Karl kämpft sich hoch, versucht, den schrillen Schmerz in seinem Kopf zu ignorieren. Wie spät es wohl ist? Er sieht an sich herunter, entdeckt sich im gestreiften Pyjama mit viel zu kurzen Ärmeln und Beinen – der gehört bestimmt seinem Neffen. Oder seinem Schwager? Egal. Karl schaut sich um. Wo zur Hölle sind seine Sachen?
Nichts davon in Sichtweite – bestimmt hat seine sauberkeitsfanatische Schwester sie erst mal zum Desinfizieren gegeben. Nun gut. Dann muss es auch ohne gehen.
Als er die Treppe herunter kommt, sieht er durch eine halb geöffnete Tür den braunen Haarschopf seiner Schwester neben ihrem Mann am Frühstückstisch sitzen.
Ihn bemerkend, springt sie auf und äußert ein schrilles Geräusch, das in seinem Schädel grässlich widerhallt.
„Oh, nein! Du solltest doch liegen bleiben!“, intoniert sie durchdringend.
Karl verzieht das Gesicht. Hat sie schon immer diesen hoch keifenden Tonfall gehabt?
„Ich hätte dir dein Frühstück schon noch gebracht ... Ich war bloß noch nicht so weit ...“, rechtfertigt sie sich und springt auf.
Er brummt, in der Hoffnung, sie werde endlich schweigen. Diese Stimme ist mehr, als er glaubt, seinem Schädel in dieser morgendlichen Verfassung zumuten zu können.
Doch aus der benachbarten Küche tönt es weiter:
„Du sollst aber noch nicht aufstehen, der Doktor hat gesagt, du sollst mindestens noch drei Tage im Bett bleiben ...“ Sie verstummt, da er sich einen Stuhl greift, um sich mit an den Tisch zu setzen. Schon kommt sie mit einem weiteren Gedeck herbeigeeilt.
„Dü host sischer Hüngor“, knödelt der sächsische Großvater, den Michaela geehelicht hat. Mann – der Dialekt kann einem glatt die Schuhe ausziehen! Wenn man denn welche hätte.
„Kreif zü!“, fordert der Sachse ihn auf und haut ihm wohlwollend auf die Schulter.
Obwohl ihm ein scharfer Schmerz durch den Kopf schießt, nickt Karl, während er versucht, sich den sächsischen Sprachgebrauch in eine normal erträgliche Umgangsform umzudenken. Das ist nicht einfach. Karl greift nach der Kaffeekanne. Hunger hat er nicht, aber heißer Kaffee wird ihm gut tun.
„Hast du schon überlegt, wie es weitergehen soll mit dir?“, geht Michaela gleich in die Vollen.
„Nü moch obor mol ´n Pünkt!“, kommandiert zügig der Sachse, „er ist doch gerode erst wach gewor‘n. Erst mal ‘n gütes Frühstück, dann sieht de Welt schön gonz onders aüs“, wendet er sich Karl wieder zu.
Karl seufzt. ‚De‘ Welt. Sein Gehirn gewöhnt sich schön langsam an die Simultan-Übersetzungsleistung.
Karl schlürft langsam den Kaffee. Laut.
Seine Schwester holt Luft um ihn dafür zu rügen, anscheinend aber hat der Sachse ihr vors Schienbein getreten. Sie klappt den Mund wieder zu.
Der Sachse eröffnet ein lockeres Gespräch mit seiner Frau über den zu erwartenden Tagesverlauf, wer wann was einkaufen werde und vor allem wo, und wann er wieder nach Hause komme.
Karl – dankbar, in Ruhe gelassen zu werden – nimmt seine Umgebung in gründlicheren Augenschein. Gott, was ist das alles so niedlich hier! Schon die Tisch-Deko mit Rüschen und Schleifen und auch sonst allerhand Tüdelü. Offensichtlich geht seine Schwester nicht mehr arbeiten und hat reichlich Zeit, um rosafarbene Blumen in selbst bemalte Blumentöpfe zu pflanzen – nun ja, das ist Geschmacksache.
Oups – ein Irrtum: Gerade spricht sie davon, dass sie pünktlich im Büro sein müsse, und beginnt, den Tisch abzuräumen.
„Du kommst doch klar?“, wendet sie sich an ihn. „Am besten, du legst dich wieder hin. Musst ja erst mal ganz gesund werden“, versucht sie, ihren Fauxpas von vorhin wieder auszubügeln.
Er nickt.
Tatsächlich hat er keine Idee, was er anderes tun soll. Und tatsächlich fühlt sich sein Kopf so an, als täte Ruhe ihm gut. Wo soll er auch hin ohne Klamotten.
Er will gerade an sich herunter zeigen und ein fragendes Gesicht aufsetzen, als er spürt, wie der Kaffee sich langsam seinen Weg zurück nach oben bahnt. Keine Zeit für Rücksichtnahme, er springt auf, rast mangels näherer Ortskenntnisse in die Küche, die er durch eine offen stehende Tür entdeckt, und erbricht sich mit Schwung in die Spüle. Ungeachtet dessen, dass darin noch Geschirr steht – er hat keine Wahl.
Ein saures Nachbeben kriecht ihm vom Magen her nach oben. Mit der Entkrampfung breitet sich ein träger werdendes Gefühl in seinem Bauch aus.
Er erspart sich den weiteren Anblick und damit die Reaktion der Anwesenden, dreht sich um und wankt mit wackeligen Knien den Weg zurück durchs Esszimmer, vorbei an den großen Augen seiner Verwandtschaft, durch die Tür ins Treppenhaus nach oben.
Durch die offen gebliebene Tür beobachten Michaela und David stumm die nackten Füße, die über den Teppichläufer nach oben steigen.
Gott sei Dank hat er die Zimmertür offen gelassen, sodass er jetzt nicht lange überlegen muss, wo das Bett steht. Er schließt die Tür hinter sich und schlüpft einfach in die Laken. Die Trägheit, die jetzt auch seine Beine und den restlichen Körper ergreift, fühlt sich angenehm an: Umgehend schläft er ein und begibt sich – sicherheitshalber – erst einmal auf eine andere Ebene in eine andere Wirklichkeit.
Michaela quatscht
Das Leben im Haus seiner Schwester ist für Karl wie Spießrutenlaufen. Er erholt sich nur langsam. Immer noch liegt er mehr, als dass er aufrecht sitzt oder etwa das Bett verlässt. Lediglich zum Essen steht er auf. Die gewohnte Bewegung an frischer Luft fehlt ihm. In den letzten Monaten war er ständig draußen, hat oft auch draußen geschlafen, wenn die Temperaturen es zuließen. Sich länger in geschlossenen Räumen aufzuhalten, macht ihm Unbehagen, ganz abgesehen davon, dass Michaelas Haus ihm fremd ist.
Er fühlt sich – und wird auch – auf Schritt und Tritt beobachtet, derweil für das Paar anscheinend alles seinen gewohnt zwanghaften Gang geht. Man liebt sich nicht, man hat sich gewöhnt. Nun ist man gespannt, wie er, Karl, sich jetzt und künftig verhalten wird. Er sieht ihnen die Fragen ins Gesicht geschrieben und beim Essen auf die Gabel gespickt: Am liebsten würden sie ihn damit pieken und löchern, so kommt es ihm vor. Aber sie trauen sich nicht, und nach Tagen scheint es Karl, als ob sie aus irgendeinem Grund Angst vor ihm haben.
Das wundert ihn zunächst nicht, denn auch er ist voller Ängste. Angst vor den dunklen, einsamen Nächten, die um ihn kreisen, die Schatten an Wände werfen, die das Haus flüstern und ihn nicht schlafen lassen.
Ständig ist er darauf gefasst, dass jemand herein kommt – was auch tatsächlich oft passiert. Für die Zimmertür gibt es keinen Schlüssel, und wenn er aus dem unteren Bereich des Hauses vor dem großen Redeschwall seiner Schwester nach oben flüchtet, geschieht es oft, dass sie nervensägend hinter ihm her läuft. Und mit dem Vorwand, irgendetwas ein- oder aufräumen, sortieren oder säubern zu müssen, in seiner Nähe bleibt und weiter schwallt.
Anstrengend ist seine neue Umgebung für ihn. Er schläft meist tagsüber, wenn Michaela und der Sachse „uff Arbeit“ sind. Dann ist er endlich allein und fühlt sich ungestört.
Nachts ist er dauerhaft damit beschäftigt, seine Gedanken zu blockieren. Er will nicht denken, nicht an das, was war, schon gar nicht an das, was kommt, und das, was jetzt ist, hält er nur aus, irgendwie.
Dennoch kriecht Stück für Stück schön langsam die Erinnerung in ihm hoch, die Erinnerung an das, was geschah, an die letzten Stunden, bevor er im Krankenhaus gelandet ist. Was ihm nicht ins Wachbewusstsein dringt, das träumt er, wenn er wehrlos im Schlaf hingegossen auf dem Bett seines Neffen liegt.
Jedes Mal schreckt er dann hoch aus unruhigem Schlaf, kurz bevor die Eisenstange seinen Kopf trifft, in Erwartung des scheußlichen Geräusches, das sie verursachen wird. Er hat es noch genau im Ohr und im Gefühl.
Читать дальше