Den umständlichen Ablauf, wie sie den Riesen erkletterten, hatten sie niemandem preisgegeben. Kein anderes Kind und kein Erwachsener schaffte es, ihn zu erklimmen. Es war ein gemütlicher Horst da oben: ein Teppichresten, eine Holzkiste als Tisch, Kissen als Sitzgelegenheiten. Maurice und Marcel organisierten sogar einen Elektroofen mit Verlängerungskabel für frostige Tage.
Ein Stoffaffe bewachte von Anfang an den Eingang. Als Türsteher zeigte er Untenstehenden an, ob jemand oben war. Und er tröstete nicht nur die Mädchen. Darauf kam Kiki erst nach dem grossen Bruch.
Ihm hatte der Ahorn seinen Namen zu verdanken.
Nach dem Wegzug der Buchers war nichts mehr wie zuvor. Nach und nach vereinsamte der Bretterverschlag, hing schief und verlassen in den Ästen. Kiki fiel auf wie hoch der Baum mittlerweile geworden war. Ungewöhnlich nahe kam er den Mauern. Der Wipfel stand weit über dem Giebel und das Laub beschattete die südliche Fensterfront.
Logisch, wenn ein neuer Besitzer hier Hand anlegen würde.
Kiki sah, dass Riri sich über die geplanten Veränderungen freute.
Verständnislos.
«Es ist Zeit.» Riri betrachtete ihre Nägel. «Zeit, die alten Zeiten, alt sein zu lassen.» Sie seufzte und unvermittelt schnellte ihr Kopf hoch. «Kiki, sieh her! Es gibt einen Holzbau, das geht flott und der Umbau steht. Unser Grundstück wird davon nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, es wird mehr Licht geben.» Riri wirkte gespannt und eisern. Ihre Wangen blieben blass.
«Bist du verrückt!», rief Kiki. «Das ist unsere Kindheit, das sind unsere Wurzeln, das ist unser Baum. Tu nicht so, als wäre es dir egal. Du wirfst unsere Zeit fort wie lästiger Müll.» Ihre Hand fegte über den Tisch und hätte beinahe Geschirr mitgerissen. «Einfach so? Du bist so oberflächlich!»
Riri stand stramm. Als hätte Kiki ihr einen Krug Wasser übergegossen.
Oberflächlich? Riri mangelte es nicht an Tiefgang. Da hatte sie vielleicht etwas weit gegriffen. Egal. Zu allem Überdruss spürte sie, dass Riri sie am liebsten in die Arme genommen und beruhigt hätte. Sie wollte nicht besänftigt werden. Jetzt nicht. Sie wollte Streit. Damit kannte sie sich aus. Das beherrschte sie erstklassig.
«Maman, sag auch mal was!» Ihre Mutter war ihre Verbündete gegen Riri.
Maria Dunon blinzelte Kiki zu. «Wenn du ihn so liebst, dann müssen wir mit Daniel und seiner Familie reden. Sie dürfen das nicht ohne unsere Einwilligung, oder Aurélie?» Mamans Antlitz war wie aus Wachs, als sie sich Riri zuwandte. Graue Frisur im bläulichen Ton, Kukidentlächeln. Jedes Detail sass. Sie hätte in sämtliche Senioreninserate gepasst. Mit Dackelaugen und ehrenhaftem Strahlen.
Kiki entspannte sich.
«Maman!» Riris Wangen überzogen sich mit zartem Rot. «Das haben wir soeben besprochen. Wir werden nicht wieder in dieses Riesending hochklettern. Kiki nicht und du nicht. Also was soll das?»
Wunderbar. Riri wurde wütend. Kiki bog auf die Ziellinie ein und holte abermals aus: «Du mit deiner arroganten Art. Findest alles grossartig, was andere tun. Ständig sagst du ja, bist einverstanden und nett. Wehrst du dich auch einmal? Für etwas, das dir wichtig ist?» Sie blitzte ihre Schwester an.
Riri schluckte. Langsam drehte sie sich zur Spüle weg. Kiki fragte sich zum x-ten Mal, wo ihre Schwester ihre Beherrschung hernahm. Was ging in dieser Frau vor?
«Ist das ein Problem für dich? Willst du mir nicht helfen? Ist das zu viel verlangt, Aurélie?» Die Stimme von Maman schnitt einen tiefen Graben. Die Werbemiene war aus ihrem Gesicht gewichen, triefte nun vor Anklage und Erwartung.
«Natürlich nicht, natürlich nicht.» Riris Spannkraft erschlaffte, sie liess die Schultern hängen, stützte sich mit den Armen ab.
Kiki lehnte zurück. Das Abholzen würde sich nicht verhindern lassen. Der Baum wuchs auf dem Nachbargrundstück und der Eigner durfte machen, was er wollte. Der Stamm sah morsch aus. Die Gefahr, dass der Wind künftig nicht mehr nur folgenlos mit den Blättern spielen würde, war offensichtlich.
«Ich werde hingehen und ein gutes Wort für dich einlegen. Aber ich verspreche gar nichts», sagte Riri atemlos und mit angestrengtem Lächeln.
Kiki runzelte die Stirn, das ging ihr zu glatt. «Sag denen, sie sollen sich eine andere Lösung für ihr Problem ausdenken!», stichelte sie.
«Warum machst das nicht du?», Riris Wut bellte.
«Wie bitte? Riri? Du weisst, ich schaff das nicht. Für solche Sachen bist du genau die Richtige.» Kikis Gesicht kopierte Mamans Werbemimik. «Ausserdem habe ich keine Gelegenheit, ich arbeite den ganzen Tag.» Sie grinste, als sie Riri den Waschlappen würgen sah. Händereibend setzte sich ihre Schwester.
Gemeinsam schwiegen sie.
Riri fand wieder Worte. «Dieser wunderbare Ort. Es ist so schade, dass er nur von alten Menschen bewohnt wird.»
«Ich bin nicht alt.» Maman betonte jedes Wort. Langsam. Sie biss sich auf die Lippen. Ein untrügliches Zeichen, dass sie beleidigt war.
Fettnäpfchen!
Riri war aussergewöhnlich vorhersehbar.
«Ach Maman, so meine ich das nicht.» Riri schüttelte ihre schwarzen Locken.
Ihre Mutter wickelte sich Kikis Strähnen um ihre knochigen Finger.
«Maman kann nicht ausstehen, wenn Gören lärmen. Dieser Bau wird unser Heim kaputt machen.» Kiki wollte nicht einlenken, noch nicht. «Nichts soll sich verändern, ich möchte, dass es so ist wie früher. Weisst du nicht, wie reizend unser Garten ist?»
«Kiki!» Riris Haut leuchtete nun vor Wut. «Jetzt schau dir diese Unterlagen an. Ihr seid beide verrückt.»
Der Lappen flog auf den Tisch und Riri verliess, ohne auf eine Reaktion zu warten, die Küche.
Riri lief in den Garten. Auf dem Parkplatz des Nachbarn stand das Motorrad, welches sie beinahe gerempelt hätte. Das hatte sie beim Ankommen nicht bemerkt. War das Daniels Fahrzeug? Geplapper schwappte herüber. Schnell bückte sie sich neben einen üppig blaublühenden Hibiskus und riss an einer verirrten, wilden Kamille. Es wäre ihr peinlich gewesen, jetzt gesehen und angesprochen zu werden.
Der Weg war von Sonnenblumen und Lilien gesäumt. Sie hob den Kopf und ihr Blick verfing sich in den Blättern des betagten Ahorns. Diese Erde war ihre Verbündete. Jeder Pflanze hatte sie ihre Geschichte erzählt, ihre Gefühle offenbart, sie mit ihren Tränen getränkt, mit Melancholie verwöhnt.
Das war ihr Garten. Sie wollte sich nicht gegen dieses Projekt stellen. Kiki machte ihr das Leben schwer. Die Hoffnung, sich mit ihrer Schwester auszusprechen zerrann, wie Wasser auf ausgetrocknetem Boden. Das Gummiband in ihrem Inneren dehnte sich zum Bersten. Sie richtete sich auf, zog die Schultern hoch, liess sie wieder hängen, liess sie kreisen, schaukelte sich hin und her, versuchte ihre Brust zu entspannen.
Ihre Schwester zettelte Streit an, wie üblich. Wieder war es ihr nicht gelungen, gelassen zu bleiben. Wieder hatte sie den Kampf verloren. Mit angespannten Zügeln war es schwierig, den richtigen Ton zu treffen.
Zimtstern – ich hätte mich für dich wehren sollen
Im Gemüsebeet wucherte Unkraut und Grashalme standen da und dort im Kies.
Fehlerhaft
Sie würde gerne häufiger herkommen. Die Schultermine ihrer Kinder, Fussballtraining, Turniere, Hausaufgaben, der Haushalt. Der alltägliche Wahnsinn einer Kleinfamilie. Wie sollte sie das alles schaffen? Niemand merkte ihre Anstrengung. Für alle war sie die Perfekte, Unermüdliche. Unkraut zwischen Daumen und Zeigefinger zerkrümelnd, ging sie zum Geräteschuppen und langte nach einem Eimer. Sie klaubte die umgestülpten Fingerteile ihrer Gartenhandschuhe hervor, zog sie sich über, legte eine Matte auf die Erde und kniete sich hin.
Sie vergass alles um sich, liess sich von der Zeit verschlingen.
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