Fast hätte sie es geschafft, da erklärte die Nachbarin mit erhobener Stimme: „Übrigens, ich habe noch einen Ball von deinem Bruder in meinem Garten gefunden!“
Toni drehte sich zu ihr um: „Äh“, sagte sie, immer noch höflich, „Sie können ihn mir doch vielleicht gleich mitgeben, ich meine, dann müssen wir Sie nachher nicht noch einmal belästigen.“
„Dein Bruder soll ihn doch bitte persönlich abholen.“ Frau Badewasser lächelte süßlich, „oder war er es nicht, der ihn in meine Rosen geworfen hat?“
Toni entschloss sich zu einer Notlüge. „Nee, mein Vater war das, die beiden haben nämlich Fangen geübt.“
Das schien zu wirken, vor Herrn Taubenheimer hatte Frau Badewasser nämlich irgendwie Respekt, vielleicht weil er so seriös aussah, wenn er mit Anzug und Krawatte von der Arbeit kam.
„Nuun“, kam es etwas weniger süßlich zurück, „dann warte mal, ich hole ihn.“
Eine Minute später schloss Toni endlich die Haustür hinter sich, warf Schultasche, Schuhe und Arthurs Ball auf den Boden und lief in ihr Zimmer, um es sich in ihrem Nachdenk-Zelt gemütlich zu machen.
Die Kinderzimmer im Hause Taubenheimer waren schmal gebaut, und daher hatten die beiden Kinder Hochbetten, auf denen sie schliefen. Unter Tonis Bett stand ihr Schreibtisch, und über dem Bett hatte sie sich ein Zelt aus einem weißen feinen Schleier gespannt, auf den bunte Filzschmetterlinge genäht waren. An der Wand hing ein schmales Regal, in dem neben Heinrich, der alten Stoffpuppe, nur einige Bücher standen.
Sie zog ihr Tagebuch aus dem Regal und legte es auf ihre Knie. Tonis Träumereien fanden – wenn auch nicht alle - ihren Platz in diesem Buch, das ihr größter Schatz war (neben ihren Eltern und ihrem Bruder natürlich, überlegte sie), und es gab ein Kapitel mit der Überschrift: „Die blaue Mauer.“ Hier konnte sie jederzeit ihre Vermutungen, was sich hinter dieser befinden mochte, nachlesen. „Doch nun“, dachte sie entschlossen, „nach der Begegnung mit dem grünen Mädchen beginnt ein neues Kapitel.“ Sie überschlug die beiden Seiten mit ihren verwegenen Theorien und blätterte eine neue Seite auf.
Zehn Minuten später riss das Knallen der Haustür sie jäh aus ihren Gedanken.
„Toooniii! Wir sind daa-a!“ brüllte Arthur und rannte in ihr Zimmer.
„Arthur!“ rief ihr Vater, „nicht die Tür so knallen, du Lurch!“
Doch Arthur achtete gar nicht auf ihn und kletterte munter wie ein Äffchen die Leiter zu Toni hinauf.
„Was ist das? Ich will das haben!“ Arthur griff nach dem Tagebuch.
„Hehda!“ rief Toni und zog das Buch rasch weg. Unwirsch schob sie das Tagebuch zurück ins Regal. Nur zwei Sätze hatte sie zu Papier gebracht!
„Wie wäre es mit Malen?“ schlug sie vor.
„Nee, lieber eine Geschichte“, sagte Arthur.
„Geschichten sind für abends“, sagte Toni, die gerade nicht dazu in der Stimmung war, eine Geschichte zu erfinden, wie sie es manchmal tat, wenn ihre Eltern abends ausgingen, „aber wir könnten malen.“
„Bagga?“, fragte ihr kleiner Bruder begierig.
„Meinetwegen auch Bagger“, sagte Toni. Sie gingen in die Küche.
Tonis Vater stand in der Küche und öffnete die Post. „Na, Toni“, murmelte er beiläufig, als seine Kinder den Raum betraten, „ist Mama noch weg?“
„Die ist doch noch beim Arzt“, sagte Toni, „schon vergessen?“
„Achja“, Herr Taubenheimer knisterte mit den Papieren.
Toni malte eine junge Frau mit leuchtend grünen Haaren aufs Papier, Arthur malte bunte Kringel.
„Äh, Toni“, sagte ihr Vater, „könntest du wohl eine Stunde auf Arthur aufpassen? Ich, ähm, ich hatte vergessen, dass Mama beim Arzt ist, und ich habe noch einen Termin.“
„Mmh, ja, klar“, sagte Toni, „wir gehen dann nochmal raus, ok?“
Sofort ließ Arthur seinen Stift fallen und sprang auf: „Ich will zu den Spielplatz mit den großen Auto! Und ich will ein Schokobrötchen!“
Toni ließ sich von ihrem Vater noch einen Euro vierzig geben („Wofür denn das schon wieder?“) und versprach Arthur, zuallererst beim Bäcker vorbeizugehen. „Und dann“, so überlegte sie, „ist er beschäftigt, und ich kann nochmal bei der Mauer vorbeischauen.“
Tonis Plan funktionierte. Damit es schnell ging, packte sie Arthur, der nicht protestierte, in den Buggy, schob ihn ruckzuck zum Bäcker und weiter zur Mauer. Die Tür war wieder fest geschlossen. Nur einige abgerissene Pflanzenstängel wiesen darauf hin, dass sie erst kürzlich geöffnet worden war. Toni stellte den Buggy ab und glitt mit ihren Händen über das Metall der Tür, griff kurzentschlossen nach der Klinke und drückte sie halbherzig nach unten. Ein Zettel, der zwischen Türkante und Mauer eingeklemmt gewesen sein musste, fiel zu Boden. Darauf war ein Gesicht gemalt, ein Gesicht, das von glatten schwarzen Haaren gesäumt war und blaue Augen hatte. Es war Tonis Gesicht.
Hinter der Mauer.
Arthur stand plötzlich neugierig neben ihr.
„Hast du eine Post bekommen?“ fragte er.
Toni hob das Papier auf und faltete es vorsichtig auseinander.
„Wir brauchen die Feder“, stand dort in geschwungenen großen Buchstaben. „Ganz dringend.“
Und darunter: „Bitte.“ Neben dem Bitte war ein Gesicht gemalt, das von grünen Haaren umrahmt wurde. Es lächelte.
„Äh, ja“, antwortete Toni, „Post.“
„Ich will auch eine Post!“ sagte Arthur und griff nach dem Papier. Toni hob schnell den Zettel in die Höhe.
„Und nun?“ überlegte sie, „ich habe sie nicht dabei.
Soll ich sie holen gehen und sie durch den Türspalt schieben? Aber wenn ein anderer sie dann findet? Sie war bestimmt ziemlich wichtig. Oder sollte ich besser hineingehen? Aber ganz alleine? Und wann?“
Arthur bettelte so lange, bis sie ihm den Brief gab. Er sah sich die Buchstaben an und stellte enttäuscht fest, dass es außer den beiden gemalten Gesichtern keine weiteren Bilder gab. Zum Glück fragte er nicht nach dem Mädchen mit den grünen Haaren. Er wollte jetzt nach Hause.
Toni überlegte rasch. Was sollte sie tun? Heute abend konnte sie nicht noch einmal hierherkommen. Sie musste noch ihre Hausaufgaben machen, und außerdem gab es bald Abendbrot. Plötzlich merkte sie, wie hungrig sie war.
Sie beschloss, ebenfalls eine Nachricht zu hinterlassen.
„Morgen“, schrieb sie unter ihr Gesicht, „bestimmt“, und klemmte das Papier in dem Türspalt fest, wo es hoffentlich niemand finden würde außer dem grünhaarigen Mädchen.
Als Toni und Arthur nach Hause kamen, waren ihre Eltern schon da, und ihre Mutter brutzelte gerade ein warmes Abendessen zusammen, das sie alle heißhungrig verspeisten.
Viel später, als Toni schon in ihrem Bett lag, kam ihre Mutter noch einmal in ihr Zimmer.
„Mama?“ fragte Toni, „weißt du, wer hinter der blauen Mauer wohnt?“
„Welche blaue Mauer?“
„Die in der Goldbergstraße, dort wo Enja wohnt. Die mit der Tür.“
„Da wohnt niemand. Aber reingeschaut habe ich natürlich noch nie. Ich glaube, das ist einfach ein verwildertes Grundstück. Frag doch mal Frau Badewasser“, fügte sie schmunzelnd hinzu, „die weiß doch sonst immer alles.“
Toni grinste zurück. Ihre Mutter mochte Frau Badewasser nicht, weil die sich immer darüber aufregte, wie verwahrlost Toni und Arthur angeblich waren, weil ihre Mutter in der Bibliothek arbeitete. Und überhaupt unerzogen. „Ich kenne ja andere Leute mit Kindern in deeem Alter“, pflegte Frau Badewasser mit Betonung zu sagen, „die sind aber ganz anders erzogen. Aber ganz anders.“
Frau Taubenheimer hatte nach anfänglichem Bemühen beschlossen, die Nachbarin großräumig zu ignorieren, doch seitdem machten Toni und ihre Mutter kleine Witze über sie, die Herr Taubenheimer manchmal, wenn sie es zu arg trieben, mit den Worten beendete: „Auch Frau Badewasser wird ihre guten Seiten haben“, denn Herr Taubenheimer hatte die seltene Gabe, an jedem Menschen etwas Gutes zu finden.
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