Es war ganz so wie Tonia es sich von Anfang an vorgestellt hatte. Sie alle. Sie waren bis zu diesem Punkt Arm in Arm im rhythmischen Gleichklang voran geglitten wie sie früher auf ihren alten Schlittschuhen über den zugefrorenen See im Park geglitten waren. Wenn einer gestrauchelt war, fingen sie ihn auf, wenn jemand hingefallen war, fielen sie mit ihm und richteten sich dann lachend gegenseitig wieder auf, mit verrutschten Mützen und eisfleckigen Hintern. Sie waren eine grandiose Kür gelaufen. Jetzt musste es einfach nur so weitergehen.
Links neben der Bar führte eine Schwingtür mit Bullauge zur Küche, rechts neben der Bar befand sich die weißgestrichene Kellertür, die sich nahezu unsichtbar in die Wand einfügte, sodass Tonia unauffällig verschwinden konnte, wenn sie Getränke-Nachschub holen musste. Das war in ihren Augen das einzige Manko - sie musste vor den Augen der Gäste in den Keller laufen. Die anderen fanden das nicht weiter wichtig, aber für Tonia war es so, als sähe ein Filmzuschauer im Kino plötzlich den Kameramann vor der Linse seiner eigenen Kamera, der irgendwas justieren musste. Die Illusion einer anderen, einer besseren, Realität wäre dahin, die Traumfäden wurden rüde gekappt und der Gast war einen nüchternen Moment lang auf sich selbst zurückgeworfen. Sie übertriebe maßlos, hielt Falco ihrer Beschwerde entgegen, Bert verstand überhaupt nicht, was sie meinte und Vinz war es letztlich egal, da er sowieso den ganzen Abend in seiner Küche verbrachte und es ihn nur interessierte, dass dort alles reibungslos lief.
Tonia knipste das Licht an und lief die steile, knarzende Treppe zum Keller hinunter geradewegs in die muffige Kühle hinein, die ihr eine Gänsehaut verursachte. Überall standen selbstgezimmerte Holzregale, die Bert in langen Nächten gebaut hatte und waren gut bestückt mit Wein und Spirituosen. Ein großzügiges Geschenk von Tonias Vater, um ihnen den Anfang zu erleichtern. Er und Tonia hatten gemeinsam eine kleine, aber durchaus hervorragende Auswahl an Weiß- und Rotweinen getroffen. Etwas für jeden Geschmack und auch jeden Geldbeutel. Rosé gab es nicht. Weder Tonia, noch ihr Vater hatten sich je damit anfreunden können und ein gewisse persönliche Note musste das Restaurant ja hervorbringen - sowohl, was Vinz' Auswahl an Speisen betraf, als auch Tonias Angebot an Weinen. Sie waren der Überzeugung, dass gemütliche Gradlinigkeit mit einigen wenigen Verspieltheiten genau die Mischung war, die sie zum Erfolg führen würde und das spiegelte sich im Haus, im Interieur und in ihren Speisen und Getränken wider.
Nachdem Tonia zärtlich über die Weinflaschen gestrichen hatte, schnappte sie sich eine Flasche Rohrreiniger von einem an die Wand gedübelten Aluminiumregal, auf dem sich Putzlappen, Schwämme, Bürsten und Reinigungsmittel aller Art stapelten. Eine Putzfrau hatten sie noch nicht. Sobald sie den ersten Gewinn erwirtschaften würden, war sie aber die Erste auf der Liste von Leuten, die sie einstellen wollten. Noch vor der Küchenhilfe - darauf hatte Tonia bestanden, wusste sie doch sehr gut, dass die Jungs das Putzen ansonsten vertrauensvoll in ihre Hände legen würden, auch wenn sie in den letzten Wochen wirklich alle mit angepackt hatten und keiner der vier sich vor Arbeit gedrückt hatte, egal, wie diese aussah. Tonia war wirklich überrascht gewesen, wie reibungslos und konfliktarm die Renovierungsarbeiten abgelaufen waren. Jeder hatte dem anderen sein Hoheitsgebiet zugestanden, hatte Respekt und Distanz gewahrt, wo es nötig war und an den richtigen Stellen seine eigene Position vertreten, ohne dem anderen auf den Schlips zu treten. Wo Kompromisse gebraucht wurden, waren sie schnell gefunden worden und wenn die Stimmung doch mal zu kippen drohte, dann war immer einer in die Bresche gesprungen, hatte einen Scherz gemacht, Lacher geerntet und den drohenden Wetterumschwung verhindert. Wenn es jemand schaffen konnte, dann sie vier, das war Tonia im Laufe der letzten Wochen klar geworden und sie hatte all ihr anfängliches Zögern und ihre Sorgen, ein Erbe ihrer Mutter, einfach verbannt und sich voll und ganz in das Projekt gestürzt. Die Zukunft, ihre Zukunft, war mit jedem Tag sichtbarer geworden und sie schimmerte warm und einladend wie ein Stück edle Seide im Kerzenlicht.
Sie hastete die Treppe nach oben und schloss die Kellertür hinter sich ab. Warme Freude durchströmte sie, als sie den Essbereich des Restaurants durchschritt, die Schwingtür aufstieß und in die Küche trat, die ganz und gar Vinz' Reich war. Ein Traum in Chrom. Vieles davon hatten sie aus zweiter Hand erworben, aber dennoch hatte sie die Ausstattung einen Riesenbatzen Geld gekostet. Geld, das sie von ihren Eltern, ihren Ersparnissen und dem Erlös vom Verkauf von Falcos BMW hatten. Ihnen war allen nicht sonderlich wohl dabei gewesen und sie hatten anfangs gar nicht wirklich darüber nachgedacht, wie viel Geld sie für ihren Traum würden investieren müssen. Außer Vinz. Er hatte es gewusst und spürte dennoch nicht die Spur einer Unschlüssigkeit, kein trockenes Schlucken, als Falco und Tonia ihm und Bert die ersten Zahlen vorgelegt hatten. Vinz hatte sich die Zahlen angesehen, kurz genickt und war dann wieder an die Arbeit gegangen, während Tonia, Falco und Bert noch eine ganze Weile beieinander hockten, sich mit großen, fragenden Augen ansahen, hin und hergerissen zwischen der Hoffnung, einer von ihnen würde sagen, das alles sei eine schwachsinnige Idee und sie wären einfach noch nicht bereit für so eine Riesensache und jener, dass einer von ihnen das genaue Gegenteil verkünden würde und zwar mit der nötigen Verve und Zuversicht, damit das unstete Schwanken im Kopf endlich ein Ende hätte. Es dauerte geschlagene zwei Stunden, bis klar war, dass keiner von ihnen auch nur irgendetwas sagen würde. Keiner wollte die Verantwortung übernehmen und es am Ende schuld sein.
Und dann kam der Anruf von Helen. Er war das untrügliche Zeichen, das gute Omen, auf das sie alle drei gewartet hatten. Helen Montanus - gute Fee und Retterin.
Vinz und Tonia hatten das Haus entdeckt, in dem sie nun in wenigen Stunden ihr Restaurant eröffnen wollten, und die Besitzerin ausfindig gemacht. Eine zierliche, langhaarige Blondine mit herzlichem Lachen, traurigen Augen und einem Sinn für die Schönheiten des Lebens. Sie hatte sich ein paar Tage Bedenkzeit auserbeten, nachdem Tonia und Vinz ihr ihren Traum in allen Einzelheiten geschildet hatten, und dann doch schon nach 24 Stunden angerufen.
Tonia wurden die Knie weich, als Helen ihr am Telefon vorschwärmte, wie großartig sie die Idee, ihre Idee, fand. Doch Helen hatte noch mehr zu sagen und das war es am Ende, das jedweden Zweifel aus Tonias, Falcos und Berts Gehirn geblasen hatte. Da Helen zwei Tage später auf eine viermonatige Weltreise ging, hatte sie ihnen vorgeschlagen, ihnen den Schlüssel zu überlassen, damit sie schon mal mit den Renovierungsarbeiten loslegen konnten. Ihr Anwalt sollte in der Zeit, in der sie unterwegs war, den Mietvertrag aufsetzen.
„Ich würde euch eine Staffelmiete vorschlagen, die sich nach den ersten drei Monaten das erste Mal erhöht und im Dreimonatsabstand immer wieder, bis nach circa einem Jahr dann der volle Betrag fällig ist. So habt ihr ein bisschen Luft und müsst nicht in Panik geraten, wenn die ersten Wochen nicht so gut laufen."
Auch wenn Falco zunächst Helens Motivation in Frage stellte, da ihm reines Gutmenschentum seit jeher fragwürdig vorkam, so änderte er seine Meinung schnell, nachdem er sie persönlich kennengelernt hatte. Helen wollte das Haus bereits seit vielen Jahren renovieren lassen und dann vermieten oder verkaufen, aber es war nie dazu gekommen, sodass sie nun glaubte, das Schicksal hätte zugeschlagen und das Haus sich schlussendlich seine eigenen Mieter ausgesucht. Es warf schon seit so langer Zeit keinen Gewinn ab, dass die paar Monate mehr oder weniger auch nicht weiter ins Gewicht fielen.
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