Die Blicke des Mädchens richteten sich auf Arthur.
„Sind sie das?“ fragte sie, an Mira gewandt.
Mira nickte.
Sie blickte auf Toni. Auf Arthur. Und wieder zurück zu Toni.
Dann entspannten sich ihre Züge. Offensichtlich hatte sie festgestellt, dass die beiden harmlos aussahen.
„Hallo“, sagte sie, „ich heißte Tilia. Und wie heißt ihr?“
„Ich bin Arthur“, sagte Arthur, offensichtlich beflügelt von der Hoffnung, hier etwas zu trinken zu bekommen, „und ich will roten Saft.“
„Sollst du haben“, antwortete das fremde Mädchen.
„Und ich bin Toni, Arthurs Schwester, und wir, äh, wir wollten gar nicht… . Es war...“ „Ein Versehen,“ wollte Toni sagen, doch da fiel Tilia ihr schon ins Wort.
„Schon gut“, sagte sie, „jetzt seid ihr schonmal hier. Eigentlich finde ich das ziemlich mutig, durch so ein Erdloch zu rutschen. Ich hole erstmal etwas zu trinken.“
Der Saft war köstlich. Kalt und klar und nicht zu süß, genau richtig, und Toni und Arthur spülten die Flüssigkeit in einem Zuge hinunter. Tilia reichte auch gelbe saftige Früchte, die die beiden hungrig verspeisten.
„Was machst du hier?“ fragte Arthur kauend. Jetzt, wo er getrunken hatte, war er wieder munter.
„Wie, was ich hier mache?“ sagte Tilia, „ich wohne hier im Park und, tja, jetzt ist es ja sowieso egal, ich hüte hier das Haus.“
„Was ist ´hüten`?“ fragte Arthur.
„Das Haus heißt das Haus Zwischen den Welten“, erklärte Tilia, „und es ist ein Haus für sonderliche Geschöpfe aller Art, die zum Beispiel auf der Durchreise sind.“
„Durchreise?“ Auch Toni war neugierig.
„Zum Beispiel Mira“, sagte Tilia, „Mira kommt aus einem Kindertheater, weil der Geschichtenerzähler, der die Geschichte spielt, sozusagen zuviel Fantasie hatte.“
Das kam Toni irgendwie bekannt vor.
„Und was passiert dann?“
„Dann werden diese Figuren, entschuldige diesen Ausdruck, Mira, lebendig. Nur dann fangen die Probleme an. Wenn das herauskommt, müssen sie sich verstecken.“
„Aber warum denn?“ fragte Toni, „ich meine, das ist doch irgendwie total cool.“
„Ja, so cool aber auch wieder nicht“, grunzte Mira, „wenn das herauskommt und du hast keinen Menschen, der einen versteckt, sondern vielleicht überlegt, viel Geld mit dir zu verdienen... .“
„... zum Beispiel, indem er dich in einen Käfig steckt und ausstellen will...“, ergänzte Tilia.
„... dann ist das schrecklich“, beendete Toni diesen Satz, „ich verstehe.“
„Die einzige andere Möglichkeit ist, dass man sich immer stumm und steif stellt“, erklärte Mira weiter. „aber auf Dauer ist das ganz schön langweilig.“
„Und wohin reisen diese, hm, Figuren, dann weiter?“ fragte Toni.
„Es gibt da mehrere Möglichkeiten, aber das ist ziemlich kompliziert. Vielleicht erkläre ich das später einmal. Es ist wichtig, dass ihr nicht so lange fortbleibt von zuhause. Wie lange seid ihr denn schon hier?“
Toni hatte nicht auf die Zeit geachtet und zog ihr Handy hervor. Es war viel später als sie gedacht hatte. Ihre Eltern machten sich bestimmt schon ziemliche Sorgen.
Tilia fuhr fort: „Sobald ihr nämlich hier im Haus Zwischen den Welten seid, geht die Erinnerung an euch ganz langsam verloren. Das ist der Schutz dieses Ortes. Kurze Reisen gehen, aber längere... .“
Toni lief es eiskalt den Rücken hinunter. Das mit dem vergessen werden, konnte sie sich nicht vorstellen, aber ganz sicher würde es dies nicht riskieren.
„Wie kommen wir denn zurück?“
„Es ist ganz einfach. Ich zeige es euch.“
Bald standen sie vor dem hohlen Baum mit den vorhangartigen Zweigen. Toni musste sich eingestehen, dass sie ihn unter all den anderen Bäumen nicht wiedergefunden hätte.
Tilia zeigte ihnen eine kleine Erhebung in der Wand neben dem Eingang. Es war eine Art Hebel, mit dem man eine Stufe hinunterklappen konnte. Wenn man sich darauf stellte, erreichte man kleine Haken in den Wänden, an denen man sich hochhangeln konnte.
Tilia hob erst Arthur hinauf, der wie ein Äffchen hinaufkletterte.
Als er verschwunden war, blickte sie Toni in die Augen. „Kein Wort zu niemandem, verstanden? Wenn wir entdeckt werden … denk daran, was mit Mira hätte passieren können.“
Toni nickte. „Klar, kein Wort. In meiner Welt würde mir das sowieso keiner glauben.“
Sie duckte sich, um in die Höhle zu krabbeln, und drehte sich dann noch einmal um: „Sehen wir uns wieder?“
Tilia lachte. „Bestimmt. Jetzt, wo ihr uns entdeckt habt. Vielleicht sollte es so sein. Aber wartet, bis ich dir eine Nachricht schicke, es sollte erst einige Zeit vergehen. Ich möchte nicht entdeckt werden, es ist zu gefährlich. Dir ist doch niemand gefolgt, oder?“
Toni musste zugeben, dass sie nicht darauf geachtet hatte. Jetzt musste sie aber los, Arthur war ganz alleine dort oben.
Sie verabschiedete sich, setzte einen Fuß auf die Stufe und hangelte sich hinauf. Als Toni schon das Licht am oberen Ende sehen konnte, rief Tilia ihr noch hinterher: „Es wäre schön, eine Freundin zu haben.“
Doch das hörte Toni schon nicht mehr.
Rufin.
Beim Verlassen der Mauer achtete Toni sehr darauf, von niemandem gesehen zu werden. Glücklicherweise lag die blaue Mauer in einer Straße, die sowieso nicht sehr oft benutzt wurde.
Ihre Mutter blinzelte verwirrt, als die beiden nach Hause kamen. War es das, was Tilia gemeint hatte? Hatte das „Vergessen“ so schnell eingesetzt? Doch die Verwirrung dauerte nur kurz, und Toni verdrängte diesen Gedanken lieber ganz schnell.
Vater Taubenheimer war noch unterwegs, und so gingen Frau Taubenheimer, Toni und Arthur zu dritt in den Garten, um gemeinsam Kaffee, Saft und Kekse zu genießen, wie sie es oft taten, wenn sie wieder zu Hause eingetroffen waren.
„Stell dir ma vor, Mama“, rief Arthur, obwohl Toni ihm auf dem gesamten Rückweg alles Mögliche versprochen hatte, wenn er es schaffte, ihren Eltern nichts von dem Geheimnis hinter der Mauer zu sagen, „stell dir ma vor! Ich habe ein s´prechendes Swein gesehen. Und das kann auch noch fliiiegen!“
Tonis Mutter warf ihrer Tochter einen nachdenklichen Blick zu, und Toni ahnte, dass Frau Hirse schon mit ihr über die erneute Fünf in Deutsch gesprochen hatte. Allzu deutlich hörte sie die Stimme ihrer Lehrerin in ihrem Kopf: „Das Kind hat zu viel Fantasie, zu viel Fantasie!“
„Arthur“, sagte Frau Taubenheimer in ihrem Jetzt-möchte-ich-keine-Widerrede-hören-Tonfall, „geh bitte in deinen Sandkasten und spiele dort ein bisschen!“
Arthur sah bockig drein, „aber da war auch noch ein Mädchen mit so dünen Haaren! Und Dänse warn da auch!“
Frau Taubenheimers Blick verfinsterte sich. Arthur, der wusste, was dies bedeutete, trollte sich in Richtung Sandkasten.
„Antonia“, sagte ihre Mutter, „Frau Hirse hat eben angerufen.“
Toni starrte auf den Tisch, und der Keks in ihrem Mund schmeckte auf einmal gar nicht mehr.
„Sie hat gesagt, dass du wunderschöne Geschichten schreibst und du in dieser Hinsicht sicherlich sehr begabt bist, aber… für eine Deutscharbeit ist das eben nicht sehr förderlich.“
Toni schwieg. Was sollte sie denn machen? Ihr Kopf schlug eben manchmal Purzelbäume, und die Worte flossen einfach so aufs Papier. Wen interessierte schon eine strohtrockene Interpretation?
Immerhin hatte Herr Niebrüll bisher noch nicht angerufen, und sie hoffte inständig, dass er es auch nicht tun würde. Innerlich gelobte sie Besserung.
„Ich habe überlegt, ob es sinnvoll wäre, dir eine Deutschnachhilfe zu besorgen. Es gibt da so ein Angebot in der Friedensstraße. Ich möchte, dass du darüber mal nachdenkst und will auch noch mit Papa darüber sprechen.“
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