„Was ist das?" fragte Vinz und deutete auf die Videokamera.
„Ein Geschenk von meinem Bruder", erwiderte Falco und fügte auf Vinz' skeptischem Blick hinzu, „Er weiß nur noch nichts davon."
Vinz lachte und schlug seinem Freund kräftig auf die Schulter.
„Verstehe!"
Das reichte schon. Es reichte, um Falcos Herz ein Stück leichter werden zu lassen.
Tonia hatte dem Volvo-Kombi ihrer Eltern noch lange nachgesehen, als er Richtung Schwarzwald davongefahren war, solange bis dessen Rücklichter nur noch zwei glühende Punkte in der Ferne waren, die eine Weile im Nichts zu schweben schienen und dann erloschen. Das war gestern Abend gewesen. Und noch heute versuchte sie das Bild aus ihrem Kopf zu merzen, wie ihr Vater ihr mit seiner linken Hand einen letzten Abschiedsgruß geschickt hatte. Warum hatte er ausgerechnet die Linke dafür benutzen müssen, dachte Tonia. Die Hand war noch immer verbunden, nachdem ihm vor drei Wochen Zeige- und Mittelfinger amputiert worden waren. Der Diabetes forderte langsam seinen Tribut. Und so würde es auch weitergehen, wenn ihr Vater nicht mit dem Trinken aufhörte.
„Warum soll ich aufgeben, was mir neben dir und deiner Mutter am meisten bedeutet?" erwiderte er jedes Mal stur, wenn Tonia ihn anflehte, endlich den Alkohol zu meiden, oder zumindest zu reduzieren. „Wenn du das, was du tust, nicht mit Leidenschaft tust, dann lass es lieber gleich" pflegte er hinzuzufügen, wenn Tonia oder ihre Mutter ihm widersprechen wollten.
Tonia bewunderte ihren Vater im Stillen für diese Hingabe, auch wenn sie sich große Sorgen um ihn machte und Angst hatte, ihn zu früh zu verlieren. Ihre Mutter hingegen betrachtete die Lage weitaus nüchterner. Sie hielt das Gerede über Leidenschaft nur für die Ausrede eine Alkoholikers, nicht mit dem Trinken aufhören zu müssen. Auch wenn sie in diesem Fall sicher recht hatte, so war Tonia der verklärende Blickwinkel ihres Vaters schon immer näher gewesen. Wenn man sich dem Wein mit Leib und Seele verschrieben hatte, so wie er, dann war es gar nicht anders möglich, als in jedem Tropfen eine neue Welt zu entdecken. Das war das Geheimnis eines guten Weines. Er erzählte eine Geschichte. Er flüstert dir zu, auf welchem Boden er gewachsen war, wie viel Wind und Sonne er genossen hatte, ob er gut behandelt worden war, verzärtelt und gehätschelt, oder ob man ihm Gewalt angetan hatte. Wollte man einen guten Wein wirklich begreifen, so musste man seiner Geschichte lauschen und bereit sein, sich mit ihm auf eine Reise zu begeben, ganz egal, wohin sie einen bringen würde. Genau wie bei einem guten Freund. Alle Sinne waren dafür nötig.
Nicht jeder war dafür gemacht, aber Tonia hatte dieses Talent von ihrem Vater geerbt. Schon mit zwei Jahren hatte sie zwischen all den Flaschen im Weingeschäft gespielt und nie auch nur eine einzige davon zerbrochen, obwohl sie ein ungestümes kleines Mädchen gewesen war. Ihre Mutter hatte es gar nicht gerne gesehen, als sie sich für den gleichen Weg entschieden hatte wie ihr Vater. Tonia war eine gute Schülerin gewesen, sie hätte alles Mögliche machen können, Ärztin, Anwältin, Journalistin, aber Tonia interessierte all das nicht. Wein, das war Poesie und Rausch, Abenteuer und Sinnlichkeit. Welcher andere Beruf hätte ihr das schon geben können? Ihre Mutter verstand das nicht. Sie unterteilte Weine schlicht in die Kategorien mögen und nicht mögen. Ihr Vater hatte ihr einmal erklärt, wieso das so war. Es gäbe nun mal Menschen, die es liebten zu tanzen, anmutig über das Parkett schwebten und solche, die es hassten und zwei linke Füße hätten. So ähnlich verhalte es sich auch mit dem Wein. Tonia und er seien Tänzer und ihre Mutter könnte allenfalls unter großer Anstrengung den Takt halten.
Tonia schwang sich auf ihr Fahrrad. Die Luft roch würzig und verheißungsvoll und glitt über ihren Körper hinweg wie ein einziger kühler Atemhauch. Sie spürte, wie die Aufregung an ihr empor kroch, spürte das feine Lodern. Jetzt war es bald soweit. Die Schufterei der letzten Wochen zahlte sich endlich aus. Das Leben, ihr Leben, konnte beginnen. Es war, als fügte sich mit einem Mal alles zusammen, als wären die Puzzleteilchen, die im Laufe der Jahre seit ihrer Geburt entstanden waren, nun ineinander verzahnt und ergäben endlich ein wundervolles Bild, das hier und da noch verfeinert werden konnte, aber das im Großen und Ganzen schon ziemlich perfekt war.
Die letzten Meter zum Restaurant legte Tonia einen Sprint hin, der sie kräftig ins Schwitzen brachte. Sie barst vor Energie, obwohl sie wenig geschlafen hatte in den letzten Tagen. Die Endorphine des Schlafentzugs tobten in ihren Adern, alles schien in einem Wirbel aus bunten Farben zu verschwimmen, der sie mit sich in die Tiefe riss, nur um sie kurz darauf wieder nach oben zu schleudern und mit einem verschmitzten Lächeln ganz sanft ans Ufer zu spülen.
Tonia passierte das verrostete Tor am Beginn der Auffahrt, dessen geöffnete Flügel schief in den Angeln hingen, als hätten sie zu viel getrunken und würden nur von den Brombeerbüschen gehalten, die wild hinter ihnen wucherten und sie eifersüchtig mit ihren dornigen Ärmchen an sich pressten. Als Tonia das mit dichtem Efeu bewachsene Haus aus der Jahrhundertwende erblickte, verlangsamte sie ihr Tempo. Sie wollte dessen Anblick genießen, das Kribbeln, das es ihr jedes Mal aufs Neue verursachte.
Es war ein graues zweistöckiges Haus, schlicht und breit mit hohen Fensterfluchten, die von türkisfarbenen Holzläden gesäumt wurden, deren Farbe großflächig abblätterte. Die Eingangstür war in dem gleichen Türkis gestrichen und zwei steinerne Treppen führten rechts und links zu ihr hinauf. Es war ein Haus, das offen und ehrlich da stand, nichts verbarg, sich nicht versteckte hinter Zierrat und Schnickschnack, sondern klar und konkret seine Existenz preisgab, nach dem Motto: Du bekommst, was du siehst. Tonia hatte es auf Anhieb gemocht. Es war perfekt für ihr Restaurant und das, was sie damit vorhatten. Es hatte sich so nahtlos in ihre Traumvorstellung eingefügt, dass es fast unheimlich war und sie eine Gänsehaut bekommen hatte, als sie es zum ersten Mal erblickte. Wie bei einem Déjà-vu. Damals war es ihr vorgekommen, als hätte das Haus auf sie gewartet, wie ein Hund, der plötzlich und unverhofft aus einer Hecke am Straßenrand schwanzwedelnd auf einen zugelaufen kommt und sich auf den Rücken wirft, alle Viere von sich gestreckt, damit man ihm den Bauch krault.
Sie stellte ihr Fahrrad ab und schlug die Fensterläden im Erdgeschoss zurück, dann öffnete sie mit ihrem Schlüssel die Tür, die sie weit offen stehen ließ, um die wunderbar klare Sommerluft hineinzulassen. Hastig stellte sie die Alarmanlage ab und sah sich dann einen innigen Moment lang um. In ihrem Leben hatte sie bis jetzt selten das Gefühl von Stolz gehabt, aber nun wallte es in ihr auf und füllte sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen aus. Sie hatten alle vier so viel Mühe und Liebe in dieses Haus gesteckt und das konnte man sehen.
Der massive Lärchenholzdielenboden sorgte für Wärme und Leichtigkeit und darauf hatten sie bei ihrer Innenausstattung aufgebaut. Die Bar im hinteren Teil des 160 Quadratmeter großen Raumes war mit pastellfarbenen Leuchtplatten bestückt und spiegelte das Gefühl von Schwerelosigkeit perfekt wider. Die groben Holztische aus europäischem Nussbaum standen in angenehmem Kontrast zum Stuck an den hohen Decken und harmonierten mit dem Herzstück des Raumes - einem offenen Kamin, vor dem weichlederne Sessel standen, und jene einluden, gemütlich auf ihre Tische zu warten, die nicht auf den stelzenhaften Barhockern Platz nehmen wollten. Gekrönt wurde der Raum durch einen opulenten Glaslüster, den Tonia gegen den Widerstand der Jungs durchgesetzt hatte und sie am Ende restlos überzeugte. An den Wänden hingen großformatige Fotos, die das Thema Essen variierten. Es gab luftige Schokoladensoufflees, klebrig glänzende Karamellskulpturen, leuchtende Obstteller, saftige Braten und geschmeidige Spagetti, die in Tomatensauce badeten. Dezente Wandleuchten verströmten ein warmes, diffuses Licht wie Kerzenschein, das Ecken und scharfe Kanten milderte und Allem den Anschein von duftiger Zuckerwatte und zarten Regenbögen verlieh. Ein Raum, der zum Träumen einlud, zum Essen, Trinken, Flirten und Schwelgen.
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