Dieses Foto werde ich ihr heute zur Beerdigung bringen
Riri stand in der Küche. An den Kühlschrank gelehnt.
Erinnerungen waberten durch ihren Kopf.
Sprachfetzen, der Geruch von Desinfektionsmitteln, ein Zerren in ihrem Bauch und das bohrende Gefühl, etwas ganz Grosses falsch gemacht zu haben.
Schandfleck
Die Vergangenheit schwappte in Wellen über sie her, sich stetig wiederholend, grausam, wieder und wieder und ohne Möglichkeit, diese einmal in Fluss geratene Naturkraft bremsen zu können. Die Rückschau zerrte an allen Sinnen, brachten sie durcheinander. Den ganzen Tag hatte sie versucht die Puzzleteile zusammenzusetzen. Angsttrunken hatte sie sich dagegen gewehrt, gekämpft. Jetzt war sie müde.
Die Uhr zeigte Mitternacht. Alain würde bald heimkehren. Zittrig fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn.
Zimtstern
Jetzt hatte sie doch an ihn gedacht. Sie hätte ihn so gerne vergessen, diese Begegnung nie erlebt. Das war so lange her, fühlte sich so unwirklich an, als hätte sie irgendwo davon gelesen. Oder im Fernsehen gesehen.
Ich wollte das nicht
Sie drehte sich, betrachtete den vorbereiteten Frühstückstisch für den nächsten Tag. Hastig gedeckt für das Essen einer Familie, in welcher einer nach dem anderen sich schnell verpflegte, um zeitig aus dem Haus zu kommen. Nur der Kaffee fehlte.
Sie lechzte danach. Sie startete die Espressomaschine, stellte ein Tässchen unter und drückte mechanisch die Taste. Herbsüsser Pausenduft umhüllte sie. Stehend genoss sie den kleinen Schwarzen. Mit geschlossenen Lidern. Ohne einen Gedanken. Als kurze Meditation. Mechanisch öffnete sie den Kühlschrank, tastete nach der angebrochenen Tafel Schokolade. Anschliessend liess sie die Tasse achtlos in der Spüle stehen, löschte das Licht und stieg die Treppe hoch.
Sie linste in Jans Zimmer. Ihr Zwölfjähriger lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt. Der Pyjama hochgerutscht, zeigte er seinen entblössten Nabel. Riri schmunzelte, zog die Türe leise zu.
Im Raum ihrer Tochter blieb sie stehen. Sog genüsslich die gedrängte, warme Luft ein. Sana krümmte sich im Bett, die Decke zwischen die Beine geklemmt. Riri trat neben sie und strich ihr zart zwei verirrte Strähnen zurück.
Sanas Übelkeit hatte alles ins Rollen gebracht.
Am Morgen zuvor war Riri von einem klappenden Klodeckel aufgeschreckt worden. Im Bad hatte sie ihre Vierzehnjährige über der Toilettenschüssel angetroffen. Schweissgeperlt.
«Sana?» Riri hatte nach einem Lappen gegriffen und dem Mädchen die Stirn abgewischt. «Was ist mit dir?» Überrascht hatte sie das Zittern ihrer eigenen Hände registriert.
«Keine Ahnung. Mann, ist mir zum Kotzen», hatte Sana gegrunzt. «Die Kekse, die ich gestern im Jugendtreff genascht habe, waren vermutlich schlecht.» Dabei hatte sie Riri nicht angesehen, sich weggedreht und Wasser direkt vom Hahn in den Mund gesogen. Mit schlappen Haaren, nachtweisser Miene und einem «Scheisse» war sie in ihrem Zimmer verschwunden.
Die Sommerferien waren eine Woche zuvor zu Ende gegangen und Sana hatte in die achte Klasse gewechselt. Die Lehrerin und die Stundenpläne waren mehrheitlich unverändert, so dass Riri sich kaum um Organisatorisches kümmern musste.
Sana ging freitags um acht Uhr los. Riri wollte die Lehrerin informieren, verärgert, weil Sanas Unpässlichkeit ihren Tagesablauf durchkreuzte. Ein undefinierbares Kribbeln war in ihr hochgestiegen, welches sie zu ignorieren versucht hatte.
Während sie nach der Nummer suchte, war Sana in die Küche getrabt. Angezogen, die Haare gebürstet und straff zu einem Rossschwanz gebunden. Die Augen hatten wegen ihrer Blässe dunkler gewirkt als sonst und ihr einen elfenhaften, bezaubernden Look verliehen.
«Ich esse nichts, muss los.»
«Du bleibst heute zu Hause, Mädchen!»
«Hör auf, mich so zu nennen!» Störrisch hatte Sana das Kinn hochgereckt.
«Na …» Riri wurde unterbrochen.
«Mir war kurz übel. Jetzt geht’s wieder, mach kein Drama.» Abwehrend hatte Sana beide Hände vor die Brust gehoben. «Ich gehe zur Schule». Am Tee hatte sie nur lustlos genippt.
Hatte Sana Morgenübelkeit?
Eisig hatte der Gedanke Riri durchzuckt. Kurz nur, dann hatte sie das Gefühl in ihre dunklen Nervenzellen zurückgedrängt.
«Tschüss Mami, am Nachmittag werde ich mit Chiara lernen. Bin gegen fünf daheim.» Von hinten hatte Sana ihr einen kalten Kuss an die Schläfe gedrückt, bevor sie die Haustüre hinter sich zugezogen hatte.
Seither rang Riri mit dem Monster der Erinnerung. Sie würde ewig an diesen Tag zurückdenken.
Später würde Sana sagen, dass alles an diesem Datum angefangen hatte.
Riri blinzelte. Die Sonne scheibelte sich durch die gekippten Jalousien und kitzelte sie in der Nase. Sie rollte sich zur Seite, stiess mit der Stirn an den Roman, welchen sie zum Einschlafen gebraucht hatte. Das Buch rutschte. Sofort versuchte sie es zu fassen, verhedderte sich auf halbem Weg im Bettlaken, zerrte. Statt den Band zu greifen, knallte er zu Boden.
Sie hielt den Atem an. Alain rührte sich nicht.
Er hat ein reines Gewissen
Sie schälte sich aus der Wärme, liess das Buch liegen und betrat das Bad, liess die Lamellen hochfahren und Sommerlicht flutete den Raum. Staubsterne tanzten. Sie öffnete das Fenster und ihr erwachender Körper begrüsste die Frische mit sich aufstellenden Härchen. Trotz der Kühle war zu ahnen, dass ein heisser Tag bevorstand.
07.38 Uhr. So spät?
Die morgendliche Routine wärmte ihren Motor. Sie begann mit Zahnseide, Zahnbürste, stellte sich auf die Waage. Na ja . Sie hätte auf die Schokolade verzichten sollen.
Mit beiden Händen fing sie den Wasserstrahl auf, tauchte ihr Gesicht mehrmals ins kalte Nass und wiederholte die Prozedur bis die Haut kribbelte und ihre Lider knackten.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer. Alain lag unverändert.
Unerwartet zuckte sein Arm unter der Decke hervor und packte sie am Bein, hielt sie fest. «Hab dich», brummte er. Riris Herz setzte einen Schlag aus. «Oh, mein Gott, erschreck mich nicht so!»
Was ist mit meinem Gewissen?
«Komm her zu mir, kleine Frau», forderte er. Sie liess sich ins Bett ziehen, wartete bis sich ihr Herzschlag normalisiert hatte. Alain vergrub seine Nase in ihrer Halsbeuge. «Hm, dein Schlüsselbein riecht so lecker.»
«Ich muss los», nörgelte sie. «Ich habe Maman versprochen vorbeizuschauen, um einen Brief, den sie von der Gemeindeverwaltung bekommen hat, durchzugehen. Weiss der Kuckuck was die von ihr wollen.»
«Vergiss es.» Alain hatte tausend Hände.
Riri wand sich, stand auf und zog sich an. Schwarze Hose, schwarze Bluse, die schwarz gelockten Haare lose zusammengebunden. Am Morgen war sie schnell. Äusserlichkeiten waren ihr nicht wichtig. Den Lipgloss benutzte sie trotzdem. Wegen Kiki.
«Schaust du etwas auf Sana? Sie hat sich gestern übergeben.» Sie sah ihren Mann nicht an. Herzklopfen. Was war los mit ihr?
«Nein, Riri, geh nicht!» Alain setzte sich auf. «Tu mir das nicht an. Ist doch egal, wenn du eine halbe Stunde später bist.»
Sie fühlte sich schuldig. Das Gummiband in ihrem Innern spannte sich.
«Kiki kommt auch und wenn ich früh da bin, bin ich bald wieder zu Hause. Der Nachmittag gehört dir. Die Kinder sind beide fort.» Sie zwinkerte Alain zu.
Alain stemmte sich in die Höhe. «Was heisst hier: Kiki kommt auch?» Unangenehm ahmte er ihre Stimme nach. «Wie ich dich kenne, bist du erst nach dem Essen zurück. Du machst alles allein, den Schreibkram, aufräumen und die Damen bekochst du ebenfalls.» Ohne eine Antwort abzuwarten, schnaubte er. «Kiki!!» Er riss an seinen Jeans. «Und ich kann warten.»
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