„Soso“, sagte sie, „du heißt also Mira.“
„Ganz genau“, grunzte das Schwein, „und wer bist du? Oh, und du hast meine Feder wiedergebracht. Vielen Dank! Könntest du sie mir wohl bitte geben?“
Verdutzt starrte Toni auf die Feder in ihrer Hand, die sie in ihrem ganzen Schrecken vergessen, aber dennoch festgehalten hatte.
„Ja, natürlich“, sagte sie und, weil sie nicht wusste, wie man einem Schwein, auch wenn es sprechen konnte, etwas geben konnte („In die Hufe oder in die Schnauze“, überlegte sie), legte sie die Feder vor Mira auf den Boden.
„Sie ist vielleicht etwas verknautscht“, fügte sie etwas verlegen hinzu.
„Oh, das macht nichts“, sagte die Schweinedame höflich..
„Möchtet ihr mitkommen? Tilia wird meinen Flügel wieder reparieren.“ Damit nahm sie – offensichtlich glücklich – ihre Feder in die Rüsselschnauze und trabte leichtfüßig durch eine Lücke im Blättervorhang.
„Das ist so cool, Toni“, sagte Arthur.
Lloma.
Unterdessen, einigermaßen weit entfernt von dem hohlen Baum, den Toni und Arthur entdeckt hatten, aber immerhin in derselben Welt, saß eine alte Frau an ihrem Küchentisch und schrieb einen Brief. Hin und wieder tropfte eine Träne auf das gelbliche Papier, die sie mit einem Ärmel ihres Kleides sorgfältig abtupfte. Zurück blieben helle Tintenflecken, zwischen die sich schiefe Buchstaben quetschten.
Nach einer Weile hielt sie inne, las sich das Geschriebene noch einmal sorgfältig durch und rollte das Papier mit knorrigen Fingern zusammen. Anschließend steckte sie es in einen hohlen, kurzen Ast, den sie an beiden Enden versiegelte. Dann blickte sie in den blauen Himmel, der sich über ihr erhob und warme Sonnenstrahlen auf sie herabrieseln ließ. Heute war ein guter Tag, um einen Brief auf die Reise zu schicken. Etwas mühsam erhob sie sich und trat den Weg nach unten an. Wendeltreppenförmig drehte sich die Leiter am Stamm des alten Baumes entlang, auf dem sie wohnte, zwischen Blättern und Ästen hindurch, bis ihr Fuß den warmen Waldboden spürte. Sie wandte sich nach rechts und ging in Richtung Lichtung, auf der die Füchse wohnten.
„Sei gegrüßt, Lloma“, sagte ein Fuchs, der auf einem Erdhügel lag und sich die Sonne auf den Pelz scheinen ließ, „ein Brief?“
„Ja“, sagte die alte Frau, „er ist dringend. Kannst du ihn noch heute bringen?“
„Wohin?“ fragte der Fuchs.
„Zu Tilia im Haus Zwischen den Welten.“
„Ich werde Rufin fragen“, sagte der Fuchs, „er ist schneller als ich, meine Beine werden allmählich alt.“
Die alte Frau nickte kummervoll.
Tilia.
„Ich will mit!“ rief Arthur, aber Toni packte ihn an der Schulter.
„Bist du verrückt!“ zischte sie, „wer weiß, wo wir hier sind! Wir gehen zurück. Komm.“ Sie zog ihn an der Hand hinter sich her und kroch in die Baumhöhle.
Hier drinnen war soviel Platz, dass sie beide stehen konnten.
Mit den Händen befühlte sie die Wände. Sie ekelte sich ein bisschen, denn sie fürchtete, in der Dunkelheit auf Spinnen und anderes Getier zu stoßen. Gab es hier denn keine Leiter? Oder Sprossen in den Wänden?
Verzweifelt drehte sie sich im Kreis. Irgendwie musste doch auch das andere Mädchen hier hochgekommen sein. Oder konnte sie fliegen? Die seltsame Schweinedame konnte das ja auch.
Doch Toni fand nichts.
Arthur hatte ihr schweigend zugesehen.
Es half nichts. Offensichtlich mussten sie dem Schwein folgen und es fragen. „Wenn nämlich das Schwein die Feder verloren hatte“, kombinierte Toni, „dann heißt das ja, dass es auch irgendwie von oben gekommen ist. Vielleicht weiß es auch den Weg zurück.“
„Okay, Planänderung“, sagte Toni zu Arthur, „Wir folgen dem Schwein.“
Als sie ins Sonnenlicht traten, sahen sie gerade noch einen rosigen Rücken, der durch die Grashalme hüpfen. Vor ihnen streckte sich eine weite hohe Wiese, auf der in großen Abständen gewaltige Bäume standen. Einige sahen so aus wie der Baum, aus dem sie geklettert waren und ließen ihre Äste bis auf den Boden hängen. Andere reckten ihre Kronen stolz in die Höhe. Hin und wieder gab es auch Grüppchen von Bäumen, die eng beieinander standen.
Toni spürte Arthurs Hand in ihrer. Das war meistens ein Zeichen dafür, dass er müde wurde.
„Hoffentlich ist es nicht weit“, betete sie stumm. Ein Spaziergang mit einem müden Arthur war nämlich alles andere als ein Spaziergang.
Sie marschierten los. Bald jedoch war der rosa Punkt verschwunden. Stattdessen kreuzte eine Schar Gänse, deren glatte Körper im Sonnenlicht glänzten, ihren Weg. Voran lief eine große Gans, vermutlich die Mutter, und hinter ihr vier Gänseküken, die allesamt schnatterten.
„Wenn es hier sprechende Schweine gab“, überlegte sie sich, „konnten die hier vielleicht auch sprechen.“
„Hallo?!“ rief sie den Gänsen nach, „wir suchen ein Schwein, ein Schwein namens Mira, wisst ihr, wo wir es finden könnten? Oder ein Mädchen mit grünen Haaren?“
Sie meinte, ein kurzes Zögern im Gänsemarsch wahrgenommen zu haben, doch die Gänse konnten augenscheinlich nicht reden oder wollten es nicht, jedenfalls marschierten sie einfach weiter. Toni beschloss, ihnen zu folgen. Immerhin waren sie nicht so schnell wie Mira.
Nach einer Weile sah sie ein Haus hinter einem der großen Bäume hervorlugen. Beim Näherkommen erkannte sie, dass es eigentlich aus mehreren unterschiedlich großen Häuschen gebaut war, die sich hufeisenförmig um einen gepflasterten Hof reihten. Es war ruhig in dem Hof, nur hin und wieder hörte man ein Schnauben und Scharren, ein Tier brüllte, es roch nach warmem Fell und nach Stall, aber auch nach Sommer, und dann flogen noch Gerüche durch die Luft, die angenehm in Tonis Nase kitzelten, obwohl sie sie nicht hätte beschreiben können.
Die Dächer waren allesamt rot oder orange oder sogar ein bisschen gelb, während die meisten Wände weiß waren, einige waren aber auch hellblau oder in einem zarten Violett gestrichen. An den Wänden reihten sich Blumentöpfe mit rosafarbenen Malven und weißen und roten Rosen. „Mama hätte ihre helle Freude an ihnen“, dachte Toni. Die Gänse watschelten auf den Hof und dann zielstrebig auf eine Tür zu, die einen Spalt offen stand.
Zögernd folgte sie ihnen. Vielleicht hatten die Vögel sie ja wirklich verstanden und führten sie zu der kleinen Schweinedame?
Zumindest sollte sie es versuchen. Toni suchte nach einer Klingel oder Glocke, und als sie nichts fand, klopfte sie zögerlich an die Tür, die sich ein Stückchen weiter öffnete.
Ansonsten geschah nichts.
Toni fand, dass es auf eine Portion Mut mehr oder weniger an diesem Tage auch nicht mehr ankam und stieß ganz langsam die Türe weiter auf.
„Sie sind hier?? Wieso sind sie hier? Sie dürfen nicht hier sein! Wenn sie uns verraten!?“ hörte sie eine Stimme. Toni sah in einen großen, hellen Raum, der vermutlich die ganze Grundfläche des Häuschens beanspruchte. Auf einem Tisch stand Mira mit ausgebreiteten Flügeln. Ein Mädchen beugte sich über sie und nestelte an einem ihrer Flügel herum. Obwohl Toni nur ihren Rücken sah, wusste sie, dass es das Mädchen von dem Grundstück hinter der Mauer war, denn ihre schimmernden grünen Haare ergossen sich über ihre Schultern bis fast zu den Hüften.
„Aber es sind Kinder“, quiekte das Schwein, „Kinder sind harmlos. Man muss nur aufpassen, dass sie einen nicht vor lauter Begeisterung zerdrücken, besonders wenn man so klein ist wie ich.“
„Tooni, ich habe Durst“. jammerte da Arthur laut.
Das Mädchen mit den grünen Haaren drehte sich um. Jetzt, wo Toni sie schon einmal gesehen hatte, sah sie eigentlich ziemlich harmlos aus. Wenn man mal von dem Grün ihrer Haut und den grünen Haaren absah. Aber das war ja nicht gefährlich, nur irgendwie ungewöhnlich. Aber warum nicht. Vielleicht gab es ja irgendwo Menschen mit grünen Haaren. Ihre Oma pflegte immer zu sagen: „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“
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