Nach der Matur studierte Teilhard zuerst Geologie und Physik. Während des darauf folgenden Theologiestudiums kam er mit der Evolutionstheorie Darwins in Kontakt. Teilhard drängte es danach, die neuen Erkenntnisse in seinen Glauben zu integrieren. In einem mehrjährigen Prozess gelang ihm eine völlige Übereinstimmung.
Nebenbei bemerkt: Etwa 80 Jahre vorher machte sich der Theologe Charles Darwin auf eine lange Forschungsreise mit der Absicht, sein traditionelles Gottesbild zu festigen. Seine Naturbeobachtungen konnte er jedoch mit seinem Glauben nicht vereinbaren, weshalb er sich in der Folge als großen Sünder vorkam ...
Bei Teilhard hingegen fügte sich alles zu einer Einheit, sodass er am Ende seines Lebens über diese Zeit sagen konnte: „Mein Geist erwachte zu einer höheren Sicht der Dinge, und ich erkannte, dass die Vielheit der Entwicklungen, die uns die Welt zu teilen scheinen, im Grunde die Vollendung eines einzigen großen Geheimnisses sei.“ (Lobgesang des Alls, Christus in der Materie, S. 60)
Während des Ersten Weltkriegs diente Teilhard als Sanitäter und Bahrenträger an der Maginot-Linie. Er überstand sämtliche Einsätze an der Front unverletzt und wurde für seinen Mut und seine Einsatzbereitschaft mehrfach ausgezeichnet.
In dieser Zeit hatte Teilhard mehrere mystische Visionen. Diese bestärkten ihn in seiner Sicht, die Inkarnation von Jesus Christus als zentrales Ereignis in der Evolution des Universums zu sehen. In der Folge setzte er den Endpunkt der kosmischen Evolution, den er Omega nannte, mit dem Wiederkommen des Christus der Offenbarung gleich.
1916, vor einem Einsatz zuvorderst an der Front bei Dünkirchen, legte er sein geistiges Testament in Form eines Gebets nieder. Daraus ein Nachsatz: „Aus dem kosmischen Leben heraus leben heißt mit dem Bewusstsein leben, dass man ein Atom im mystischen und kosmischen Leib Christi ist. Wer so lebt, für den zählen eine Menge Sorgen nicht, mit denen die andern sich aufreiben; er lebt fern davon, und sein Herz weitet sich immer mehr aus.“ (Frühe Schriften: Das kosmische Leben)
Während der nachfolgenden fast 40 Jahre war es Teilhard vergönnt, seine inneren und äußeren Erfahrungen in zahlreichen Schriften niederzuschreiben. Seine Dankbarkeit drückte er so aus: „Danke, mein Gott, dass Du auf tausend Weisen meinen Blick gelenkt hast, bis du ihn die unendliche Einfachheit der Dinge entdecken ließest! … Unter dem Erwachen ebenso schrecklicher und wie sanfter Einweihungen, deren Kreise du mich nach und nach hast überschreiten lassen, bin ich dahin gelangt, nichts mehr sehen oder atmen zu können außerhalb des Bereichs, in dem alles Eins ist.“ (Lobgesang des Alls, Die Messe über die Welt, S.23)
Teilhard fügte sich stets der Kirchen- und Ordensdisziplin. Seine Werke konnten daher erst nach seinem Tod, also ab dem Jahr 1955 veröffentlicht werden und lösten riesiges Interesse aus.
3. Das Weltbild Teilhards
Pierre Teilhard de Chardin setzte sich als einer der ersten Theologen mit der Evolutionstheorie Darwins auseinander und stellte sie in einen größeren kosmologisch-christlichen Zusammenhang. Das daraus entstehende ebenso revolutionäre wie evolutionäre Weltbild weist sieben Hauptmerkmale auf:
1. Das ganze Universum ist ein unermessliches, dynamisch pulsierendes Geschehen.Man schätzt die Sterne in unserer Milchstraße auf einige Hundert Milliarden, und die Gesamtzahl der Galaxien im sichtbaren Universum beläuft sich auf 100 bis 200 Milliarden.
2. Das Universum ist in ständiger Entwicklung begriffen.Erstaunlicherweise ahnte man das schon im Altertum: Uni–versum bedeutet unter anderem: ins Eine wenden. Heute spricht man eher von einer andauernden Kosmogenese. Und zwar entwickeln sich immer komplexere Lebensformen. Phasen des Auseinanderstrebens (Divergierens) lösen sich ab mit Phasen des Zusammenstrebens (Konvergierens).
Teilhard schreibt in seinen Memoiren: „Es war in den Jahren meines Theologiestudiums, als in mir nach und nach – weniger als ein abstrakter Begriff denn als eine Gegenwart – das Bewusstsein einer tiefen, das ganze Sein betreffenden totalen Strömung des Universums um mich herum zu wachsen begann, bis es meinen inneren Himmel ganz und gar erfüllte.“ (Das Herz der Materie, S. 40)
3. Die Dinge haben eine Innen- und eine Außenseite.Außen- und Innenseite entsprechen einander: Je höher entwickelt ein Lebewesen, desto komplexer ist es, und desto mehr Bewusstsein hat es.
4. Im Innen der Dinge wirkt eine geheimnisvolle spontane Verbindungskraft.Es ist eine Kraft der Organisation und der Vereinigung. Diese Kraft wirkt im ganzen Universum. Teilhard in einem Brief: „Wir müssen uns der Bewegung in und um uns bewusst werden. Denn diese kosmische Kraft wirkt: – sowohl aus uns heraus, – als auch in uns selbst, – als auch außerhalb von uns, um uns herum.“
5. Um die Erde hat sich eine geistige Sphäre gebildet.Sie wird heute durch Internet, GPS und Satellitennetze technisch unterstützt. Teilhard sah die Globalisierung in wirtschaftlicher, politischer und technischer Hinsicht voraus.
6. Es gibt zwei voneinander getrennte Realitäten.Die eine ist natürlich, die andere „übernatürlich“. Diese zweite Realität nennt Teilhard „göttlicher Bereich“ oder „göttliches Milieu“. So heißt auch ein Buch Teilhards. „Die beiden Realitäten streben dahin, sich einander im christlichen Denken zu nähern und schließlich zum Zusammenklingen zu kommen.“
7. Das ganze universelle Entwicklungsgeschehen hat ein Ziel.Die Kraft der Vereinigung wandelt alles um und bewegt alles auf ein endgültiges Ziel hin. Dieses Ziel ist eine unvorstellbare, höchst bewusste und komplexe Einheit.
Mit den Worten Teilhards: „Der von der Wissenschaft erahnte kritische Punkt der Reifung wäre dann nur die physische Voraussetzung und die der Erfahrung zugängliche Seite des im Namen der Offenbarung postulierten und erwarteten kritischen Punktes der Parusie.“ (Henry de Lubac: Teilhard de Chardins religiöse Welt, S. 173)
(Das war ein typisches teilhard’sches Satzgefüge in autorisierter Übersetzung. Einfacher ausgedrückt: „Wenn man die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die bisherige Entwicklung von Welt und Menschheit in die Zukunft verlängert, dann ist irgendwann ein Zeitpunkt der Vollendung zu erahnen. Dies entspricht der Wiederkunft Christi gemäß der Offenbarung.“)
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