Ich kann nicht sagen, wie es mir zu dieser Zeit ging. Was macht es auch für einen Unterschied, ob furchtbar ausreichte oder hundeelend es besser traf. Manchmal hält das Gedächtnis Erinnerungen einfach nicht exakt fest, wenn es sie nicht begreift. Ich kann nur mit Sicherheit sagen, dass es half, dass mich in der folgenden Zeit mein Onkel Karl zu sich nahm. Eigentlich war er nicht mein Onkel. Meine Großeltern hatten ihn kurz nach der Geburt aufgenommen und zwischen Mutter und ihm keinen Unterschied gemacht.
Mutter fehlte seit Jahren der Kontakt zu Karl. Wahrscheinlich, weil die Großeltern ihm und nicht ihr, dem leiblichen Kind, das Haus vermacht hatten. Es war viel kleiner als das, in dem ich aufgewachsen war - neben der Küche nur zwei Zimmer, aber trotz alledem war bei Karl der Raum, den ich brauchte. Er redete oft mit mir, dann, wenn er über mein braunes Haar strich oder wenn ich ihm beim Kochen über die Schulter sah. Es war gut, ihn zu hören, weil er in der ersten Zeit nichts von sich gab, das einer Antwort bedurfte. Ich konnte mir wenig vorstellen, dass zwangloser, dass heilsamer war und ich weiß noch, wie ich nach einigen Tagen das erste Mal reden musste, weil ich es nicht mehr aushielt.
»Wenn du noch öfter in der Gegend herum tapst, verpasst du die Hälfte der Nacht«, sagte er lächelnd an einem Freitagabend, als ich durch den Flur wollte.
Es war halb elf und es trieb mich zum zweiten oder dritten Mal in die Küche, um etwas zu trinken. Karl sagte immer tapsen , weil meine Füße etwas nach innen gedreht waren und es manchmal unbeholfen aussah, wenn ich ging.
»Ich kann nicht schlafen«, antwortete ich zögernd, weil ich nur zu gut Mutters Reaktion kannte, wenn ich nach meiner Zeit noch herumgeisterte.
»Das hat meist einen Grund. Den sollten wir herausfinden, sonst klappt das mit dem Einschlafen selbst nach Mitternacht nicht«, sagte er auf eine Art, die mir fremd war, weil er so viel Ruhe ausstrahlte. Er ließ mich zu sich auf das Sofa. Als ich in den Kissen versank, merkte ich, dass er jung roch. Hätte ich ihn noch nie zuvor gesehen und an diesem Abend nur gerochen, ich hätte gewusst, dass er nicht älter als fünfundzwanzig sein konnte. Sonst wäre sein Duft viel herber und nicht so angenehm gewesen.
»Na?«, fragte er. »Was geht dir durch den Kopf?«
Ich merkte, wie mir mein Herzklopfen die Stimme nehmen wollte. Also ich platzte damit heraus, bevor es mir unmöglich wurde, darüber zu sprechen.
»Ich will nicht, dass mir die Haare ausfallen!«
»Warum sollen sie dir ausfallen?« Karl hatte nicht mit solch einer Antwort gerechnet. »Das passiert doch nur Männern und auch nur, wenn sie älter sind. Meistens zumindest.«
»Und was ist mit Schneiders Erika?«, fragte ich.
»Stimmt,« überlegte er. »Sie hat tatsächlich verflucht wenig Haare, aber bei Frauen geschieht das sehr selten.«
»Ich weiß, warum sie ihnen ausfallen.«
»Ach ja?«
»Sie fallen bei denen aus, die Furchtbares getan haben. Sie bekommen den Kahlkopf zur Strafe.«
»Wer sagt dir denn so etwas?«
»Glaub' mir. Bei manchen dauerte es zwar einige Jahre, aber es passiert bei jedem, der es verdient.«
»Wie kommst du darauf?« Er drückte mich an sich. »Und was ist, wenn ich dir verspreche, dass dem nicht so ist?«
»Siehst du«, sagte ich, »mein Kopf erklärt mir die Welt auch schon auf eine fremde Weise; genau wie Mutters Kopf.«
»Davor hast du Angst?«
»Ich will nicht verrückt werden.«
»Komm her.«
Er hielt mich so lange fest und sagte mir so oft, dass mein Kopf völlig in Ordnung sei, bis ich es glaubte. Zumindest eine Zeit lang.
*
Am Sonnabend wusste ich nachmittags mit mir nichts anzufangen und saß im Garten auf einem der Steine, die das Rosenbeet umschlossen. Dem Tag ging es ebenso wie mir, er schleppte sich ohne Höhepunkt vor sich hin. Wenigstens hatte er an Sonne gedacht. In einem orangefarbenen Ton stand sie über dem Dorf und hängte allem lange Schatten an.
Auf dem Weg lief eine Ameise. Sie krabbelte hektisch in eine Richtung, drehte dann wieder um und ging woanders hin, um wenig später ein ganz neues Ziel zu verfolgen. Eines vermochte sie wohl nicht – stehenzubleiben. Es machte keinen Sinn, nach einem System in ihren Bewegungen zu suchen, aber es musste eines geben. Irgendjemand sagte diesen kleinen Kerlchen, was sie zu tun hatten, anders passte das tägliche Tun von Tausenden ihrer Art nicht zueinander.
Ich schreckte auf, bevor ich mir darüber weiter Gedanken machen konnte. Hinter mir schabte etwas. Karl hatte angefangen, den Weg zur Gartentür zu harken. Ich stand auf und versuchte, ihm zur Hand gehen, indem ich das Unkraut aus einem Beet zog.
»Fräulein!«, sagte er in harschem Ton. »Was hast du bis eben gemacht?«
»Ich hab vor mich hingeschaut«, antwortete ich und suchte nach einer Rechtfertigung. »Ich wusste doch nicht, dass wir heute etwas im Garten zu tun haben«, stammelte ich das zu Ende, was mir auf die Schnelle einfiel.
»Gut, dann wirst du dich dort wieder auf den Stein setzen!«
Ich hatte keine Ahnung, warum er das wollte.
»SETZ DICH HIN!!« Seine Worte klangen härter, als er sie wiederholte.
Ich warf das Unkraut beiseite, klopfte mir die Erde von den Fingern und ließ mich wortlos nieder. Es fehlte nicht viel, dass ich geheult hätte. Ich kannte ihn nicht in diesem bestimmenden Ton.
»Und jetzt schaust du wieder so vor dich hin«, sagte er. In diesem Moment konnte er sich das Lachen nicht mehr verkneifen. »Los komm' her.« Karl beugte sich herunter und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Seine Augen suchten mein Gesicht nach einem Lächeln ab. Stattdessen lief mir die erste Träne hinunter - ich bin mir nicht sicher, ob vor Erleichterung.
Er legte die Hände um meine Wangen. »Herzchen, das ist ein Spaß gewesen.« Ich verstand, was er sagte, doch bei mir war es schon immer so, dass es einige Zeit brauchte, bis die Verunsicherung wieder ging, wenn sie sich erst einmal eingeschlichen hatte.
»Du brauchst nicht aufzuspringen, sobald ich etwas mache«, sagte er und hielt weiterhin mein Gesicht.
»Mutter ist manchmal wütend geworden, falls ich ihr nicht gleich zur Hand gegangen bin.« Mir fielen sofort wieder Tränen hinab, als ich daran dachte.
»Ich weiß. Ich kenne meine Schwester schließlich auch schon recht lange«, meinte er und setzte sich neben mich. Als wir so im Garten hockten, gab es keinen Grund, dass einer von uns etwas sagte. Wir sahen auf die Schwalben, zur Sonne und manchmal auf den Weg, auf dem die Ameise inzwischen fehlte. Wir wussten wohl beide, dass es bei mir noch vieles zu heilen gab.
»Lass es uns so machen«, unterbracht Karl die Ruhe. »Du fegst zwei Mal in der Woche das Haus. Das ist ab jetzt deine Aufgabe, und wenn du sie gemacht hast, dann lässt du vom Rest die Finger, es sei denn, ich bitte dich darum.«
Ich nickte.
»Dann hat jeder genug zu tun und wenn mir mal nach Harken ist, bekommst du kein schlechtes Gewissen und kannst dir weiter meinen verwilderten Garten ansehen.«
Als er das sagte, konnte ich wieder etwas lächeln.
»Du weißt, dass ich meine große Schwester wirklich sehr liebe …«, sagte er, ohne eine Antwort zu erwarten. »… aber nicht alles, was sie getan hat, war richtig.«
Dieser Satz war schwierig für mich, weil es so war, als würde ich mich gegen Mutter stellen, sobald ich auch nur darüber nachdachte, ob er stimmte. Schließlich hatte ich elf Jahre lang meine Wahrheiten aus ihren gemacht.
*
Immer, wenn ich später an die Zeit nach dem Unwetter zurückdachte, fiel mir auf, dass ich damals frei von Heimweh war. In den ersten Wochen konnte ich es mir damit erklären, dass ich die Hoffnung hatte, dass man Mutter in der Anstalt helfen würde. Die Aussicht auf Genesung und das Warten auf ihre Rückkehr trugen mich über die Zeit und beglichen die Wehmut. Nur der Wunsch, sie zu besuchen, blieb. Ich unterdrückte ihn, so gut ich konnte. Manchmal ging es nicht. An solchen Tagen erzählte ich es Karl. Meist unterbrach er dann das, was er gerade tat, legte den Arm um meine Schultern und sagte, dass Mutter erst einmal gesund werden musste und, dass das am Wichtigsten sei. Damit hatte er recht. Trotzdem ärgerte es mich, diese Antwort immer wieder anzunehmen. Manchmal hätten mich solche Erklärungen nicht beruhigen sollen. Dann hätte ich trotzig werden müssen und Mutter nichtsdestoweniger sehen wollen. Stattdessen akzeptierte ich, was man mir sagte und ich bewies mir selbst, wie vernünftig und wie wenig Kind ich war.
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