Der Erzbischof, dem Lopez' zerstreuter Blick nicht entging, wandte sich der Richtung zu, die dieser suchte, und war nicht minder erstaunt, den Peon 5in seiner Straßentracht, und wie er eben von der Straße kam, im Salon zu sehen. Aber dieser schien auch schon den, welchen er suchte, gefunden zu haben, und zwar General Miramon, der nicht weit vom Erzbischof an dem einen offenen Fenster stand. Auf diesen zugleitend, überreichte er ihm das Papier, das jedenfalls zu solcher Zeit, von einem solchen Boten gebracht, etwas Wichtiges enthalten mußte. Sobald er es aber übergeben, und, ohne eine Antwort abzuwarten, warf er den Blick zurück, als ob er nicht gleich wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. Die hatte er jedoch bald gefunden, und jetzt, dicht an Lopez vorbeigleitend, flüsterte er ihm nur das Wort zu: „der Kaiser", und eilte jetzt, durch die ihm erstaunt Raum gebenden Gäste, aus dem Saal. Allerdings wollten ihn, schon an der Thür, die Diener noch zur Rede stellen, aber er ließ sich mit ihnen gar nicht ein, sprang die Stufen hinab und war im nächsten Augenblick in der dunkeln Straße verschwunden.
Die Aufmerksamkeit der Gäste wurde indessen schon im nächsten Moment von einem andern Gegenstand vollkommen abgelenkt, denn Miramon, der nur einen flüchtigen Blick auf das Blatt geworfen, trat rasch in die Mitte des Salons. Etwas Außerordentliches mußte geschehen sein - man sah, er wollte sprechen, und Alles drängte sich ihm zu.
„Meine Herren!" rief der Wirth des Hauses, das Blatt emporhebend, „soeben erhalte ich die Kunde, daß Seine Majestät der Kaiser Maximilian in Vera-Cruz gelandet ist."
„Der Kaiser! Der Kaiser!" - wie das Wort durch die /17/ ! Versammlung rauschte und wogte. „Also doch," flüsterte es fast unbewußt von vielen Lippen, denn trotz Allem hatten noch Viele an der Verwirklichung ihrer Hoffnungen gezweifelt, und es - wenn auch vielleicht unausgesprochen - für unmöglich gehalten, daß irgend Jemand seine Heimath, Ruhe und Sicherheit verlassen könne, um die Zügel eines so verwilderten und bis in seine untersten Schichten hinab zerrütteten Volkes in die Hand zu nehmen.
Und was nun? blieben die Franzosen noch länger in Mexiko, wenn der Kaiser die Regierung antrat, oder zogen sie ab? und was wurde dann in beiden Fällen?
Eigenthümlich war es, zu beobachten, wie die Thatsache, die Allen eine totale Umwälzung ihrer ganzen bisherigen Verhältnisse vor Augen stellte, für einen Moment fast lähmend auf die eben noch so geräuschvolle Gesellschaft wirkte. Kein Wunder auch; es blieb ein Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt und jeder Einzelne auch bei der ganzen Wendung der Dinge bald mehr, bald weniger betheiligt - betheiligt aber in jedem Fall. - Und was für Hoffnungen knüpften sich an die sie erwartende neue Welt!
Sie hatten wohl schon ein Kaiserthum in Mexiko gehabt: der unglückliche Iturbide lag mit zerschossener Brust unter mexikanischem Rasen - das aber war doch etwas Anderes gewesen, kein wirklicher Fürst, sondern nur ein Mann, der lange in ihrer Mitte gelebt, ein einfacher General und nachher ein Kaiser mehr dem Namen nach, und nicht viel mehr als eben ein erblicher Präsident. Er kam und ging auch so rasch, daß man kaum recht darüber zur Besinnung gelangte, und nachher jagten zahllose Regierungen immer eine die andere, und brachten nur Blut und Verderben über das ganze Land.
Und das sollte jetzt Alles anders werden? - eine feste Regierung bestehen, ein Kaiser eintreten, der, wenn er im Lauf der Jahre starb, ohne Revolution seinem Erben den Thron überließ, oder einen Andern für sich einsetzte? - Der Zustand war zu neu, zu unfaßbar, als daß sie sich da gleich hätten hineindenken können, und doch trat er in diesem Augenblick in's Leben. /18/
„Seine Majestät der Kaiser ist in Vera-Cruz gelandet." Die Worte lauteten so kurz und überzeugend, daß ein Zweifel daran unmöglich wurde. Außerdem hatte ja Miramon selber die Kunde erhalten, und der Bursche, der das Schreiben gebracht, war jedenfalls der Correo gewesen.
Bazaine allein schien die Ankunft des neuen Monarchen in dem nicht angenehmen Gefühl zu vergessen, daß General Miramon - ein Mexikaner, und nicht er die erste Botschaft erhalten. Aber von wem war sie ausgegangen, und wie war es möglich, daß man in Vera-Cruz versäumt haben sollte, ihm gerade zuerst das Wichtigste zu melden, was in diesem Augenblick das Land betreffen konnte.
Mit dem Erzbischof zusammen, der sich ebenfalls der Gruppe anschloß, trat er zu Miramon, um den Zettel mit eigenen Augen zu sehen, aber derselbe enthielt nur die wenigen Worte:
„Soeben läuft die Fregatte ein, die den Kaiser Maximilian an Bord hat." Es war nur ein Stück weißes Papier ohne Adresse, aber zusammengefaltet und rein, als ob es eben aus einem Couvert genommen wäre. Es enthielt auch keine weitere Bemerkung; nur unten noch die Zahl 28, die möglicher Weise das Datum andeuten konnte - aber wie kurze Zeit hatte dann freilich der Courier gebraucht, um hier herauf zu kommen!
„Und ist Ihnen das Papier so übergeben worden, General?" frug Bazaine, der es kopfschüttelnd in der Hand herumdrehte.
„Wie es da ist," sagte Miramon, „ich begreife es nicht recht - am Ende ein höchst ungeschickter Scherz, den sich Jemand mit uns erlaubt hat. Wir hatten den Boten nicht so rasch wieder fortlassen sollen."
„Kannten Sie ihn?" frug Labastida - Miramon verneinte es, Bazaine aber sagte:
„Mir kam er bekannt vor; ich habe das Gesicht jedenfalls schon gesehen."
„Ich kann mich nicht erinnern," meine Miramon, „und begreife außerdem nicht, daß man ihn so ohne Weiteres hereingelassen."
Ein weiteres Gespräch wurde unmöglich, denn von allen /19/ Seiten drängten jetzt die Damen herzu, die sich natürlich nicht mit der einfachen Nachricht begnügen, sondern Näheres erfahren wollten. Miramon aber kannte den Zauber, mit dem er im Stande war dies unruhige, wenn auch sehr hübsche Völkchen zu bannen. Selbstverständlich hatte er ein Musikcorps engagirt, denn ohne Tanz gehen die jungen Damen an solchen Abenden nie nach Hause; die Musici mußten deshalb ihre Plätze einnehmen, und wie, inmitten der allgemeinen Aufregung, die nicht unmelodischen Töne der mexikanischen National-Hymne ertönten, regte sich kein Laut mehr, und eine wirklich feierliche Stimmung erfaßte Alle. War es doch auch ein feierlicher Moment: der erste Schritt zu einem neuen Leben, vielleicht zu Glück und Frieden in dem schwergeprüften Lande – aber diese Stimmung dauerte nicht lange. Wie nur die Hymne verklungen und die Musiker, nach kurzer Pause, eine muntere Habanera begannen, verschwand im Nu der ernste Ton. Das junge Volk hatte Musik gehört, und das ganze neue Kaiserreich
erweckte ja für dieses Alter nur Bilder von Glanz und Lust, wie von sich aneinander reihenden Festlichkeiten. Was wußte es von dem Land selber und von dem darauf lastenden Jammer! bald schwatzte und lachte und flüsterte und kicherte es wieder untereinander in vollem Jubel, und heller blitzten und funkelten selbst nicht die Brillanten am Nacken und in den Ohren ihrer schönen Trägerinnen, als die Augen der wunderhübschen Mädchenschaar.
Und hatten die jungen Damen in Mexiko nicht auch alle Ursache, mit dem neuen Stand der Dinge zufrieden zu sein? Stellte ihnen nicht Frankreich, außer ihren gewöhnlichen und eingeborenen Anbetern und Tänzern, schon allein ein ganzes Officiercorps zur Disposition, während der neue Kaiser doch jetzt auch jedenfalls eine weitere Sammlung von jungen deutschen Officieren mit herüberbrachte? Und außerdem all' die bevorstehenden Festlichkeiten und Bälle - es war kein Wunder, daß sich eine fast übermüthige Laune ihrer bemächtigte und auf die übrige Gesellschaft ansteckend wirken mußte. Man erinnerte sich nicht, je einen vergnügteren Abend in Mexiko verlebt zu haben. /20/
Diese Heiterkeit erstreckte sich freilich nicht auf Alle, denn zu ernst trat das Leben in diesem neuen Abschnitt an Manche heran. Miramon selber hatte eine lange Unterredung mit dem Erzbischof Labastida, und selbst die älteren französischen und mexikanischen Officiere verhandelten eben so eifrig und die Gesellschaft gar nicht mehr beachtend mit Bazaine, denn wie plötzlich war das Alles gekommen!
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