als dreißig Prozent unterschreitet. Das führt unter Umständen zu Erkrankungen und körperlichen Schäden, die nicht wieder gut zu machen sind. Was meint das zuständige Bundesministerium dazu?“
Marie Naschneiner-Schuch erschien in Großaufnahme:
„Das ist eigentlich nichts anderes als ein Beweis für meine vorherigen Ausführungen. In Rostock wird mit der Angst der Leute gespielt, damit die entsprechenden Nachrichtenblätter ordentlich abgesetzt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass hier bisher unerkannte Manipulationen vorliegen können. Geschäfte mit der Angst dürfen in diesem unserem Lande nicht gemacht werden! Aber ich will wirklich nicht schwarzmalen und warne nur vor unnötiger Sorge. Wirklich unnötiger Sorge! Mir liegen die angeblichen Untersuchungen nicht vor. Ich bitte also darum, dass mir und meinem Hause die entsprechenden Dokumente zu Verfügung gestellt werden, um Klarheit zu schaffen und gegebenenfalls die Verursacher der Nachrichten zu entlarven. Es kann doch nicht sein, dass hier durch bisher offiziell ungeprüfte Meldungen Unruhe gestiftet wird. Zu diesen Meldungen gehört auch, dass in Brüssel angeblich über die Privatisierung der Wasserversorgung nachgedacht wird. Dazu gibt es aber bis jetzt keine Beweise. Also lassen Sie mir die Dokumente zukommen. Ich werde mich sofort darum kümmern.“
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