Riri hatte ihren Ruf und damit ihre Kindheit abstreifen wollen. Dazugehören, unabhängig und frei sein. Erwachsen. Weggehen. Und dann hatte sie in einem alkoholisierten, triebhaften Moment Zimtstern gezeugt.
Zimtstern
Ein einziger Abend, ein einziger Fehltritt hatte ihre Zukunft in Frage gestellt. Wofür hatte sie sich verkauft? Sie hätte alles dafür gegeben, ihre Unberührtheit zurück zu erhalten. Hatte sich dafür geschämt, zu sein wie alle anderen. Wollte nicht mehr, dass ihr Leumund sich änderte oder jemand von ihrer Lasterhaftigkeit erfahren würde. Damals hatte sie geschworen, nie wieder Regeln zu brechen, zu rebellieren. Und glaubte, so alles rückgängig zu machen. Sie hatte jenes Baby nicht gewollt, nie. Erst nachdem sie es verloren hatte, begann sie es zu lieben. Beharrlich hatte sie diese Liebe sich selbst gegenüber verleugnet. Es musste ein Irrtum des Schicksals sein, dass sie später mit Alain Kinder haben konnte. Wie hatte sie es geschafft, sich ein Leben aufzubauen, nachdem sie sich dieses Kreuz aufgeladen hatte? Warum war sie bereit gewesen, ihr Leben und ihre Erfahrungen zu verleugnen.
Warum?
Sie hatte sich an ihrem Eid festgeklammert. Wem hatte sie dieses Versprechen gegeben? Wer forderte die Einhaltung ein? Dieser Fleck, der an ihr haftete. Kein Mittel, um sich reinzuwaschen. Sie wurde ihn nicht los und hatte ihn deshalb verborgen und kaschiert. Niemand, mit dem sie reden konnte. Riri hob den Kopf. Bis zum Jahrestag würde sie darüber sprechen.
Ein neuer Schwur
Sie würde mit ihrer Mutter reden, mit ihrer Schwester.
Auch mit Alain. Sein Name riss sie zurück ins Jetzt. Er fühlte sich so abwesend an.
Die Vertrautheit zwischen ihm und seiner Sekretärin verunsicherte sie. War ihr Ehemann treu? Gerade noch hätte sie die Hand für ihn ins Feuer gelegt. Plötzlich konnte sie ihn nicht mehr spüren, blieb orientierungslos. Wann hatte sie sich vor lauter Pflichterfüllung so von ihm entfernt? Wie achtlos! Sie hatte alles mit ihm besprochen. Alles, ausser dem Wichtigsten. Warum hatte sie ihr Innigstes nicht mit ihm geteilt? Für wen schwieg sie? Für Maman?
Was habe ich getan? - Lügnerin
Für mich? Aus Angst, dass Alain sie erkennen, ihren Fehler missbilligen könnte? Sie stand nicht zu sich selbst. Damals nicht und heute nicht.
Schweigen oder reden?
Durch die Blätter schaute sie in den Himmel und straffte die Schultern. Den langjährigen, unnützen Schwur wollte sie im Baum lassen. Er würde ihn beim Fällen mit sich reissen.
Ich will mich dem echten Leben stellen
Plötzlich wollte sie runter.
Sie fröstelte. Der tropfnasse Affe hatte die Bluse durchnässt und der dünne Stoff klebte an der Haut. Sass sie schon lange hier? War das schon früher so hoch?
Sie spürte jedes ihrer neununddreissig Lenze. Riri hoffte, beim Absteigen unbeobachtet zu bleiben. Es war anstrengender als erwartet. Sie hatte Angst. Den letzten Ast zu hangeln, erforderte einiges an Mut. Schlussendlich hielt sie sich zögerlich mit den Armen am Stamm fest und robbte abwärts, wie ein zu dick gewordenes Faultier. Die Kleider rutschten hoch und die Rinde ritzte spitzschürfend am Bauch. Mit einem letzten Satz hatte sie es geschafft. Ihre Bluse war zerschlissen, ihre Haut blutig zerkratzt. Der Büstenhalter zeichnete sich ab. Hastig zog sie das ramponierte Oberteil zurecht.
«Ola, Mädchen!» Der Gärtner stand unvermittelt bei ihr. «Das war Klasse». Er schaute ihr nicht ins Gesicht und schnalzte.
Riri lief rot an.
«Wo kommt das denn her?» Er bückte sich und hob den Affen auf, welchen sie ihrem Abstieg voraus geworfen hatte.
Wortlos griff Riri danach. Ihre Hand streifte die Seine. Sie zuckte elektrisiert und betroffen hob sie die Lider. Das Grün seiner Augen sog sie auf. Verwirrt drehte sie sich um.
«Schönen Tag.» Schnellen Schrittes ging sie zum Haus.
Irritiert, verunsichert, geschmeichelt.
Sein Blick in ihrem Rücken.
Kiki geht
Wie konnte Kiki bloss! Riri bückte sich und schnippte mit dem Finger Laub vom grauen Steinmäuerchen, welches den Garten umfasste.
Endlich würde Kiki weggehen.
Darauf wartete Riri schon so lange, dass ebendies passieren würde. Und jetzt wackelte der Boden unter ihren Füssen.
Als spiele sie mit einer der Postkarten ihres Paten, die sie regelmässig von seinen ausgedehnten Kreuzfahrten zugeschickt bekommen hatte. Auf einer davon waren nur Wellen und Meer abgelichtet gewesen. Jene Karte hatte sie sich dicht vor die Augen gehalten und sie winzig hin und her bewegt. Es hatte ihr Schwindel verursacht, als befände sie sich selbst auf einem Boot mit unbestimmtem Ziel auf hoher See.
Der Taumel hatte sie berauscht und verängstigt. Trotzdem hatte sie nicht aufhören können. Bis sie die Karte eines Abends draussen hatte liegen lassen. Aufgeweicht vom morgendlichen Tau war sie danach für ihr Spiel unbrauchbar geworden.
Jetzt fühlte sie sich genauso. Sie freute sich ob Kikis Weggehen, auf die Zukunft. Es fühlte sich an wie Freiheit - und es fühlte sich an wie Schuld.
Schuld. Immer wieder Schuld
Würde sie das je loslassen können? Würde dieses Dehnen und Ziehen nach Zimtstern irgendwann erlahmen?
Was würde passieren, wenn Kiki wegging?
Ich will mit ihr reden
« Wohin gehst du?», hatte Riri am Telefon atemlos gefragt. Sie hatte geahnt, dass ihre Schwester bald frisch verliebt bei ihr auftauchen würde. Für Kiki war es unerträglich, länger als zwei Monate ohne einen Kerl zu bleiben. Dass sie wegzog, damit hatte Riri nicht gerechnet.
«Nach Lausanne. An der Hochzeit von Ciril habe ich Finn kennen gelernt. Er ist der absolute Hammer!» Kikis Stimme war ein Ton heller als üblich. Ein untrügliches Zeichen.
«Da bin ich ja gespannt.» Riri schloss die Augen.
«Es ist anders als sonst. Er meint mich. Endlich habe ich auch jemanden, mit dem ich diese absolute Liebe erlebe. Es ist wie du und Alain. Jemand, der mich versteht, der mit mir zusammen sein will.»
«Super.» Riri wollte sich mit Kiki freuen.
«Sag das nicht so. Ich werde ihn dir vorstellen. Es bedeutet mir etwas, wie du ihn beurteilst. Kann ich vorbeikommen?»
«Wann? Jetzt? Mit diesem Mann?» Riri erschrak.
«Nein, nein. Nicht jetzt, heute Abend. Ich komm allein. Finn ist in Lausanne. Ich würde dir gerne von meiner Wahnsinnswoche erzählen. Ich habe meine Stelle gekündigt. Fantastisch, was alles passiert ist.»
Riri fuhr sich über die Stirn, gereizt. Sie wollte trotz ihrer Sorgen und Bedenken freundlich und zuvorkommend bleiben.
Sie konnte ihre Schwester nicht ausstehen.
Der Gedanke fesselte sie, ausserstande sich davon zu befreien.
Hasse ich Kiki? Darf man das? Die eigene Schwester? Oder liebe ich sie?
Dieses süss-saure, ambivalente Empfinden harrte in ihrer Brust.
Süss-sauer – genauso fühlt sich Kiki an
Wenn sie weg wäre, dann würde es nicht dauernd um Kiki gehen.
Dann gäbe es nur sie selbst, ohne diesen Schatten über ihr.
Für ihre Mutter war sie nie gut genug.
Riri hob den Kopf. Die Sonne kämpfte sich durch den lichten Hochnebel, welcher sich während der Nacht hergeschlichen hatte. Nach einem stümperhaften, nassen Sommer hatten sie doch noch ein Quäntchen Wärme abbekommen. Inzwischen quetschte sich der Herbst zwischen die Tage. Die Luft war abgekühlt. In den frühen Morgenstunden war ein Gewitter aufgezogen, es hatte geregnet. Dunst lag auf den Feldern. Vögel zwitscherten. Leise lärmte ein Flugzeug. In einiger Entfernung schlug ein Hund an.
Riri fühlte sich verlassen. Eigenartig, wie laut sie die Zeichen der Gesellschaft hörte, sobald sich ihr Herz einsam fühlte.
Sie seufzte, griff nach der Post im Milchkasten und trat ins Haus. Dann schnappte sie sich den Lappen. Hausarbeit half, Trübsal zu verjagen. Aufräumen als Therapie gegen Unordnung in ihrem Inneren. Staubwischen, Saugen, zerwühlte Bettlaken, Reste von rosa Pomadenstift und blonde Haare im Lavabo. Keine Spuren von Morgenübelkeit. Sana hatte es wie üblich eilig gehabt.
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