Die Menschen dieser Tage suchen nicht die Weisheit, sondern das Wissen. Das Wissen geh ö rt der Vergangenheit an,
die Weisheit der Zukunft.
Indianische Weisheit
Es begab sich, dass einige Menschen eines Dorfes mehr über Stille und Meditation wissen wollten. So gingen sie zu einem am Waldesrand lebenden Einsiedler, von dem man sagte, dass er früher ein Zen-Mönch gewesen war.
Sie fragten ihn: „Warum meditierst du täglich und was ist der Sinn der Stille?“
Der Mönch war gerade damit beschäftigt, Wasser aus dem Brunnen empor zu ziehen. Er schaute in den Brunnen hinein und sagte dann zu seinen Besuchern:
„Schaut in diesen Brunnen hinein – was seht ihr dort?“
Die Menschen blickten augenblicklich in den Brunnen, fanden aber nichts Sehenswertes: „Wir sehen nichts!“
Einen Augenblick später forderte der Mönch die Leute wieder auf: „Schaut jetzt in den Brunnen hinein! Was seht ihr jetzt?“
Die Menschen taten wie ihnen geheißen und blickten wieder hinunter: „Jetzt sehen wir eine Spiegelung von uns selbst!“
Da sprach Mönch: „Als ich eben das Wasser aus dem Brunnen holte, war das Wasser unruhig. Aber es beruhigte sich wieder und jetzt ist das Wasser ganz ruhig. Das ist wie die Erfahrung der Stille und Meditation: Man sieht auf sich selbst!“
Die Menschen dachten einen Augenblick über die Worte nach und blickten noch einmal in den Brunnen hinein. Da sagte der Mönch erneut: „Schaut jetzt noch einmal genau in den Brunnen hinein. Was seht ihr jetzt darin?“
Die Menschen schauten noch einmal hinunter: „Jetzt sehen wir auch die Kieselsteine auf dem Grund des Brunnens, denn das Wasser ist ganz klar.“
Und der Mönch erklärte: „Das ist die große Erfahrung der Stille und Meditation, die hinter allem steht: Wartet man lange genug, kann man auf den Grund aller Dinge sehen.“
Gewinne nicht die Welt
und verliere deine Seele.
Weisheit ist besser
als Silber und Gold.
Bob Marley
Eine Neujahrsgeschichte aus dem alten Persien
Ich erzähle euch jetzt eine kleine Geschichte aus dem alten Persien, die jedes Jahr um die Zeit von Neujahr dort an den Feuern erzählt wird.
In einem alten Königreich ganz in der Nähe war es an der Zeit, das jährliche Neujahrsfest vorzubereiten. Und so wies der König seine Untergebenen und Diener an: „Auch in diesem Jahr möchte ich, dass wir ein wahrhaft königliches Fest feiern. Ladet alle Persönlichkeiten des Königsreiches zu diesem rauschenden Fest ein. Die Tische sollen sich biegen unter der Last der königlichen Delikatessen. Es soll auch nur der beste Wein aus den erlesensten Trauben angeboten werden.“
Die Bediensteten zogen sofort durch das Land und brachten aus allen Teilen des Landes nur die köstlichsten Speisen mit. Aber der König probierte sie und war mit der Wahl nicht zufrieden. Nichts machte ihn glücklich, keine Speise war gut genug.
Verzweifelt wandte sich der König an seine Diener: „Letztes Jahr habe ich den Menschen ein wahrlich kaiserliches Fest geboten, aber niemand erwähnte unser Fest jemals wieder. Die ganze Stadt sprach aber voller Bewunderung von dem Fest bei Garmin, dem Maler.
Auf diesem Fest wurde die ganze Nacht getrunken und gelacht. Und erst am Nachmittag des nächsten Tages war der letzte nach Hause gegangen. Genauso war es im Jahr zuvor gewesen. Und in dem Jahr davor ebenso. Es muss uns doch wenigstens einmal gelingen, ein rauschenderes Fest als dieser Kretin zu feiern. Ich bin doch der König. Ich!“
Einer der Bediensteten war ein kluger Mann und hatte eine Idee. So verneigte er sich tief vor dem König und fragte leise: „Mein Herr, habt Ihr jemals mit dem Künstler selbst gesprochen? Es wird doch sicher einen Grund dafür geben, warum die Leute sein Fest mehr lieben als das eurige. Und das obwohl sie ihr Essen selbst mitbringen, in einer mehr als schäbigen Hütte hausen und nur den billigsten Wein trinken.“
Der König nickte und befahl seinen Dienern: „Schafft mir den Maler Garmin her.“ Und so geschah es. Schon kurz darauf kündigte ein Diener den Maler beim König an.
Ohne Umschweife fragte der König seinen Untertan: „Warum um alles in der Welt lieben die Menschen dein Neujahrsfest so sehr? Sprich!“
Und der Maler antwortete höflich: „Mein König, meine Gäste und ich - wir sind Freunde. Wir brauchen einander, und wir haben uns gern. Und wir brauchen nicht mehr als uns selbst. Unsere Mägen sind voll, wir haben keinen Durst – und vor allem haben wir uns. Deshalb sind wir unendlich fröhlich und reich. Und vom Leben gesegnet.“
Weisheit ist keine Medizin zum
Herunterschlucken.
Weisheit aus dem Kongo
Die chinesische Legende vom ganz besonderen Senfkorn
In früheren Zeiten gab es eine Frau, deren Sohn tödlich verunglückt war. Die Frau war voller Trauer und wusste sich keinen Rat mehr. Weil sie immerzu weinen musste, suchte sie den weisen Mann in den Bergen auf. Er ließ sie ein und sie fragte ihn:
„Weiser Mann, bitte sagt mir: Wie kann ich meinen Sohn wieder bekommen? Ich leide so sehr ohne ihn.“
Der weise Alte antwortete: „Ich will dir helfen, meine Tochter. Bringe mir ein kleines Senfkorn. Aber es muss aus einem Haus sein, dessen Bewohner noch kein Leid erlebt haben! Mit diesem Senfkorn kann ich deinen Schmerz erlösen. Dann bist du wieder frei.“
Die weinerliche Frau machte sich sogleich auf die Suche nach so einem besonderen Senfkorn. Am Abend kam sie an ein prachtvolles Haus und dachte, dass man hier Leid wohl nicht antreffen würde. Sie klopfte und fragte die Bewohner: „Ich suche ein Senfkorn aus einem Haus, das noch kein Leid erfahren hat. Das ist sehr wichtig für mich, denn ich möchte meinen Sohn wiederfinden. Sagt mir: Bin ich bei euch richtig?“
Aber sie war in diesem wundervollen Haus nicht richtig, denn die Bewohner erzählten ihr von vielerlei Unglück, das gerade bei ihnen Einzug gehalten hatte.
Da dachte die Frau: „Diese Menschen sind ja viel unglücklicher als ich. Wer könnte diesen armen Menschen besser helfen als ich? Ich kenne diese Nöte und ich könnte helfen.“
So blieb die Frau eine Weile und tröstete die Bewohner des Hauses. Als einigermaßen wieder Ruhe eingekehrt war, machte sie sich wieder auf den Weg und damit auf die Suche nach einem Haus ohne Leid. Sie klopfte an viele Türen, aber egal wen sie auch fragte, jeder hatte Leid erfahren. Menschen in kleine Hütten genauso wie Menschen, die in riesigen Palästen wohnten.
Und so kam es, dass sie sich nur noch mit dem Leid von anderen Menschen beschäftigte und diese tröstete so gut es eben ging. Am Ende hatte sie sogar die Suche nach dem Senfkorn vergessen. Und auch den weisen Mann vergaß sie gänzlich.
Auf diese Weise hatte sie den Schmerz und die Trauer aus ihrem Leben verbannt und schaffte es loszulassen. Ihr Sohn blieb in bester Erinnerung, aber die Qual und das Leid ließen nach.
Die Weisheit ist nicht verschwunden,
die Weisen sind verschwunden.
Aus Indien
Ein alter Mann wanderte eines schönen Tages eine einsame Landstraße entlang. Sein Hund trottete am Straßenrand neben ihm her und sein Pferd hinter ihm.
Als sie an einer riesigen Eiche vorbeikamen, schlug plötzlich ein Blitz ein und alle drei waren tot. Doch der Mann bemerkte es nicht und wanderte einfach weiter.
Der Weg war weit, führte bergauf und bergab, die Sonne brannte unerbittlich. Alle drei waren verschwitzt, müde und durstig.
Auf einmal sahen sie ein wunderschönes, schmiedeeisernes Tor, dahinter einen gepflasterten Platz mit einem wunderbar verzierten Brunnen in der Mitte. Aus einem goldenen Wasserhahn floss kristallklares Wasser. Ein Mann in Uniform bewachte das Tor.
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