Maman spielte mit dem Löffel. Der monotone Klang am Porzellanrand reizte Riris Nerven. Das Gummiband in ihrem Innern spannte bis unter ihre Haut.
«Ich geh dann mal.» Ohne ihr Getränk angerührt zu haben, erhob sie sich. Sie ignorierte die drei Stufen, lehnte sich an das Terrassengeländer und schwang ihre Füsse über das Holz, als wäre sie ein Teenager. Die Maserung schrammte an der Hose, dann sprang sie auf der anderen Seite leichtfüssig auf den Kies.
Seit sie um fünf Uhr aufgewacht war, rückte ihr die Vergangenheit zu Leibe. Riri war unkonzentriert gewesen, hatte Milch in Jans Orangensaft statt in ihre Tasse gegossen und das Honigglas vom Tisch geworfen. Bevor der Tag begann, hatte sie aufwischen und saubermachen müssen. Sie hatte sich nicht geärgert, half es ihr doch, ihr inneres Chaos zu sortieren.
Je mehr sie sich dem Baum näherte, desto weiter glitt sie ins Gestern zurück.
Der Baum war immer für sie da gewesen.
Er war für sie da, nachdem sie ihr Kind verloren hatte.
Er war da, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war.
Er war da, als sie ihre Keuschheit verprasste.
Er war da, während der fröhlichen und traurigen Tage ihrer Jugend.
Er war da für sie, für Kiki, für Maurice und für Marcel.
Abschied.
«Es ist Zeit», murmelte sie.
«Wie bitte?»
Riri zuckte. Aus dem Nichts stand ein Mann neben ihr. Sie erkannte ihn. Blonde, lange Locken, Blue-Jeans, weisses T-Shirt. Seine dicken Muskeln waren nicht zu übersehen.
Sie brauchte einen Moment, um in die Gegenwart zurückzukehren.
«Sorry, was wollten sie von mir?» Der helle und warme Ton seiner Stimme brachte Riri aus der Fassung und hastig schloss sie ihren Mund. Sie räusperte sich. Leise sagte sie: «Ich bin die Nachbarin und möchte in die Hütte.»
Er schaute sie unverwandt an.
«Auf diesem Baum.» Ihr Finger zeigte zum Ahorn.
«Ach so. Ich bin der Gärtner. - Sie mögen keine Motorradfahrer?»
Riri starrte Richtung Auffahrt und zwinkerte mit den Wimpern in der Hoffnung, nicht rot zu werden. Dankbar über die Locke in ihrem Gesicht, holte sie tief Luft.
Er kam ihr zuvor. «Der wird heute gefällt. Da steigen sie nicht mehr hoch.» Er deutete auf ihre Kleider. «Sie wollen in diese Baracke?» Unglauben und Neugier sprach aus seinem Blick.
«Ja.» Riri warf imaginäre Haare in den Nacken. «Wetten, auch ein Mädchen kann auf Bäume klettern?» Sie wandte sich um.
Ups! Das war ihr kindlicher Spruch gewesen. Die Ansage hätte sie ihrem Alter anpassen sollen. Egal. Mit einem Sprung krallte sie sich am zweiten Ast fest und federte, zog die Füsse hoch, und stand auf dem untersten Geäst. Sie drehte sich um die eigene Achse, langte nach einer höheren Verästelung, hüpfte auf einen dicken Zweig. Dort angelte sie sich den verwitterten und brüchigen Strick. Kurz wägte sie ab, ob der Knoten noch tragen würde. Diese Blösse wollte sie sich nicht geben. Der Typ war stehen geblieben und sah ihr zu. Ohne nachzudenken schwang sie sich an dem Seil auf den kleinen Sims an der Hausfassade. Von da gelang es ihr, den Ast oberhalb zu fassen. Sie stiess sich ab, schaukelte dreimal, viermal, bis sie das Bodenbrett des Verschlags erreichte und sich daran hochzog.
Von unten hörte sie einen Pfiff, während sie auf dem Bauch in den Horst robbte und sich der Beobachtung entzog.
Ihr Herz klopfte. Die düstere Stimmung verdrückte sich. Sie fühlte jeden Muskel und Stolz über ihre körperliche Leistung. Und Verlegenheit ob der Bewunderung des jungen Kerls.
Unvorbereitet wurde sie von Stille umfangen. Die Dielen waren feucht.
Maurice und Kiki. Die beiden hatten zusammengehört, waren wie geschaffen füreinander. Er hatte sie auf Händen getragen. Selbst als keiner der Knaben aus der Klasse sich freiwillig in Begleitung eines Mädchens gezeigt hätte. Sie liessen sich das nicht nehmen, egal wer sie verspottete.
Demgegenüber war ihre Freundschaft mit Marcel oberflächlich geblieben. Er war ein Clown, der sie oft zum Lachen gebracht hatte. Ernsthaftigkeit war ihm fremd. Er lechzte nach Anerkennung und Lob und als der Jüngste im Quartett forderte er oft Hilfe und Unterstützung.
Riri war nicht gewillt gewesen, ihm diese zu geben. Sie war für Kiki da.
Ihre Schwester fand permanent Menschen, die ihr halfen, während sie sich alles selbst erkämpfte. Das machte sie traurig. Meist gleichzeitig stolz, weil alles was sie besass, sie selbst erreicht hatte, aus eigener Kraft erschaffen war.
Sie hatte Marcel gern, niemals hätte sie sich in ihn verliebt.
Kiki hatte gelitten, als die Bilderbuchfamilie der Buchers zerbrochen war und distanzierte sich von ihrem Garten. Das Nest gehörte von da an ihnen allein, doch es war nie mehr wie zuvor. Sie beide blieben zurück und mit ihnen diese Angst, verloren zu gehen.
Riri passte auf, dass die verfaulten Bretter unter ihr nicht brachen. Löcher und spröde Stellen erzählten von vergangenem Wetter. Eine rosa Stoffwindel, als Gardine aufgehängt, war zerrissen und bauschte sich leicht im Wind. Es knarrte und quietschte. Auf der Terrasse waren sie geschützt gewesen. Hier oben strich der Wind frisch durch die Blätter, sie hörte jede Bewegung, nahm das Zittern der Planken unter ihren Füssen wahr. Der erfundene Naturgeist, den sie als Verbündeten hier oben vermutet und verehrt hatten, war er hier? Einsam?
In einer Ecke stand schief und bemoost der Nachttisch, welchen sie als letztes emporgehievt hatten. Der kleine, graue Elektroofen stand daneben, das Kabel lag lose auf den Dielen, wie der Schwanz einer Maus. Am Stamm wiegte eine Kette aus Kastanien, verdeckte eine Fotografie mit Eselsohren, welche sie zu viert am Boden auf dem Rasen zeigte. Sie riss das Bild vom Nagel, setzte sich hin und liess ihre Füsse hängen.
Die Aufnahme war im Herbst entstanden. Ungefähr ein halbes Jahr, bevor alles zu Ende ging. Maurice hatte den Arm um Kiki geschlungen und blickte stumm in die Kamera. Sie hatte den Schnappschuss schon tausendmal gesehen. Jetzt fiel ihr auf, dass Maurice traurig wirkte. Ob er da bereits ahnte, dass seine Eltern sich trennen würden? Marcel streckte zwei Finger in die Höhe, um Hasenohren an ihrem Kopf anzudeuten. Sie hatte versucht, ihn wegzuschieben. Dazu hatte sie sich gedreht, das Gesicht weiterhin Richtung Linse gewandt, um den Klick nicht zu verpassen. Kiki schaute Maurice an und lächelte, sah glückselig aus. Riri fragte sich, ob Kiki nach dem Umzug der Jungs je wieder so zufrieden gewesen war. Ihnen zu Füssen sass der gelbgraue Affe.
Es war ein heisser Sommer gewesen, sie glaubte, das Zirpen im Gras und die Kuhglocken von der nahen Weide zu hören. Und Maurices Papa, welcher mit Sprüchen und Faxen versuchte, sie zum Lachen zu bringen.
Riri knickte das Bild und steckte es sich in die Gesässtasche. Unzulänglichkeit befiel sie und sie begrüsste das bekannte Gefühl. Aufmerksam erfasste sie den Raum. Eine Schublade des Kästchens war leicht geöffnet und sie streckte sich, um sie aufzuziehen. Aufgeregt zerrte sie den lehmfarbigen Stoff des durchnässten und moosbefleckten Plüschaffen hervor. Er tropfte schlapp. Der Knopf vom linken Auge hing an einem dünnen Faden.
Ein Schluchzen überschwappte sie. Sie drückte das kalte, triefende Teil an sich. Tränen nässten ihre Wangen. Was geschehen war, wurde Gegenwart, zeitlos.
Wie hatte das passieren können? Ausgerechnet ihr. Sie war so zuverlässig, seriös, anständig gewesen. Sie hatte sich weder für Mode noch für das andere Geschlecht interessiert, sie hatte keinen Freund und liess diverse Anwärter anbrennen, war scheu und unnahbar gewesen. Bis ihr der Ruf der eisernen Jungfrau vorausgeeilt war. Irgendwann störte sie sich an diesem festgefahrenen Image. Sie wollte den Sex ausprobieren, den Kiki so hemmungslos und mit jedermann genoss, nachdem sie Maurice irgendwann in der Pubertät hatte fallen lassen. Kiki ging mit jedem mit, der sie begehrenswert fand und sie anlachte. Mit ihrer Unzuverlässigkeit, ihrem Optimismus, ihrer Blauäugigkeit und ihrer mangelnden Menschenkenntnis, hätte es Riri nicht gewundert, wäre Kiki schwanger geworden.
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