Tonis Mutter küsste ihre Tochter auf die Nasenspitze (wobei sie sich auf die unterste Sprosse der Leiter stellen musste), und verließ dann, das Licht hinter sich ausknipsend, das Zimmer.
In dieser Nacht träumte Toni von wilden Wolkenschwänen, die nicht fliegen konnten, weil sie eine Feder verloren hatten, und von Herrn Niebrüll, der mit dem Kopf zwischen den Wolken feststeckte und wild mit den Beinen strampelte. Und natürlich von Mädchen mit grünen Haaren, die in einer Höhle aus Brombeerranken und mannshohem Gras wohnten.
Am nächsten Tag wollte Toni gleich nach der Schule zur blauen Mauer gehen und die Feder dort abgeben, wobei sie natürlich hoffte, vielleicht noch einen Blick auf das fremde Mädchen erhaschen zu können, aber Frau Hirse, die Klassenlehrerin hielt sie auf.
„Antonia“, sagte sie, und Toni bemerkte, wie sie versuchte, ganz besonders freundlich zu klingen.
„Ich habe gestern deinen Aufsatz korrigiert, und, nunja, ich, also, er ist eigentlich sehr schön, sehr, hm, blumig, und, tja, auch fantasievoll. Nur leider, leider... .“ Sie rang nach Worten, „nur leider ist er total am Thema vorbei.“
Toni biss sich auf die Lippen. Am Thema vorbei, das kannte sie schon. Das bedeutete eine Fünf. Und das in einem Fach, das ihr eigentlich Spaß machte. Die Fantasie, die verflixte Fantasie, sie ging manchmal mit ihr durch wie ein übermütiges Pferd und rannte über fremde Wiesen.
Frau Hirse bemühte sich um gute Worte.
„Aber ich sehe da wirklich Potenzial bei dir, Antonia“, sagte sie, „es ist nur, … so wild. Naja, ich wollte dir das schon mal sagen, damit, hm, du morgen oder übermorgen, wenn ich, ähm, also, wenn ihr die Arbeiten wiederbekommt… .“
„Schon gut, Frau Hirse“, sagte Toni knapp, „danke.“ Sie packte ihre Tasche fester und ging.
Auf dem Nachhauseweg vergaß sie - verständlicherweise -, dass sie eigentlich an der blauen Mauer vorbeigehen wollte, sie nahm nämlich den anderen Weg, den, der am Kiosk vorbeiführte. Im Zweifelsfall half Lesen. Sie zählte das Geld in ihrer Hosentasche und kaufte sich einen Comic, den sie auf der nächsten Bank las. Es lohnte sich nicht, schon nach Hause zu gehen, denn in einer Viertelstunde sollte sie Arthur vom Kindergarten abholen. Erst als sie vor dem Kindergarten stand und Arthur ihr entgegenrief: „Ich will ein Schokobrötchen!“ fiel ihr wieder ein, dass sie doch eigentlich zur blauen Mauer hatte gehen wollte.
„Ich kauf dir eins“, sagte sie und hoffte inständig, dass sie noch genügend Geld im Portemonaie hatte, „aber dann gehen wir noch zur blauen Mauer, einverstanden?“
„Ok“, sagte Arthur friedlich und trottete neben ihr her in Richtung Schokobrötchen.
An der blauen Mauer versuchte Toni wieder, die Tür ein wenig aufzudrücken, denn – so hatte sie sich überlegt – es wäre wohl am besten, sie zumindest hinter die Tür zu legen. Wie sich herausstellte, ging die Tür leichter auf als gedacht, und Toni wollte gerade das Federding durch den Spalt schieben, als sich Arthur, den Mund voller Brötchenkrümel, unter ihr vorbeidrückte und in das verlassene Grundstück schlüpfte.
„Schietepiepen! Arthur!“ zischte Toni. Was sollte sie tun? Natürlich hinterher.
„Das ist cool, Toni“, sagte Arthur anerkennend, während er sich umsah, „hier kann man schpielen. Ich vertecke mich und du muss zählen! Aber noch nich!“ Und schon verschwand er im grünen Gras, das ihn um einige Kopflängen überragte.
Toni blieb fast das Herz stehen, und sie hoffte, dass Arthur es unheimlich finden würde und sogleich wieder zurückkommen würde. Doch er kam nicht zurück. Die hohen Halme bewegten sich hin und her. Dann war es still.
Mira.
Toni hätte am liebsten sehr laut ein bestimmtes Wort gerufen. In ihrer Fantasie war sie mutig. Aber die Fantasie war ja auch nicht gefährlich. Aber vielleicht war sie ja auch nur vorsichtig, gerade weil sich in ihrer Fantasie so viele seltsame Fabelwesen tummelten? Egal. Sie musste hinter Arthur her..
Als sie das Gras zur Seite schob, entdeckte sie, dass sich dahinter ein Pfad befand, dem Arthur wohl gefolgt sein musste.
„Toooni! Du kannst jetzt zä-ähln! Ich habe mich schon verte-eckt!“
„Versteckspielen mit Dreieinhalbjährigen“, dachte Toni und rollte innerlich mit den Augen, war aber in diesem Moment froh darüber, dass er das Prinzip des Spieles offensichtlich noch nicht so ganz begriffen hatte.
„Wo bist du?“ rief sie, „zeig dich mal!“
„Hi-ier!“ kam eine Stimme zurück. Schon sah sie ihn. Arthur hockte am Rande eines Loches im Boden und hielt ihr einen Zettel hin: „Das habe ich gefindet.“
Toni trat neugierig näher. Das war ja ein ziemlich großes Loch. An seinen Rändern wuchs kaum Gras, ganz so als ob jemand den Boden drumherum befestigt hätte. Wer oder was konnte darin wohnen? Nur das grüne Mädchen? Ihre Blicke fielen auf das Gesicht auf dem weißen Zettel. Blaue Augen, schwarze Haare. Sie faltete ihn auseinander.
„Lass die Feder in das Loch schweben!'“ Und wieder darunter: „Danke.“ Daneben ein anderes Gesicht, von grünen Haaren umrahmt.
Wurden sie beobachtet? Woher wusste das Mädchen mit den grünen Haaren, dass sie hierherkommen würde?
Sie kramte die Feder aus der Tasche und hielt sie über das Loch.
„Die ist ja sön, Toni“, rief Arthur, sprang aus der Hocke auf und griff nach der Feder, die Toni reflexartig zurückzog. Im selben Moment wusste sie, dass das ein Fehler gewesen war. Denn Arthur fiel. In das Loch hinein. Und war verschwunden.
Wenn sie nicht so schrecklich fromm erzogen worden wäre, hätte Toni jetzt laut geflucht.
Wie sollte sie das ihren Eltern erklären? Abgesehen davon, dass Arthur sich vielleicht schrecklich verletzt hatte oder gar schlimmeres. Sie sandte ein Stoßgebet zum Himmel. Nun musste sie da runtersteigen, um ihn zu retten. Hoffentlich war das Loch nicht zu tief.
„Arthur?“ rief sie zaghaft.
„Das ist cool, Toni“, hörte sie ihren Bruder rufen. „Komm mal! Hier iss ein Swein.“
„Oh nein“, dachte Toni, „er hat sich den Kopf verletzt.“ Aber immerhin hörte es sich nicht so an, als ob er so tief gefallen war, wie sie befürchtet hatte. Mit einem tiefen Atemzug ließ sie sich in das dunkle Loch gleiten.
Toni fiel und fiel gleichzeitig doch nicht. Irgendwann war sie unten, und hier war es hell. Toni blinzelte.
Sie saß auf einem Haufen welker Blätter, und vor ihr tat sich ein Riss in der Wand auf. Wie konnte das sein?
Sie sah einen von Arthurs roten Turnschuhen und schloss daraus, dass er auf allen Vieren aus der Höhle gekrochen war und nun auf Händen und Knien dort draußen hockte.
Arthur machte Schweinegeräusche nach: „Chrrchrr.“
„Jetzt habe ich auch noch den Verstand verloren“, dachte Toni. Langsam ließ auch sie sich auf alle Viere fallen und krabbelte hinaus. Vertrocknete Blätter raschelten zwischen ihren Fingern. Sie befand sich hinter einem Vorhang aus grünen Blättern. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie aus einem hohlen Baum gekrochen war.
Verwirrt sah sie sich um. „Wenn ich das im Aufsatz schreibe“ dachte sie, „würde Herr Niebrüll wirklich platzen. Von Frau Hirse mal ganz zu schweigen.“
Toni krabbelte ein Stückchen weiter, schob den Vorhang aus Blättern zur Seite und spähte hindurch.
Eine weite Fläche mit grünem Gras und gelben und weißen Blumen breitete sich vor ihr aus. Dazwischen eingestreut wuchsen dichte große Bäume, deren Äste bis auf den Boden reichten. Ein großer Park war das. Doch wo befand er sich? Hatten sie etwa eine geheimnisvolle Abkürzung in eine andere Welt gefunden?
„Jetzt guck doch mal!“ hörte sie Arthurs Stimme hinter sich, „ist das nicht süß? Es heißt Mira.“
Toni verblüffte gar nichts mehr. Tatsächlich hockte ihr Bruder vor einem kleinen Schwein, das seine Flügel auf dem Rücken zusammengefaltet hatte und freundlich grunzte.
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