Es muss ungefähr halb fünf sein, als es heller wird. Die Sonne geht auf. Karl läuft am Zoo vorbei bis hinunter zum Aasee. Er setzt sich auf eine Bank und sieht den Schwänen beim Gleiten zu. Alles ist still, bis auf die Dieselmotoren der Müllfahrzeuge, mit denen die Müllsammler rund um den See unterwegs sind. Der Aasee ist sommers wie winters Münsters beliebtester Erholungsort. Hier ziehen Jogger ihre Runden, alte Menschen spazieren genauso gern am Ufer entlang wie junge Leute; im Sommer hinterlassen hunderte von Besuchern täglich die Reste ihrer Grillvergnügen auf Wiesen und Wege verteilt.
Spätabends, wenn die meisten schon gegangen sind, kommen die ‚Abräumer‘. Das sind die, die mit zahlreichen Plastiktüten auf Einkaufskorbwagen und Fahrradanhängern Pfandflaschen und -dosen einsammeln, um sie an der nächsten Tankstelle gegen eine Flasche Fusel oder Zigaretten einzutauschen. Das, was liegen bleibt, heben morgens die Müllwerker auf; sie leeren auch die überquellenden Abfallkörbe.
Karl ist überhaupt nicht müde. Er befindet sich in einem Schwebezustand, lässt Geist und Seele über das vom Wind leicht gekräuselte Wasser gleiten.
Ausgepowert von seinem langen Marsch ist sein Willen nicht mehr sehr widerstandsfähig, mehr und mehr breitet sich eine merkwürdige Schwere in ihm aus. Er weiß nicht genau, wie ihm geschieht. Heisere Wärme steigt in ihm empor; plötzlich hört er krächzende, gurgelnde Laute. Er versteht nicht − erst, als er innerlich verkrampft und sein Körper zu schütteln beginnt, merkt er, dass diese Geräusche von ihm selbst kommen. Er kann seinen Körper nicht beherrschen, krächzt und schluchzt, am liebsten würde er schreien, bringt aber keinen Ton heraus. Er will aufspringen und laufen, aber seine Knie sind weich und folgen dem Impuls nicht. Karl zieht die Beine nach oben auf die Bank und umschlingt sie mit den Armen, rollt sich zu einer Kugel. Wie ein Kind fühlt er sich, hemmungslos schluchzend.
Erst als das Schütteln abebbt und sein Körper nach einer gefühlten Ewigkeit allmählich zur Ruhe kommt, bemerkt er, dass sein Gesicht und Bart tränennass sind. Mit dem Ärmel fährt er darüber, reibt mit dem T-Shirt seinen Bart trocken.
„Na, kannste nich schlafen?“ Jemand setzt sich zu ihm auf die Bank.
Langsam kehrt Karl zurück in die Gegenwart. Die Schwäne gleiten nicht mehr, sie schäkern miteinander. Die Müllwerker haben ihre Arbeit für heute beendet und sind verschwunden; erste Jogger drehen ihre Morgenrunde.
„Lange nich gesehen! Man munkelt ja, du wohnst jetzt wieder feste?“
Mit einem kurzen Seitenblick hat Karl seinen Sitznachbar identifiziert, danach schaut er wieder geradeaus aufs Wasser. Er sagt nichts.
„Mann, kannste nich mal ‘n Wort sagen? − Ach nee, kannste nich. Kannste nich oder willste nich?“
Karl schüttelt leicht den Kopf, ein halbes Lächeln auf dem Gesicht. Er mag Bernhard gern. Trotzdem will er jetzt keinen weiteren Sprechversuch unternehmen. Kurz kommt ihm der Gedanke, dass Bernhard an jenem Abend ja auch da war, an dem Abend, als Finch umgebracht wurde. Aber weiter denkt Karl nicht.
„Isses denn wahr? Wohnste jetz in ‘nem Haus?“
Karl nickt kurz und steht auf. Er sieht Bernhard an, nicht unfreundlich. Nickt nochmals, geht davon. Er kann spüren, dass Bernhard seine Schritte mit Blicken verfolgt; bestimmt holt er jetzt den Flachmann aus seiner Jacke und nimmt einen Schluck. Bernhard hat immer einen Schluck für zwischendurch.
Karl lächelt. In diesem Moment hätte er sein Leben auch gern reduziert auf die einzige Sorge, wo der nächste Schluck her kommt.
Punks
Karl und David sitzen friedlich im Wohnzimmer am Esstisch. Beide haben eine Kaffeetasse neben sich, an der sie ab und zu nippen; wie ein altes Ehepaar teilen sie sich eine Zeitung. Es ist fast Abend, ein friedlicher Tagesausklang.
Draußen dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Michaela kommt nach Hause. Durch den Türspalt sieht man, wie sie im Flur ihre Tasche abstellt, und ihre Jacke, die sie wegen der Hitze über den Arm gelegt hatte, auf einen Bügel hängt.
„Habt ihr schon den Tisch gedeckt?“
David springt wie elektrisiert auf, rennt in die Küche und verfällt in hektische Aktion. Karl guckt hoch von seiner Zeitung und beobachtet ihn amüsiert.
Michaela kommt herein, sie öffnet einen Schrank und deckt Teller und Besteck auf, während David in der Küche am Herd hantiert.
„David, bring doch mal das Wasser mit aus der Küche! Karl, guck mal, da im Schrank sind die Gläser − bist du so lieb?“
Karl blickt erstaunt auf. Belustigt steht er auf, legt die Zeitung weg, tut, was Michaela verlangt hat.
Während David Brot, Wein, Wasser und Weiteres auftischt, setzt Michaela sich hin. Sie sieht schlecht aus. Mit dunklen Ringen unter den Augen wirkt sie angestrengt und müde; ihre Stimme klingt heute besonders hoch und keifend.
David hingegen ist jetzt ganz ruhig geworden, er behandelt sie verständnisvoll.
Karl beobachtet neugierig.
„Willst du noch Wein?“, fragt David Karl.
Der schüttelt verneinend den Kopf.
Michaela, die sich angesprochen fühlt, schiebt ihr Glas rüber.
„War‘s anstrengend heute?“ David schenkt Michaela das Glas voll.
Michaela nickt, sagt dann zu Karl gewandt: „Genieß einfach die Zeit, die du jetzt noch frei hast. Genieß den Sommer, genieß das Leben! Irgendwann wirst du wieder arbeiten, dann bist du drin in der Tretmühle.“
Karl bleibt vor Staunen der Mund offen stehen. Wie kommt seine Schwester dazu, irgendetwas darüber wissen zu wollen, wie er arbeitet? Gerade sie mit ihrem Sozialfimmel und ihrem Helfersyndrom! Er hatte sich sowieso schon immer gefragt, wo sie das her hat. Und apropos Wissen, was weiß sie überhaupt, was weiß sie schon von ihm, von dem Leben eines Juristen?
Dann wird ihm plötzlich klar, dass sie sich vielleicht einfach mitteilen, nur mit ihm sprechen, was Nettes sagen will.
Karl zwingt seine aufkommende Empörung nieder und bemüht sich, ebenfalls Interesse zu zeigen. Nach einer Weile krächzt er leise, mit gesenktem Blick; er ringt um jedes Wort: „Was – genau − arbeitest? – Du?“
Michaela überhört ihn. Gedankenverloren erzählt sie:
„Da ist ein Toter gefunden worden, unten am alten Hafen. Der lag wohl schon länger dort. Hatte einen Zettel in der Tasche mit unserer Adresse, also mit der Adresse der Beratungsstelle, und mit meiner Telefonnummer. Ich dachte schon, die Polizei gibt nie mehr Ruhe!“
Karl blickt auf.
David stößt sie mit dem Ellbogen an, sein Kopf weist auf Karl: „Haste nich jehört! Was du arbeitest?“
Michaelas Blick streift Karl unsicher, während sie einen Schluck Wein nimmt.
„Na, ich helfe Menschen, aus ihrer Sucht heraus zu kommen. Leider erstickt der ganze Verwaltungskram vieles ...“ Sie seufzt.
„Am Hafen? Wo denn da? Wie kann denn da ein Toter lange rumliegen, da ist doch immer was los?“, fragt David kauend.
„Na, an der Kneipenmeile am Alten Hafen, am Kreativkai, dem sogenannten. Da ist doch so ‘ne alte Fabrikhalle, direkt neben dem Lokal, wo wir neulich abends mit den Kollegen waren, weißt du noch?“
„Ja, klar. Die alte Osmo-Halle, wo eine Zeit lang das Public Viewing stattgefunden hat! Und? Kanntest du den Mann?“
Karl hat aufgehört zu essen. Gespannt blickt er zwischen den beiden hin und her, wobei er sich ein Lächeln nicht verkneifen kann. Wenn ein Sachse den Ausdruck ‚Public Viewing‘ von sich gab, hörte sich das mindestens abenteuerlich an.
„Ach, woher − nie gesehen. Außerdem war der total unkenntlich, ich erzähle lieber nicht, was die mit dem alles angestellt haben. Der Polizist hat mir ein Foto gezeigt − uuuuuh! Ich mag gar nicht dran denken. Ich weiß jedenfalls von nichts. Die halbe Welt hat meine Telefonnummer in der Tasche, wenn ich die alle kennen würde ...“
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