Sie setzten sich auf die Bank über dem Weinberg, welcher sich vor dem Restaurant bis ins Flussvorland erstreckte. Im Sitzen leuchteten ihre Knie blass unter dem Saum hervor und Kiki fragte sich, ob das sexy war.
Sie erfuhr, dass Finn in Lausanne lebte und dort in einer grossen Logistikfirma arbeitete. Er liebte Weisswein, deutschen Schlager und im speziellen Udo Jürgens, den er noch immer betrauerte. Alles was Finn erzählte, schlürfte Kiki auf wie einen Zaubertrank, der sie betäubte und sie schwindlig machte.
Um zwei Uhr traten mehrere Personen auf den Parkplatz. Die Feier war vorbei. Kiki schaute sich um. Sie hatte nicht bemerkt, wie die Zeit fortgeschritten war. Finn sprang auf und drückte ihr einen Hauch von Kuss auf ihren Mund. Ihr stockte der Atem. Bevor sie reagierte, drehte er sich um und schlenderte zum Reisebus, der wie aus dem Nichts mit geöffneten Türen wartete. Dieser fuhr die Gesellschaft zur Traukirche zurück, wo die Gäste ihre eigenen Fahrzeuge parkiert hatten. Finn stand mitten unter Menschen, bevor sie sich bewegen konnte. Seinen Arm hatte er um Linda gelegt, drückte sie und strich ihr vertraulich eine Strähne hinters Ohr. Kiki fragte sich, ob sie sich seinen Kuss eingebildet hatte. Wie gebannt schaute sie ihm zu. Die Materie um sie herum wurde schal und leer.
Sie lief zurück ins Lokal, um ihre Tasche und ihre Jacke zu holen. Sie sputete und stieg als Letzte in den Bus ein. Zuvorderst rutschte sie auf den letzten freien Sitz. Finn hatte sie nicht mehr getroffen, scheute sich, ihn zu suchen. Sass er im Bus? Vermisste er sie? Eine halbe Stunde sass sie neben dem Fahrer und verfolgte die Scheinwerfer auf der dunklen Strasse. Vergass zu atmen.
Genial, wenn jemand weiss, wo’s langgeht
Nach der Fahrt stromte sie durch die sich verabschiedenden Gäste, die ihre Taschen und Jacken an sich drückten und sich ihren Privatfahrzeugen zuwandten. Wie Ameisen die ihren Staat sortierten.
Finn entdeckte sie plaudernd, mitten in der Familie der Frischvermählten. Die Hände tief in den Hosentaschen versenkt, die Ellbogen durchgedrückt, lachend. Er wirkte glücklich. Die Atmosphäre um ihn herum knisterte.
Sie trat zu der Gruppe und begann, allen zum Abschied die Hand zu schütteln. Finn wollte sie als Letzten verabschieden. Bevor sie bei ihm ankam, erhaschte sie seinen Blick. Er blinzelte ihr zu und hob zwei Finger. Mit einem «Gute Nacht allerseits» ging er weg und verschwand raschen Schrittes in der Dunkelheit zwischen den Fahrzeugen. Lustlos reichte sie den restlichen Personen die Hand. Sie fühlte sich bieder und antiquiert.
Später im Bett lag sie endlos wach. Der Abend war wie ein Traum. Sie würde mit Riri reden. Riri wusste was zu tun war. Und endlich, im Morgengrauen, fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Der Affenbaum wurde gefällt. Heute.
Das Gespräch mit Daniel war kurz und erfolglos verlaufen. Riri hatte kaum Energie investiert.
Jetzt fuhr sie zu ihrer Mutter. Maman hasste Veränderungen.
Wie damals, als Vater eigenmächtig eine neue Couch bestellt hatte. Riri war zehn oder elf gewesen, vielleicht auch älter. Niemand hatte davon gewusst, bis der schwarzweissrote Lieferwagen eines Möbelhauses vor dem Haus parkte. Das moderne Polster war hellgrün. Kiki und sie hatten sich mit Geschrei auf die Liege gestürzt, liebten es von Anfang an. Maman hatte sich geweigert ihr altes, hellbraunes Sofa herzugeben, durchgesessen und fleckig wie es war. Nach einem Unglück mit Rotwein musste es mit einer rotbraun gestreiften Decke abgedeckt werden. Wochenweise abwechselnd waren die Schwestern beauftragt gewesen, täglich den Überwurf frisch und ganz straff aufzulegen. Die Packer wollten das Unding mitnehmen und entsorgen. Maman stellte sich ihnen entgegen und hatte darauf bestanden, dass es stehen blieb, obwohl es den Weg versperrte. Tagelang hatte sie kein Wort gesprochen, keinen angeschaut. Mit verkniffenen Lippen hatte sie sich um niemanden mehr gekümmert. Nach solchen Zerwürfnissen mit ihrem Gatten hörte sie einfach auf zu kochen. Dann bedienten sie sich direkt aus dem Kühlschrank und abends wärmte ihr Vater eine Fertigpizza oder zauberte Spaghetti mit selbstkreierter, ungeniessbarer Sauce. Riri liebte diese Phasen. Erfreute sich an der Dreisamkeit, frei von ihrer Mutter, während deren Abwesenheit Kiki aus der Fassung brachte. Maman stand dann in der Küche und schaute aus dem Fenster. Rauchte und schwieg. Wie sie tagelang nichts essen konnte, hatte Riri nie verstanden. Nach drei Tagen war der Spuck vorbei gewesen. Ihre Mutter verhielt sich, als wäre nichts passiert. Das zerschlissene Sofa überlebte. Der Ärger mit dem Bezug blieb an den Schwestern hängen, auch wenn bloss Maman sich zum Fernsehen dorthin setzte. Zwei Monate später war das alte Ding weg. Von einem Tag auf den andern. Maman zwängte sich zu ihnen auf die grüne Couch. Sie rutschten zusammen und machten Platz. Es wurde nie darüber gesprochen.
Riri lächelte.
Heute litt Maman. Ohne Papa war das nicht lustig. Riris Versuch um Mitgefühl misslang.
Ihre Mutter hatte sich für eine dunkle Bluse und eine schwarze Hose entschieden.
Lady in Black - Als wolle sie jemanden zu Grabe tragen
Kalt umarmten sie sich.
Mit steifem Arm hielt Maria ihre Tochter von sich, ihre Finger drückten sich unangenehm um Riris Oberarme. «Du siehst gut aus. Willst du an eine Beerdigung?», sagte Maman. Ihre taxierenden Augen negierten das Kompliment und hielten Riri gefangen. «Willst du nicht mal was Farbiges anziehen, so wie Frédérique.» Ohne eine Antwort abzuwarten, liess sie los.
Riri lachte, hilflos über ihre eigene Wertlosigkeit. «Gerade habe ich dasselbe von dir gedacht. Dir fehlt ein Hut.» Dass sie an einen Deckel für die alte Schachtel dachte, verschwieg sie. Die mentale Boshaftigkeit salbte ihre Qual.
Neuerdings hatte Riri begonnen, zur dunklen Garderobe auch weiss zu tragen. Falls es ihr gut ging. Heute brauchte sie den Schutz von Schwarz.
Mit einem Milchkaffee setzten sie sich schweigend auf die Terrasse. Der Herbst zeigte seine goldene Seite. Auf den Strässchen ringsum waren Mütter mit Kinderwagen, Rentner und Hundehalter unterwegs. Wärme stieg aus dem Rasen, Wespen summten. Ein Schmetterling tanzte vorbei, kehrte zurück und platzierte sich auf der gewärmten Brüstung. Langsam öffnete er seine Flügel, sonnte sich und flog weiter.
Die unerwünschten Sträucher waren von Arbeitern bereits ausgerissen worden. Äste und Blätter lagen auf der Wiese, als hätte ein Hurrikan gewütet. Es roch und duftete nach Erde und Sägemehl. Dessen ungeachtet wirkte der Garten aufgeräumt.
Riri hatte ihre Jacke ausgezogen und den obersten Knopf ihrer Bluse geöffnet. Die schwarze Kleidung zog Wärme an ihren Körper und machte sie müde. Den Kopf im Nacken schloss sie die Augen. Genoss es, gleich dem Sommervogel, gedankenlos vor sich hin zu dösen.
Wenn der Affenbaum weg ist, ist alles vorbei
«Wenn sie ihn am Nachmittag fällen, werde ich nicht hier sein.» Maman hatte die Lippen kaum geöffnet. «Ich esse mit Frédérique im Gasthof zu Mittag». Leise und hartnäckig hustete sie. Sie quirlte ihren Kaffee, bis Schaum aus der Tasse schwappte. «Ich werde nicht zusehen», flüsterte sie.
Riri horchte auf, ihre Lider flatterten. Seit wann sprach ihre Mutter von sich aus Dinge an, die unangenehm waren? Irgendetwas veränderte sich. Oder täuschte sie sich? Wollte ihre Mutter das Gestern gleichermassen hinter sich lassen und war froh, dass die einstigen Zeugen beseitigt wurden? Wusste Maman, dass ihre Geschichte mit diesem Baum zusammenhing?
Auch mit ihr möchte ich reden
Eine eisige Hand kribbelte Riri über den Rücken. Sie schaffte das nicht. Warum war sie so schwach, wenn es darum ging, Frieden in ihre Biografie zu bringen?
Mein Fehler bleibt an der Zeit kleben
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