Über ihr das Raunen seiner Stimme. »Messalina, meine Schöne.«
Es klingt gar nicht so schlecht. Ihre Ohren zucken, sie lauscht, während sie langsam die letzten Brocken vertilgt.
Er hat immer noch nicht versucht, sie zu packen. Das ist gut. Sie hockt sich auf die Hinterläufe und beginnt, sich zu waschen, das Maul, die Nase und die Pfoten. Nicht besonders gründlich (das macht sie lieber, wenn sie alleine ist) – mehr so, um die Reste der Leber zu entfernen. Er schaut ihr zu, streichelt sie mit seiner Stimme. Lobt sie fürs Putzen und weil sie so eine schöne Katze ist. Es wärmt sie auf andere Weise, als die Leber es getan hat.
»Schöne Miez. Feine Miez. Messalina-Miez.«
Sie schaut ihn an, und er schaut zurück. Sie mag seine Leber. Sie mag seine raue Stimme. Sie mag den Klang von Messalina, meine Schöne .
Gleich wird sie aufstehen, sich strecken und gehen. Vielleicht schaut er ihr dann noch eine Weile nach, bevor er sich hochstemmt und auf leicht tauben Beinen ins Haus zurückgeht. Morgen wird sie wieder hier sein, zufällig vorbeistreunen, als hätte sie nichts Besseres zu tun. Vielleicht steht dann wieder eine Schüssel für sie bereit.
Und vielleicht, wenn das Glück und der Mann und Betsabie es so wollen, hat sie nächstes Jahr einen neuen Namen.
Lisa Kuppler
Der Winter war schon immer ein Freund der Nachfahren Draculas. Die dunklen Nächte brachen früh herein, und das graue Dämmerlicht des Morgens bot ihnen Schutz bis weit in den Tag.
Der Vampir schaute hinaus in den dunklen Himmel, von dem seit Stunden Schneeflocken fielen. In seinem langen Leben vergingen die Jahre wie im Flug, doch diese Nacht, die längste des Jahres, war etwas Besonderes. Jedes Jahr prägte er in dieser Nacht eine Münze im Turm.
Zur Christmette im Jahr 1732 war der Turm fertig gestellt worden, nach seinen Plänen. Zwischen dem kleinen Park und der Kirche erhob er sich zu einer Höhe von neunundsechzig Metern. Der Vampir war einmal der Architekt des Königs gewesen. Doch die Steine dieses Turms hatte er nie berührt. Sein eigener Turm hätte die Kathedrale zieren sollen, das höchste Bauwerk seiner Zeit. Halb vollendet war der Turm vom Blitz getroffen worden und wenig später in sich zusammengefallen. Das Krachen hatte man noch am anderen Ende der Stadt gehört.
Nach der unglückseligen Audienz beim König (niemand glaubte einem Baumeister, mochte er auch noch so berühmt sein, wenn er den sandigen Boden für den Einsturz seines Bauwerks verantwortlich machte) und noch bevor die königlichen Schergen ihn in den Kerker werfen konnten, war er zur Baustelle geflohen. Dort hatte ein Vampir ihm aufgelauert und ihm für sein Blut diese halbe Existenz vermacht. Der Architekt war an diesem Abend verschwunden, seine Leiche wurde nie gefunden. Sein Grab war leer, nur sein Name stand auf einem schwarzen Stein. Dem neu geschaffenen Vampir war nichts geblieben als dieser Turm, den einer seiner Schüler ihm zu Ehren und Andenken errichtet hatte.
Knapp hundert Jahre lang waren hier die silbernen Guldiner und goldenen Dukaten des Könighauses geprägt worden. Dann hatten Maschinen die Funktion des Münzturms übernommen, wie überall in dieser schönen, neuen Welt. Doch jede Christnacht prägte der Vampir eine Eisenmünze.
Keine Münze aus Gold, denn Gold war des Teufels. Er hatte seine Seele verloren, doch er war nicht ein Diener Beelzebubs geworden. Auch keine Münze aus Silber, denn Silber war der Fluch der Nachfahren Draculas. Nein, Eisen musste es sein. Oben in seinem Schlafgemach wuchs der kleine Haufen rostiger Münzen neben dem Sarg.
Bedächtig stieg er die steile Treppe hoch bis in die Spitze des Turms, wo der Wind durch die Fenster blies. Er klemmte den Oberstempel in den Schlaghammer, der an einer Schnur befestigt war. Der Vampir sprang hinunter in die Tiefe bis zum ebenerdigen Eingangsraum (solche Sprünge waren ein Privileg seiner Art). Leichten Fußes landete er neben dem metallenen Prägeamboss, der dort in den Boden eingelassen war. In die passgenaue Mulde legte er den Unterstempel. Dann nahm er den Schrötling aus seiner Westentasche. Kein halbes Zoll maß das flache Stück Eisen im lichten Rund. Behutsam platzierte er es auf dem Amboss.
Mit einem letzten Blick hoch in das schattige Gemäuer löste er die lange Schnur, die ihm seit zwei Jahrhunderten treue Dienste tat. Für einen Moment noch war der Frieden der Winternacht ungestört, dann näherte sich von oben ein kaum wahrnehmbares Zischen. Mit einem laut tönenden Schlag trafen Hammer und Amboss aufeinander. Funken stoben im schwachen Licht, das Echo des Aufpralls hallte von den dicken Wänden wider.
Der Vampir lauschte, ob draußen Menschen von dem Knall aufgeschreckt worden waren. In der Kirche wurde der Baum für die mitternächtliche Christmette geschmückt, und das Gebäude, das sonst um diese Stunde im Dunkeln lag, glänzte festlich im Lichterschein. Doch niemand näherte sich dem Turm. Mit seinen geschärften Sinnen nahm der Vampir nur das Rieseln der Schneeflocken wahr und die vorsichtigen Tapser der Katze vom Pfarrhaus nebenan.
Zufrieden beugte er sich zum Prägeamboss und hob den Oberstempel ab. Aus dem Eisenschrötling war eine Eisenmünze geworden. Zielgenau war der Stempel die gesamten neunundsechzig Meter des Turms herabgestürzt und hatte den Unterstempel getroffen – ein Hammerschlag auf den Amboss, exakt, wie von Menschenhand geführt. Der Turm stand im Lot und hatte sich seit 278 Jahren keinen Zoll nach rechts oder links geneigt. Natürlich nagte der Zahn der Zeit an Stein und Putz, ansonsten stünde das Bauwerk bis in alle Ewigkeit auf diesem festen Grund. Denn seine Pläne, die Pläne des Architekten des Königs, waren gut gewesen. Hätte die Kathedrale nicht auf weichem Sandboden gestanden, dann wäre sein Turm immer noch der höchste der Stadt. Ein wenig bedauerte er es, dass er niemandem die Beweise zeigen konnte, die er Jahr um Jahr in der Christnacht sammelte. Doch nicht einmal die Kathedrale hatte überlebt, geschweige denn seine Richter oder der König selbst. Das Rad der Zeit hatte sich weitergedreht, und nur ihn allein kümmerte es, ob der Münzturm immer noch gerade stand.
Die Umrisse der Prägung auf der Eisenmünze waren messerscharf unter seinen Fingerspitzen, die gewellten Sonnenstrahlen, die klaren Linien der Ziffern. Das Motiv der Sonne war ihm damals passend erschienen. Ludwig XV. war noch nicht lange tot gewesen, und alle Schaffenden, Architekten bis Operettenschreiber, hatten seinen glorreichen Einfluss auf die Künste gepriesen. Die geteilten Ziffern, 17 links, 32 rechts der Sonne, markierten das Jahr der ersten Münzprägung. Und das Jahr seines Todes.
Im Halbdunkel des Turms glitzerte die neue Münze matt. Er rieb sie zwischen den Fingern, prüfte ihre Qualität und erfreute sich an der makellosen Prägung. Den Geruch von Blut in seinem Turm bemerkte er erst, als eine helle Stimme fragte: »Wohnst du hier?«
Hätte sein Herz noch geschlagen, es wäre vor Schreck stehen geblieben. Niemand außer der Katze im Pfarrhaus wusste von seiner Existenz. Langsam drehte der Vampir sich zur Tür.
Ein Mädchen von vielleicht acht Jahren stand da, mit roten Wangen und dunklen Locken. Ihr dunkelgrüner Mantel war von Schneeflocken bedeckt. In der Hand hielt sie einen Stern aus Stroh. Der süße Geruch von Blut kam von ihrem rechten Daumen, wo sie sich beim Schmücken des Christbaums gestochen haben musste. Denn ganz sicher gehörte das Kind zu den Menschen in der Kirche.
Unwillkürlich ging er vor ihr in die Knie, die Augen auf den Stern und den blutenden Daumen gerichtet.
»Ja, ich wohne hier«, sagte er, obwohl es gefährlich war, mit Sterblichen zu reden. Besser man verschwand blitzschnell, so dass die Menschen den bleichen, hageren Mann, den sie vermeintlich im Turm gesehen hatten, für reine Einbildung hielten. Doch es war nur ein kleines Mädchen. Und der Vampir war hungrig.
Читать дальше