Zum Glück musste er nicht lange auf einen Eintrittstermin in der Entzugsklinik warten und die nächste klare Erinnerung hatte Peter erst wieder an das Erwachen aus dem Drogenrausch, am ersten Entzugsmorgen. Nachdem er die Vorhänge zurückgezogen hatte, reichte ein kurzer Blick aus dem Fenster, um sich klarzuwerden, dass er einmal mehr in der psychiatrischen Klinik gestrandet war.
Schockiert, aber irgendwie auch erleichtert, machte er sich bereit für das Morgenessen.
Weil er weiterhin Methadon erhielt, brachte er den Teilentzug relativ einfach und in wenigen Tagen hinter sich. Inzwischen war aber auch Peter klar, was ihm eine Oberärztin der Klinik schon vor Jahren prophezeit hatte:
„Sie sind inzwischen zu therapieresistent und wenn sie nicht in ein paar Monaten wieder in dieser Entzugsstation aufwachen wollen, melden sie sich am besten fürs Heroinprogramm an.“
Damals hatte er sich noch dagegen entschieden.
Während den langen Tagen die er inzwischen tatsächlich wieder in dieser Klinik war, begann Peter zum ersten Mal ernsthaft über das Heroinprogramm nachzudenken und bereits in der Klinik verfasste er sein Bewerbungsschreiben mit folgendem Lebenslauf, der ihm selber half, seine Geschichte zu ordnen.
Dabei wurde er sich einmal mehr bewusst, dass dieser Lebenslauf eine schwere Hypothek war und ihn das Thema Abhängigkeit sein restliches Leben immer wieder beschäftigen und seine ganze Kraft fordern würde.
1974/75 An o rexie
Erste Drogenabstürze / Lehrabschluss trotzdem geschafft
Bank- und Postbuchhaltung bei einer Versicherung
Kündigung wegen Drogenproblemen / Schädelbruch und sieben Tage Koma nach einem Überfall im Drogenmilieu
3 Monate Therapie im ‚Äbi-Hus‘
1985/86 Drogenabsturz und Leben auf der Gasse
Diverse Klinikendzüge
1986/87 14 Monate Therapie in der ‚Ausserhofmatt‘
1986-1993 sieben Jahre drogenfrei
1987-1989 Berufsbegleitender Handelsschulabschluss
Sekretariat, Buchhaltung, Rechnungswesen in verschiedenen Firmen
1990-1994 Asylbewerberbetreuung als Liegenschaftsbuchhalter
gleichzeitig: Aufbau eines eigenen Musikmanagements
Ende der Management-Tätigkeit und Kündigung
wegen Drogenproblemen
1994/95 Drogenabsturz und erneut Leben auf der Gasse
Diverse Entzüge in der Psychiatrischen Klinik
Drei Monate Therapie: SYNANON, Berlin
1996 Beschäftigungsprogramm als Hilfsmaurer
1996/97 Behandlung mit NEMEXIN 15 Monate drogenfrei
1996-1997 Lohnbuchhaltung/Sekretariat bei einem Arbeitsvermittlungsbüro
Kündigung wegen Drogenproblemen
1997 Therapie im Tessin
1998 Hirt auf Rinderalp (selbstständiger Drogenentzug)
1998-2001 Handwerker und Gärtner im Tessin
drei Jahre drogenfrei
2001 Registratur und Teamleiter bei einer Investment-Bank
Kündigung wegen Drogenproblemen
2001-2002 Handwerker und Gärtner im Tessin
zwei Jahre drogenfrei
2003 Praktikum als BIO-Landwirt
Kündigung wegen Drogenproblemen
2004-2006 Handwerker und Gärtner im Tessin
drei Jahre drogenfrei
2006 Rückkehr Deutsch-Schweiz mit erneuten Drogenproblemen.
2007 Anmeldung Heroinprogramm
(Angaben betreffend Drogenproblematik in Kursiv-Schrift)
Dieses Dokument konnte er auch für das zweite Projekt, das er sich vorgenommen hatte, gut gebrauchen:
Weil er schon dabei war, über seinen eigenen Schatten zu springen, hatte Peter beschlossen, gleichzeitig bei der Invalidenversicherung eine Rente zu beantragen.
Das Gesuch um eine IV-Rente war für ihn bisher ebenso undenkbar gewesen, wie dem Heroinprogramm beizutreten. Sein Weg zur Gesundheit und Drogenfreiheit hatte bisher immer über Arbeit und Leistung geführt. Peter hatte deshalb nie versucht eine Invalidenrente zu erhalten, obwohl man vor einigen Jahren noch gute Chancen hatte, als Drogensüchtiger zu einer Rente zu kommen.
Das hatte sich inzwischen geändert, weil Drogensucht nicht mehr als Krankheit galt.
Aus den Medien wusste Peter jedoch, dass seit Jahren an den Sozialversicherungen herumgeschraubt wurde und vor allem die Invalidenversicherung eine Revision nach der Anderen erlebte. Man hörte immer wieder von einem Projekt, dass sich ‚Prävention statt Rente‘ nannte, was bedeutete, dass es möglich war, über die IV eine Umschulung zu machen, damit diese eine spätere Rentenzahlung vermeiden konnte.
Um diese Hilfe zu erhalten musste er gleichwohl eine Rente beantragen.
In der psychiatrischen Klinik war der beste Ort für ein Gesuch bei der Invalidenversicherung, weil Peter dafür ärztliche Gutachten benötigte und ihm hier die dafür zuständigen Ärzte täglich begegneten. Er bat um diese Gutachten und noch während seinem Aufenthalt ging das Rentengesuch auf die Post.
Inzwischen war sein Kopf wieder einigermassen klar und Peter sah ein, dass es immer noch besser war, vorläufig wieder in einem Beschäftigungsprogramm des Sozialamtes zu arbeiten und dadurch eine Tagesstruktur zu haben, als gar nichts zu tun.
Also rief er den Leiter seines letzten Beschäftigungsprogrammes an, entschuldigte sich für die Ereignisse der letzten Wochen und konnte einen gemeinsamen Gesprächstermin auf dem Sozialamt vereinbaren. Telefonisch wurde ihm sogar bereits die Wiederaufnahme zugesichert. Bedingung war die Fortsetzung des Methadonprogramms, das vom Heroinprogramm abgelöst werden sollte. Diese Telefonate wurden immer von Klinikmitarbeitern begleitet und teils mitgehört, weil geregelte Wohn- und Arbeitssituation die Voraussetzung für einen regulären Austritt aus der psychiatrischen Klinik waren.
Dem Austritt aus der Klinik stand also nichts mehr im Weg und wieder Zuhause bewarb Peter sich als Erstes mit den vorbereiteten Unterlagen beim Drop-in für das Heroinprogramm.
Er hatte eine Schlacht gewonnen und war seit langem wieder einmal mit sich zufrieden. Es war ihm bewusst, dass ihm dabei einige Menschen geholfen hatten, aber diese Hilfe hatte er sich schliesslich auch erarbeitet.
4: Beschäftigungsprogramme
Nach dem Aufenthalt in der Entzugsstation, der Anmeldung für das Heroinprogramm und dem Gesuch um eine IV-Rente, nahm Peter sein Leben wieder in Angriff. Er erschien deshalb pünktlich zum vereinbarten Termin auf dem Sozialamt, wo ihn seine Sozialarbeiterin empfing. Sie begleitete ihn in ihr Büro und Peter wunderte sich, dass dort niemand vom Beschäftigungsprogramm wartete. Nach der Begrüssung erkundigte er sich nach seinem letzten Arbeitgeber:
„Ich habe hier mit Herr Müller abgemacht, kommt er später?“ fragte er verwundert.
„Wieso sollte Herr Müller hier sein, sie haben die Stelle bei diesem Programm ja aufgegeben,“ war die Antwort der Sozialarbeiterin.
Für einen Moment war Peter sprachlos und wie aus einer anderen Welt hörte er ihre weiteren Fragen:
„Wie geht es ihnen? Haben sie schon Pläne für ihre Zukunft gemacht?“
Die Fragerei holte ihn in die Realität zurück und er stotterte:
„Äh…, ja aber, eigentlich rechnete ich damit, dass meine Arbeitssituation geklärt ist.“ Weil das anscheinend nicht so war, hoffte Peter, dass eine Einsatzmöglichkeit in einem anderen Beschäftigungsprogramm des Sozialamtes möglich war und er erkundigte sich danach.
„Na ja, sie haben ja nicht gerade geglänzt, beim letzten Mal und im Moment kann ich sie nirgendwo sonst einsetzen,“ war die knappe Antwort, die er erhielt.
Peter war immer noch schockiert und informierte die Sozialarbeiterin über seine Anmeldung für das Heroinprogramm und das Gesuch um eine IV-Rente.
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