„Sie wissen, dass die OstseeZeitung nur publizieren will, was sie auch selbst recherchiert hat.“
„Das verstehe ich vollkommen. Wenn Sie in die einschlägigen Pressemitteilungen, die sie ja kennen, schauen, werden Sie schnell herausfinden, dass die Wasserproblematik ein riesiges Thema für die Zukunft sein wird.“
„Damit haben Sie recht, aber Sie wissen auch, dass die Wasserwerke Rostock vor nicht allzu langer Zeit technisch überholt wurden und eine der modernsten Installation sind.“
„Das mag ja sein, aber das geht doch an meiner Intention vorbei. Ich möchte die Aufmerksamkeit für das Thema allgemein erhöhen.“
„Das verstehe ich nicht ganz.“
„Herr Hansen, ich habe Sie um einen Gefallen gebeten. Der ist mit Sicherheit mit einer umfangreichen Anzeigenschaltung verknüpft. Ihr Haus weist nicht gerade die besten Zahlen aus. Ich habe da meine Informationen.“
„Welchen Tenor soll die Artikelserie genau haben?“
„Sie haben doch einen freien Mitarbeiter, der für Sie recherchiert und arbeitet. Der wird sich doch sicherlich um die Details kümmern, mit denen wir beide uns nicht beschäftigen sollten. Ihm könnte ich über Sie die wesentlichen Informationen zukommen lassen.“
„Das ist eine gute Idee, aber letztlich stehe ich für die Inhalte gegenüber den Leserinnen und Lesern im Wort.“
„Herr Hansen, zieren Sie sich nicht so. Der Schuch, den meinen Sie doch auch, wird namentlich erwähnt werden. So ist es doch sein Geschäft.“
„Sie fordern mich auf, meine Verantwortung aufzuweichen.“
„So können Sie es sehen, Herr Hansen. Hätten Sie damals, als Sie ihre Diplomarbeit anfertigten, wirklich Ihre eigenen Gedanken niedergelegt, hätten Sie Verantwortung gehabt.“
„Wie? Was meinen Sie?“
„Ich kenne Ihre Vita. Ihre Diplomarbeit ist größtenteils kopiert. Man würde aus auch als Plagiat bezeichnen können. Ich kann das sofort vergessen.“
„Ich habe verstanden. Senden Sie mir Ihre Konzepte. Mit welchem Anzeigenvolumen kann ich rechnen?“
„Sie werden zufrieden sein. Sie beauftragen Erik Schuch für die Serie!“
„Unmittelbar nach Erhalt Ihrer Dokumente.“
„Ich gehe davon aus, dass dieses Gespräch nicht stattgefunden hat, sonst müsste ich eine andere Veröffentlichung initiieren.“
„Es ist verstanden.“
Die beiden Herren wurden handelseinig. Gegen das Erscheinen einer kritischen Artikelserie über die Wasserversorgung würde die FN-Holding dafür sorgen, dass eine angemessene Anzahl von Anzeigen verschiedener Firmen in der OstseeZeitung erscheinen würde. Ferdinand beauftragte die Presseabteilung seines Konzerns mit der Anzeigenplanung für einige Firmen, an denen die FN-Holding beteiligt war. Eine Anzeige über die Kanzlei Naschneiner war nicht vorgesehen.
Erik Schuch, Inhaber der Presseagentur Schuch mit Sitz in einem Vorort von Rostock, erinnerte sich nicht gerne an den Ort, in dem er seine Kindheit und die ersten Jahre seiner Pubertät verbracht hatte. Es war ein kleines Dorf in der Nähe von Hannover, ein Straßendorf, ein paar Bauernhöfe und ein paar Vier- und Sechsfamilienhäuser. In diesen Häusern wohnten meistens Familien, die zugezogen waren und schwer in die Dorfgemeinschaft integriert wurden.
Eriks Mutter neigte zu Geselligkeit und Tanzvergnügen, fand aber wenig Gelegenheiten im Dorf. Daher wünschte sie sich ab und zu, dass ihr Mann mit ihr nach Hannover fahren sollte, um dort ein Tanzlokal oder ein Restaurant aufzusuchen. Eriks Vater wollte das nicht, er war nicht glücklich darüber, in diesem Ort gelandet zu sein, hatte er doch vorher in einer größeren Fabrik in Kassel Arbeit gefunden. Wegen eines gesundheitlichen Problems konnte er diese Arbeit nicht weiter fortsetzen und musste Alternativen suchen. Das Arbeitsamt vermittelte ihm eine Stelle im Nachbarort als Lagerverwalter. Dort war die körperliche Belastung geringer, dennoch sehnte er sich nach seiner alten Funktion zurück.
Als sich herausstellte, dass im Nachbarort seit kurzer Zeit Verwandte der Familie Schuch wohnten, senkte sich die Spannung zwischen Eriks Eltern ein wenig. Die Verwandten, die Familie des Bruders von Eriks Vater, hatten eine Tochter und einen Sohn. Sie hießen Marie und Josef. Ihr Vater war überzeugter Anhänger der Zeugen Jehovas und blickte skeptisch auf die Fähigkeiten der Ärzte und ihre Kunst. Das wurde wichtig, als Josef im Alter von achtzehn Jahren sehr oft müde und träge wurde und zu keiner Tätigkeit Lust entwickeln konnte. Seine Mutter Elisabeth schlug vor, ärztlichen Rat zu suchen, was ihr Mann aus Glaubensgründen ablehnte.
Marie war einige Jahre jünger als ihr Bruder und war in ihrer Schulklasse gut integriert. Oft traf sie Freundinnen, mit denen sie spielte. Ihr Bruder hatte keine Freunde im Dorf. So versuchte sie, ihn aus seinem Tief zu holen und fragte nicht nach Gründen. Sie versuchte ihn aufzumuntern, indem sie Fratzen schnitt oder lustige Geschichten erzählte. Das gelang ihr nur in geringem Maße.
Eines Tages nahm Josef sie zur Seite.
„Es tut mir leid, wenn Du denkst, dass ich eine Macke habe. Das stimmt so nicht. Ich will auch keinen Arzt. Ich finde es nur irrsinnig langweilig hier. Hier passiert einfach nichts. Wenn hier alles so bleibt, lande ich irgendwo in der Nähe und kenne nichts von der Welt. Ich werde mein Abitur schaffen und dann suche ich das Weite. Bevor ich ein Studium oder eine Lehre beginne, möchte ich erst einmal raus aus diesem Dorf und dieser engstirnigen Denkweise der Zeugen Jehovas - Ich denke, dass unser Vater spinnt. Aber behalte das für dich.“
Marie freute sich über das Vertrauen ihres Bruders und erzählte seinen Plan nicht weiter.
Kurz nach dem Abitur war Josef urplötzlich verschwunden. Marie ahnte, was er vorhatte, wusste aber nicht, wie sie ihn eventuell erreichen konnte. Sie glaubte fest daran, dass er als Landstreicher unterwegs war.
Ihre Mutter grämte sich, weil Josef nicht aufzufinden war und fand sehr oft Gelegenheit, ihrem Mann deswegen Vorwürfe zu machen. Eine Reihe von Streitigkeiten blieb nicht aus. Irgendwann eskalierte der Streit so weit, dass der Vater sich betrank und wenig später das Haus verließ und nicht wiederkam. Seine Frau fand bald heraus, dass er mit einer Gläubigen aus dem Kreise der Zeugen Jehovas ein Verhältnis begonnen hatte. Sie erfuhr wenig später, dass ihr Mann in den Armen dieser Frau gestorben war. Eine Todesursache hat sie nie erfahren.
Sie blieb mit Marie alleine und musste für beider Unterhalt sorgen. Sie suchte eine Stelle in Hannover. Ihre Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin und Buchhalterin sollte eine gute Basis für eine Anstellung sein. Davon war sie überzeugt.
„Ich werde kämpfen!“
Sie fand moralische Unterstützung in der Familie und traf sich einige Male mit Eriks Eltern. Sie unterstützten die Schwägerin in ihrem Bemühen, in der nahe gelegenen Stadt eine Anstellung zu suchen und berieten sie entsprechend. Marie hing sehr an ihrer Mutter und unterstützte sie so gut sie konnte.
Erik führte seit Beginn seiner Schulzeit ein Tagebuch. Dort hielt er die Ereignisse in den beiden Familien fest und empfand viel Freude beim Schreiben. Das führte letztlich dazu, dass er Journalist werden wollte. Nach dem Besuch der Deutschen Journalistenschule praktizierte er bei verschiedenen Verlagen. Er wollte seine Unabhängigkeit wahren und entschied sich nach einem Praktikum bei der OstseeZeitung, sich als freier Journalist niederzulassen. Seine vielen Standortwechsel hatten die Verbindung zu seinen Verwandten erlöschen lassen.
Erik interessierte sich als freier Journalist besonders für europolitische und internationale wirtschaftliche Beziehungen. Er hatte auch die die Pressemitteilungen der EU über die beabsichtigte Privatisierung der Wasserversorgung gelesen und sich ein eigenes Bild über diese Problematik gemacht. Seine Agentur arbeitete gelegentlich für die OstseeZeitung. Dort wurde er als zuverlässiger Rechercheur und guter Texter geschätzt. Zudem war bekannt, dass er kein Parteibuch hatte, sondern sich bei attac engagierte. In politischen und wirtschaftlichen Belangen vertrat er eine neutrale Position. Der Anruf des Chefredakteurs der OstseeZeitung erreichte ihn am Vormittag.
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