AUF DEM WEGE ZUM SCHAFFOTT – Marschmusik, der Text entwickelte sich
Geschenk an Vaterland und Gott…
Banal! Leer. Leer wie der Mann vor ihm. Er selbst war auch leer. Vielleicht spürte er den anderen deshalb so?
War dieses Mitleid eigentlich für ihn selbst bestimmt? Gehörte das Mitleid ihm?
Auch sein Leben hatte im Lärm stattgefunden. Sein Leben war Synthesizer und Schlagzeug auf vollen Touren - riesige Veranstaltungen, mächtiger Klang, mächtiger Applaus - alle, alle wollten sich ihm hingeben. Brennende Illusion von Liebe, sich aufschaukelnd, sich unermesslich steigernd, für ihn dann unverzichtbar wie eine Sucht, aber auch er hatte kein anderes Leben.
Was war mit dem Kitzeln, mit dem Geruch der kleinen Lust? Konnte er denn noch die zerlaufene Schokolade in der Handfläche riechen?
Eigentlich nicht, denn er musste immer einen Welthit daraus machen, wenn er ein Bisschen Schokolade roch. Seine Welt war ganz anders und doch gleich wie von dem Mann vor ihm. Er war auch ein Krieger – er jagte hinter den kleinen, feinen Gefühlen her, ständig auf der Pirsch. Wie eine Katze vor dem Mauseloch wartete er jetzt schon seit Jahren auf jedes winzige Gefühlchen aus dem ein guter Song zu machen war. Seine Handflächen waren hart und verhornt, weil sie ständig offen, darauf warteten endlich gekitzelt zu werden.
Gerade jetzt hatte irgendetwas passieren müssen – irgendeine neue Sensation. Er hatte hin und her überlegt, was das sein könnte. Schließlich hatte er beschlossen das Konzert für den Bau der Kirche zu machen. Er suchte gerade jetzt nach Bildern, für Glauben und Gott, weil er das für sein Mysterienspiel brauchte. - Die Welt ohne Krieg - der Mythos von dem er sang und der gut ankam und vielleicht auch irgendetwas mit Religion zu tun haben konnte. Eine neue Bewegung sollte es werden. War dieses Konzert, das er da in der unfertigen Kathedrale plante eine Möglichkeit? - Er wollte neu bewegt werden, er musste neu bewegt werden, damit er andere bewegen konnte…
Die alten Worte konnte er nicht mehr verwenden, waren alle ausgesaugt.
Wenn er aber in die Wundertüte seiner Gefühle blickte, das Kaleidoskop drehte, kamen immer die gleichen ausgelutschten Bilder und Klänge. Die hatten schon Weltruhm bekommen und seine Fans warteten mit offenen Mündern, damit sie wieder staunend Neues schlucken konnten. Sie standen am Rand der Bühne und sperrten wie junge Vögel sehnsüchtig. Er sah offene Schnäbel aus der Tiefe, auf ihn hoffend und er hatte alles ausgegeben. Da war nichts mehr drin,- nicht der kleinste Seelenwurm.
Ein Lulabei für Krieger? Etwas regte sich in ihm…
Ezra hatte wieder einmal einen seiner unmöglichen Jobs. Er musste ein Journalistentreffen auf die Beine stellen, hatte schon seit Wochen alles in die Wege geleitet, damit möglichst viele kamen und ihre Zeitungen mit Berichten über das geplante Konzert füllten. Bob Lennce als Zugpferd würde ihnen ein Konzert der besonderen Art servieren. Aber das brauchte Organisation.
Und Ezra brauchte den Job. So vor sich hin zu studieren, kostete Geld, das er beschaffen musste. Drei unfertige Studien, das wollte finanziert werden… Seine beiden Mütter standen wohl allzeit bereit, ihm zu helfen. Allerdings hatte er vor Jahren gelernt, das war mit guten Ratschlägen oder Vorschlägen verbunden. Sie überlegten einfach immer wieder, wie er sein Arbeitsleben effizienter, kontinuierlicher, einfach seriöser gestalten konnte. Er wollte es weder kontinuierlich noch seriös. Er wollte sein viertes Studium finanzieren und keine Ratschläge. So hatte er die letzten Wochen kaum eine Pause gehabt. Sein Ohr war schon aufgerieben vom Telefonieren: Großveranstaltung, in diesem seltsamen Gebilde, in dem er da stand, zwischen unfertigen Wänden.
Große Löcher in den Himmel statt einem Dach, eine Kirche im Bau, unfertig. Vielleicht war unfertig mehr Beziehung zum Schöpfer als fertig? Der hatte ja auch ständig Probleme mit der Fertigstellung.
Es fühlte sich seltsam an, zwischen diesen mächtigen Mauern in den Himmel zu schauen. Über ihm in der Ferne das Gerüst einer riesigen Kuppel, unter ihm nackter Lehm. Zu mindest große Flächen nackten Lehms, denn einige Teile des Bodens waren mit unglaublich schönen Mosaiken belegt, aber eben nur einige Teile, er sah drei Flächen mit wenigen Quadratmetern Mosaik. Dazwischen, gab es betonierte Flächen und eben nackten Lehm, Sand, Löcher. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass hier zum Himmel beten näher, direkter möglich war als mit Dach.
Ezra konnte sich der Beziehung zu Gott nicht inbrünstig hingeben, denn er war ziemlich beunruhigt. Er wollte den Job perfekt durchziehen und es schwante ihm Böses: Das Projekt hatte drei führende Persönlichkeiten, seiner Erfahrung nach war das schon ein gewaltiges Risiko. Aber dann war auch noch der eine Rudolf von Walthen, sein Auftraggeber. Ein Deutscher, nach Ezras Meinung ohne die angestammten deutschen Qualitäten. Der hatte es irgendwie geschafft, das Großprojekt an Land zu ziehen, und Ezra vermutete, dass Verbindungen im Hintergrund gelaufen waren, Verfilzungen, um diese Entwicklung möglich zu machen, denn Rudolf von Walthen stand in seiner Erfahrung nicht für effizientes Management. Nein, gar nicht. Er stand für erstklassige Fahrzeuge, geschmackvolle Kleidung, war sehr gutaussehend und hatte selbst das Gefühl, dass er sehr fähig war, Leute zu überzeugen. Wovon? Von allem, je nach Bedarf.
Mit den praktischen Folgen seiner Überzeugungskraft konfrontiert, verschwand er meistens, und er hatte Ezra schon bei anderen Projekten im Regen stehen lassen.
Langsam wanderte Ezra durch den nicht fertig gestellten, gewaltigen Raum. Unter dem Himmel in weiter Ferne sah er ein winziges Männchen an der Arbeit. Das turnte durch die Gerüste, die Kuppel war ein Gerippe ohne Haut. Wieso die wohl nur einen einzigen Bauarbeiter hatten? Bei so einem gewaltigen Projekt kam ihm der vor wie ein kleiner Käfer, der auf einer uralten, riesigen Eiche hochkrabbelte. Der konnte doch keine Spuren hinterlassen?
Ein wunderbarer Ort für ein Konzert. Klänge, die durch das offene Dach in den Himmel stiegen. Hier war Ausdehnung möglich, eine Erweiterung der kleinen menschlichen Welt in die Unendlichkeit mit Musik. Die Apsis, wo man später wohl einen Altar finden würde, war schon überdacht. Ezra ging um die mächtige Säule herum, die ohne Erklärung in den Himmel ragte. Sie verstellte ihm die Sicht. Er betrachtete das Stück Dach.
Das Problem würde die Akustik sein. Man konnte nicht einfach beschließen, die Plattform für die Performance unter diesem Stück Dach anzulegen, weil absolut nicht zu bestimmen war, wie sich die Töne in den Wandfragmenten verhielten. Solange das nicht klar war, konnte man gar nichts planen. Nicht einmal, welches der Portale der Einlass für die Konzertbesucher werden sollte. Die Anordnung der Sitze war von der Akustik abhängig.
Er nahm sein Handy und hatte Larry, den Bodyguard von Bob Lennce, in der Leitung. „Ist Ylia schon da?“ Das war der Mann am Mischpult. Von ihm war am ehesten zu erwarten, dass er in Sachen Akustik zu einer Aussage kommen würde.
„Ylia ist grade in der Krise. Er ist vor einer Woche irgendwohin abgehaut und ich weiß nicht, wann er wieder kommt. Und die anderen reisen erst morgen Nacht an.“
„Gut, vergiss es.“ Ezra hätte auch nicht erwartet, dass irgendetwas funktionieren würde.
Er rief Wolfgang an, seinen Freund seit der Grundschule. „Hast du gerade ein Projekt?“
„Nein, ich bin in der Badewanne.“
„Hast du gerade eine unaufschiebbare Liebessache?“
„Nein, ich bin in der Badewanne.“
„Das Konzert in der Kathedrale wird von Walthen organisiert. Ich bin aufs Schlimmste vorbereitet und muss wissen, wie es mit der Akustik in diesem unwahrscheinlichen Gebilde bestellt ist.“
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