Anna Lena Ebert sollte Erkundigungen über eine Ungeheuerlichkeit am Rande des Uranabbaus einholen.
Beim Abbau des Urans entsteht das Edelgas Radon, welches den Staub der Abraumhalden und ebenso den abtrocknenden Schlamm aus den Gruben kontaminiert. Somit gelangt das Lungenkrebs erzeugende und die Erbanlagen verändernde Radon in die Biosphäre.
Die Aborigines, die in den abgelegenen Gebieten Australiens leben und oft noch wie in früheren Zeiten der Jagd nachgehen, ernähren sich auch heute noch zum größten Teil von Naturprodukten. Sie sind als eines der letzten Naturvölker extrem gefährdet.
Anna Lenas Kontaktperson rief sie am Mittag an und entschuldigte sich für die beiden nächsten Tage. Er hatte einen Autounfall und musste noch einen Tag in Sydney im Krankenhaus verbringen.
Anna Lena war dies recht, konnte sie doch so mit ihrem Mann am nächsten Tag einen Einkaufsbummel machen.
Anna stellte sich die Frage, warum hier jeder mit dem Auto fuhr, wenn man es doch nicht richtig konnte und ständig Unfälle baute. Außerdem hörte man immer, dass in Australien wegen der Größe des Landes jeder Zweite ein Flugzeug besaß. Dies stimmte so wohl nicht.
Am Abend saßen sie im Restaurant des Hotels und waren beim Dessert angekommen. Anna Lena erhob sich und erklärte, dass sie erst einmal zur Toilette wollte.
Sie ging an der Theke vorbei und betrat den Raum am Ende des Ganges, wo außen Ladys draufstand. Dann klingelte ihr Handy.
»Anna Ebert«, meldete sie sich. Den zweiten Teil des Doppelnamens sagte sie nie.
»Ich habe Informationen für Sie, über die Sie staunen werden. Es gibt Beweise für eine Kontaminierung der Aborigines mit Radon.«
»Wer sind Sie?«
»Mein Name ist Klaus Volkmann. Behalten Sie das aber für sich. Ich werde beobachtet. Ich muss morgen Mittag zurückfliegen. Können wir uns am Vormittag ganz früh treffen?«
»Ja. Sicher. Wo?«
»Ich habe noch etwas in Greg River zu erledigen, das hängt auch mit dem Fall zusammen und ist hochbrisant. Bis Greg River sind es 170 Kilometer von Melbourne aus. Für australische Verhältnisse ist das ein Katzensprung. Kennen Sie die Great Ocean Road?«
»Nein.«
»Haben Sie ein Auto?«
»Wir haben einen Mietwagen.«
»Gut. Fahren Sie in südwestlicher Richtung über den Princess Freeway. Folgen Sie einfach nur den Schildern nach Geelong, dann nach Torqualy. Hier ist der Beginn der Road. Dann können Sie nichts falsch machen. Fahren Sie einfach weiter über Aireys Inlet, Big Hill, Lorne nach Wye River. Der nächste Ort ist Kennett River. Auf der Strecke zwischen Kennett und Greg River stehe ich an einer Straßenausbuchtung.«
»Oh Gott. Warum können wir uns nicht hier in Melbourne treffen? Das ist sehr weit weg.«
»Nein, das geht nicht. Dort oder gar nicht. Ich muss vorsichtig sein. Man hat mich verfolgt. Es gibt starke Interessen von Leuten, die absolut gegen eine Veröffentlichung gewisser Details sind. Auch Sie sollten äußerst vorsichtig sein. Sagen Sie niemandem etwas von dem Treffen. Und kommen Sie alleine. Wenn Sie jemand begleitet, werde ich Ihnen nichts sagen.«
»Gut. Ich komme alleine. Aber machen Sie eine Andeutung, ob sich die Fahrt für mich lohnen wird.«
»Glauben Sie mir, das wird sie. Ich habe Informationen darüber, wer alles in der Sache drinsteckt. Ich kenne sie alle. Und ich habe Beweise. Fotos von Treffen und Aufzeichnungen von abgehörten Telefongesprächen. Das ist für gewisse Regierungsleute Sprengstoff. Leider kann ich sie nicht nutzen. Ich gefährde mein Leben. Man kennt mich. Sie können in Deutschland ungefährdet berichten. Nochmal, sagen Sie zu keinem ein Wort. Auch nicht zu Ihrem Mann.«
»Ist gut. Wann treffen wir uns?«
»Um 7.30 Uhr. Also müssen sie um 5.00 Uhr losfahren. Seien Sie pünktlich.«
Er hatte sofort eingehängt.
Anna Lena fragte sich, woher er überhaupt ihre Telefonnummer hatte. Und woher er über ihren Auftrag der Zeitung wusste. Wer war er eigentlich?
Auf jeden Fall wollte er ihr helfen. Und er hatte Angst. Das hatte sie ganz deutlich gespürt. Sollte sie ihrem Mann davon erzählen?
Sie beschloss, es zu unterlassen. Sie musste um 4.30 Uhr aufstehen und wollte ihn zu solch früher Zeit nicht wecken. Sie konnte ihn von unterwegs anrufen und sie war ja noch am Vormittag zurück.
Zurück am Tisch fragte Ingo, wo sie denn so lange geblieben war.
»Schlange vor der Toilette, Schatz.«
»Dass ihr Frauen auch immer euer Näschen zwischendurch pudern müsst.«
Nach dem Dessert nahmen sie noch einen Drink an der Bar. Dann war Müdigkeit angesagt und sie gingen aufs Zimmer. Schließlich wollte sie sehr früh aufstehen.
2. Rückblende – Nasenbeinkorrektur
Ilka Goldstein und ihre Zwillingsschwester Anna Lena sahen sich, bis auf eine kleine Auffälligkeit, wie ein Ei dem anderen ähnlich.
Ilka hatte seit ihrer Geburt einen höheren Nasenrücken. Was zunächst nicht weiter auffiel. Dadurch waren sie von eingeweihten Personen zu erkennen, auch wenn sie, was nicht allzu häufig vorkam, getrennt auftraten.
Sie waren jetzt 28 Jahre alt und gehörten nicht mehr zu der Generation, denen die Eltern, als sie noch Kinder waren, unbedingt die gleichen Kleider angezogen hätten. Allerdings wollten das Ilka und Anna Lena selbst so.
Ihre Eltern versuchten, sie auch auf anderen Gebieten völlig unterschiedlich zu behandeln.
Ihre Namen waren einmal ein Doppelname und einmal ein Einzelname, was zur Folge hatte, dass Anna Lena sich nur Anna rufen ließ. Die Sitzverteilung im Kindergarten brachten sie sehr schnell durcheinander, da sie zuerst getrennt untergebracht waren. Durch kräftiges Stören, es ging auch schon mal eine Vase entzwei, erreichten sie die Zuteilung der Sitzordnung nebeneinander.
Auch bei der Einschulung brachte man sie zunächst in verschiedenen Klassen unter. Ein Leistungsabfall bei beiden, von einem weitsichtigen Lehrer erkannt, brachte sie wieder zusammen. Ihre Noten wurden daraufhin sofort besser.
Erste Freundschaften mit Jungs wurden von beiden sehr locker genommen. Manchmal machten sie sich sogar einen Jux daraus, dass sie ihre Freunde tauschten und diese davon nichts mitbekamen. Wenn eine ein Date hatte, blieb die andere meistens in der Nähe.
Das zahlte sich eines Abends aus, als Anna Lena von einem Jungen abgeholt wurde und dieser beim Nachhause gehen vom Kino in einer dunklen Ecke etwas alkoholisiert über sie herfiel. Anna Lena konnte sich zunächst ganz gut wehren und die Hände des Jungen von ihrem Busen fernhalten. Doch als er sie auf den Boden warf, sich auf sie legte und ihr unter den Rock fasste, schrie sie laut. Sie rief jedoch nicht um Hilfe, sondern den Namen ihrer Schwester. Diese hatte sich nach dem Kino noch ein Eis gekauft und verspätete sich somit um fünf Minuten. Da Ilka nicht sofort erschien, geriet Anna Lena in Panik und schrie lauter. Das empfand der Junge als gefährlich für ihn und er hielt ihr den Mund zu. Das hätte er besser nicht gemacht, denn der Biss ging bis auf den Knochen, was zur Folge hatte, dass Anna Lena eine kräftige Ohrfeige bekam und ihn wieder losließ. Nun bog Ilka um die Ecke und vertrieb den Jungen. Dieser lief so schnell er konnte. Gegen zwei hätte er es ja noch aufgenommen. Eine, die es doppelt gab, war ihm nicht geheuer. Er fluchte im Laufen etwas wie: »Scheiß Dosenbier, das macht nicht blind, man sieht doppelt!«
Anna Lena und Ilka Goldstein mussten trotz der brenzligen Situation lachen.
So waren sie bisher sehr aufeinander fixiert. Bis zu dem Zeitpunkt, als Anna Lena ihren späteren Mann Ingo Ebert kennen lernte. Ilka hielt sich seit dem ersten Kontakt ihrer Schwester zu Ingo schlagartig zurück.
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