Josef hatte Verständnis für seinen Freund und wollte sich anfänglich ebenfalls freistellen lassen. Sein Chef bedeutete ihm, dass das nicht möglich sei. Er gehöre quasi lebenslang zur Legion. Da er in Afrika in einer nicht unbedingt legalen Situation Menschen getötet habe, sei er in einem anderen Rechtsraum als Mörder angesehen.
Josef konnte diese Behauptung nicht überprüfen. Er hatte schließlich immer auf Befehl gehandelt und hatte nie eigenständig über den jeweiligen Befehl hinaus gehandelt. Er war über die Ablehnung schwer enttäuscht.
Niemand konnte ihm in dieser Lage helfen, weil er seine rechtliche Lage nicht beurteilen konnte. So ging er davon aus, dass er möglicherweise als Mörder angesehen werden könnte.
Er wollte die Legion unbedingt verlassen. Eine Gelegenheit zur Flucht ergab sich, als sein Regiment an einen neuen Standort verlegt wurde. Dort verabschiedete sich der Regimentskommandeur und übergab die Führung an seinen Nachfolger. Die Übergabe wurde bis in den späten Abend gefeiert. Josef nutzte die Gelegenheit, kramte ein paar Sachen zusammen, steckte seinen Sold ein und verließ nachts den Standort. Die Wachen waren glücklicherweise nicht sehr aufmerksam. Ihm gelang die Flucht. Nun war er ein Deserteur.
Er trampte durch Frankreich nach Deutschland und erreichte schließlich den Hauptbahnhof von Hannover. Er übernachtete er in einem Gasthof und suchte am nächsten Tag Hilfe und Schutz bei dem Anwalt, dessen Visitenkarte er seit dem Einsatz in der Nähe von Assinie bei sich trug. Er nahm an, dass der Anwalt sich auch mit internationalem Recht auskennen würde. Sein Name war Naschneiner, Ferdinand Nasch-neiner.
Josef war vorsichtig und rief wegen einer Terminvereinbarung von einer öffentlichen Telefonzelle aus an. Die Sekretärin bat um einen Moment Geduld, weil sie rückfragen müsse. Naschneiner ließ sich nach einem kurzen Moment mit Josef verbinden. Nachdem er erfuhr, woher Josef seine Karte hatte, gab er ihm einen Termin.
Nach einigen Rücksprachen erklärte er Josef, dass es in seiner Situation zwei Möglichkeiten gäbe. Entweder würde Josef sich einem Prozess, einem offiziellen Prozess mit den französischen Behörden, stellen und das Risiko eingehen, von diesen Behörden in einem langwierigen Prozess verurteilt zu werden, oder er könne sich in den Schutz eines deutschen Anwalts begeben.
„Wie soll das denn geschehen?“
„Die Dinge können ganz einfach sein, wenn man sie versteht. Sie sind ein erfahrener Mann, der hier in Deutschland keine Berufsgeschichte hat. Sie sind nach dem Abitur nach Frankreich gegangen. Ich will gar nicht nach den Gründen fragen, die Sie dazu bewegt haben, bei der Legion zu arbeiten. Das geht mich nichts an. Sie werden es schwer haben, sich hier zu integrieren, weil die Zeit bei der Fremdenlegion nicht gerade als positiv angesehen werden wird. Abgesehen davon haben sie keine Berufsausbildung, auf der sie aufbauen könnten.“
„Was bleibt mir jetzt übrig? Ich möchte keinen Prozess mit französischen Behörden.“
„Wir können Ihnen ein Angebot machen. Sie werden bis jetzt noch nicht auf offiziellem Wege verfolgt. Sicher haben sie damals in Frankreich bei der Rekrutierung nicht ihre korrekten Daten über ihre Herkunft und Familie angegeben.“
„Das stimmt. Woher wissen Sie das?“
„Das gehört zu meinem Beruf als Anwalt. Wir bieten Ihnen eine Lösung Ihres Problems an.“
„Wie sieht das aus?“
„Sie treten in die Dienste der FN-Holding. Ihre persönlichen Daten werden von mir so archiviert, dass niemand aus dem Ausland Sie angreifen kann. Als Gegenleistung stehen Sie mir persönlich für einige Projekte zu Verfügung. Sie erhalten von mir eine nur uns beiden bekannte Telefonverbindung und werden wie ein Rechtsanwalt besoldet. Aber Sie tauchen niemals offiziell auf. Das haben Sie ja gelernt. Ich werde Ihnen bei Gelegenheit die Namen von Personen nennen, mit denen Sie vertrauensvoll zusammen arbeiten werden. Dabei werde ich Ihnen Aufträge zu bestimmten Recherchen oder Projekten erteilen. Wenn Sie das akzeptieren, werden Sie sicher sein.“
„Und wenn nicht?“
„Für eine solche Frage ist es eigentlich schon zu spät. Ich kenne Ihre Vita. Ich weiß, dass Sie von der Fremdenlegion gesucht werden. Ich kann dieses Wissen vergessen. Oder auch nicht. Jedenfalls ist das Wissen bei mir langfristig gut aufgehoben und könnte im Bedarfsfalle wieder aus der Versenkung auftauchen. Sie verstehen?“
Josef verstand.
„Was ist mein erster Auftrag?“
„Josef, so werde ich Sie fortan weiter nennen, wir sind jetzt Verbündete, ich werde Sie nicht übervorteilen. Sie werden im Sinne der FN-Holding arbeiten. Sie werden am Erfolg einiger Projekte finanziell teilhaben. Haben Sie noch ein Konto im Ausland?“
„In Frankreich. Da sollte ich nicht mehr rangehen.“
„Das wird meine Kanzlei für Sie erledigen. Das Konto wird aufgelöst. Damit werden Sie in Frankreich dateitechnisch sterben. Sie werden auf keiner Fahndungsliste stehen. Trotzdem erhalten Sie neue Papiere und einen neuen Namen für etwaige Reisen nach Frankreich. Das ist eine gute Sicherheitsmaßnahme. Wir richten Ihnen ein neues Konto ein. In Liechtenstein.“
„Jetzt gehöre ich Ihnen.“
„So muss man das nicht sagen. Wir haben uns ja längere Zeit seit Assinie nicht gesehen. Was machen ihre Kollegen von damals? Wir hatten ja Karten ausgetauscht und ich habe mir die Namen gemerkt.“
„Ein Grund, warum ich wieder nach Deutschland wollte, war, dass Blanchard einen guten Job in Valenciennes angeboten bekam. Bei einer Sicherheitsfirma. Das kann er. Und Tanner hatte einen Zeitvertrag. Nach dessen Erfüllung ist er nach Deutschland zurückgekehrt.“
„War er der Verdächtige, dem die Hotelleute nachgelaufen sind?“
„Das war eine lustige Angelegenheit. Er hatte nichts genommen. Das war ein blöder Verdacht, vielleicht, weil er Deutscher ist. Wir haben ihn an die naheliegende Grenze gefahren.“
Ferdinand stellte keine weiteren Fragen mehr.
Josef erhielt ein Mobiltelefon mit einer gespeicherten Nummer von Ferdinand. Das musste immer empfangsbereit sein. Er konnte damit nur die Nummern anrufen, die ihm für die jeweiligen Projekte mitgeteilt wurden.
Ferdinand organisierte ihm eine sichere Unterkunft. In Laatzen besaß er eine auf die FN-Holding angemeldete Gästewohnung. Josef musste sich nicht anmelden. Sein Name stand natürlich nicht im Telefonbuch.
Er erhielt Anteile an der FN-Holding. So stand es in dem Vertrag, den er wenige Tage nach seinem Einzug im Briefkasten fand. Er hatte keine Alternative zu dem Vertrag und war genötigt, für die FN-Holding zu arbeiten. In einem anderen versiegelten Brief fand er einen Ausweis. Er verfügte damit über eine neue Identität für den Notfall einer Überprüfung durch französische Polizisten. Man erwartet augenscheinlich von mir, dass ich auch in Frankreich arbeiten werde. Wie gut, dass ich die Sprache verstehe.
Er saß in der Wohnung und wartete auf einen Anruf
Ferdinand brauchte nicht lange, um die aktuellen Aufenthaltsorte der beiden ehemaligen Kollegen von Josef ausfindig zu machen. Blanchard wurde auf Empfehlung der FN-Holding plangemäß Leitender Angestellter in der Sicherheitsfirma mit Sitz in Valenciennes. Zu den Kunden dieser Firma gehörte auch der Energiekonzern OSuez du Mont. Diese Geschäftsbeziehung war auf Empfehlung Ferdinands an Henriette zustande gekommen.
Ferdinand arbeitete weiter an seinem Machtplan. Beim nächsten Telefonat mit Henriette erläuterte er sein Vorhaben.
„Henriette, ich bin sicher, dass die Gesellschafterversammlung Deinem Vorschlag gefolgt ist.“
„Es war nicht leicht, aber schließlich hat man dem Expansionsgedanken zugestimmt. Sie erwarten jetzt eine strategische Vorlage. Mein Mann unterstützt mich darin. Dennoch würde ich jetzt gerne wissen, was Du selbst planst. Schließlich trägst Du jetzt indirekt auch Verantwortung in unserem Konzern.“
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