„Ich versuche es.“
Noel küsste mich. „Du zitterst ja jetzt schon, dabei habe ich noch gar nicht angefangen.“
„Ich habe ein bisschen Angst“, gab ich zu.
„Angst zu haben ist nicht das schlechteste Gefühl.“ Noel beugte sich über mich, hob dabei meinen Schoß an und presste mit beiden Händen meine Hände neben meinen Hüften auf das Bett. „Du willst es wirklich?“
Ich nickte und kämpfte mit den Tränen, denn wenn ich mich vor einem fürchtete, dann waren es Schmerzen.
Als Noel mit einer einzigen Bewegung in mich drang, stöhnte ich qualvoll auf. Kompromisslos drang er tiefer und tiefer, bis ich spitze Schreie ausstieß. Zur Antwort krallten sich Noels Fingernägel in meine Handgelenke. „Pssst, du weckst ja das ganze Haus auf!“, zischte er.
Ich starrte ihn ungläubig an. Ich fühlte, wie meine Haut unter seinen Fingernägeln nachgab und schloss die Augen, um nicht zu schreien und komplett wahnsinnig zu werden. Der Schmerz an meinen Handgelenken war so stark geworden, dass er den in meinem Unterleib überragte. „Du tust mir weh!“, kreischte ich schließlich doch.
„Nina, ich komme gleich, entspanne dich, es tut dann sicher nicht so weh.“
„Ich kann nicht mehr“, wimmerte ich.
„Du kannst!“, befahl er.
Die Schmerzen wurden noch schlimmer. „Bitte hör auf! Ich kann nicht …“, jammerte ich. „Bitte …“
„Hör auf zu heulen! Es bringt nichts.“
„Ich ertrag das so nicht! Lass mich los, ich …“
„Du wirst dich daran gewöhnen, und zwar noch heute Nacht.“
Noels Ausdauer schien unerschöpflich. Ich fühlte nichts als dumpfe Verzweiflung. An Lust war nicht zu denken. Doch ich tat alles, um Noel nicht zu verärgern, denn ich sehnte wenigstens den Moment herbei, in dem er mich danach in den Armen halten, zärtlich meine Lippen küssen, meinen wunden Körper streicheln und tröstend leise Worte flüstern würde. Der Morgen graute schon, als Noel seinen Arm unter meinen Kopf legte und mein Handgelenk umklammerte. Den anderen Arm schlang er um meine Taille und drückte mich an sich. Als er bemerkte, dass ich versuchte mich aus seiner Umarmung zu winden, zog er mich energisch an sich und zischte: „Du wirst lernen müssen, genau das zu tun, was ich dir sage.“ Ich hörte kaum noch, wie er flüsterte: „Teste mich niemals wieder!“
Nur wenige Augenblicke später war ich erschöpft in seinen Armen eingeschlafen und das Zauberwort verlor ein für alle Mal seine Gültigkeit.
***
Ich hatte nur zwei Stunden geschlafen, als der Wecker klingelte. Ich musste zur Arbeit. Vorsichtig befreite ich mich aus Noels Armen. Er schien es zwar zu bemerken, wurde aber nicht richtig wach.
Als ich mich geduscht und angezogen hatte, trank ich eilig noch einen Schluck Orangensaft. Sollte ich einfach gehen und ihn schlafen lassen? Das brachte ich nicht über mich. Ich weckte ihn sanft. „Ich muss zur Arbeit! Bist du noch da, wenn ich zurückkomme?“
„Wie spät ist es?“ murmelte er halb schlafend.
„Fast 7 Uhr“, antwortete ich.
„Du bist verrückt! Zu so einer Zeit steht doch kein vernünftiger Mensch auf! Komm wieder ins Bett!“
Zu gern hätte ich das getan, denn ich war noch unsäglich müde, doch von der Arbeit fernzubleiben konnte ich mir nicht leisten. Es gab zu viele, die mir meinen Job neideten und auf so eine Gelegenheit warteten. „Ich kann nicht!“
„Wenn du jetzt gehst, bin ich nachher weg!“
„Ich kann nicht bleiben!“
„Ruf an und melde dich krank.“
„Nein, das mach ich nicht“, entschied ich.
„Du musst wissen was du tust.“
„Solltest du tatsächlich gehen, dann leg den Wohnungsschlüssel vor der Tür unter den Schuhabstreifer. Wir können uns ja heute Abend im Napoli treffen!“
„Du verstehst wirklich nicht was ich meine – aber gut, belassen wir es dabei, du musst noch viel lernen“, sagte er und schlief schon fast wieder.
Ich ahnte tatsächlich nicht, was daran falsch sein sollte, wenn ich jetzt zur Arbeit ging. Wenn ich es gewusst hätte, wäre ich geblieben und hätte mich tatsächlich krank gemeldet.
Ihn zum Abschied zu küssen wagte ich nicht. Er hatte bisher nicht einmal zugelassen, dass ich ihn von mir aus berührte. So verließ ich das Haus, schwang mich auf mein Mofa und fuhr wie in Trance zur Arbeit. Noel und die Erlebnisse der letzten Nacht gingen mir nicht aus dem Kopf. Doch von den Wechselbädern der Sinne sah ich nur die schönen Augenblicke! Noels zärtliche Berührungen waren wie eingebrannt in meine Erinnerung und allein die Sehnsucht danach brachte mich fast um den Verstand. Das mussten die Empfindungen sein, von denen Laura erzählt hatte! Noch nie zuvor hatte ich so intensiv gefühlt!
Natürlich war ich bei der Arbeit unkonzentriert und konnte kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen.
Endlich war Feierabend! Völlig atemlos stürzte ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf und drückte die Türklinke hinunter – doch es war abgeschlossen! Noel war nicht mehr da. Enttäuscht angelte ich den Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte hervor und schloss auf. Insgeheim wünschte ich, er hätte sich nur irgendwo in der Wohnung versteckt. Aber er hatte nicht auf mich gewartet! Voller Enttäuschung warf ich mich aufs Bett. Sein Duft erfüllte noch die Kissen. Mit geschlossenen Augen sog ich ihn ein. Dann übermannte mich der Schlaf.
Es war fast 22 Uhr, als ich aufwachte. Ich musste unbedingt ins Napoli. Noel würde dort sicher auf mich warten, sagte ich mir. Anders konnte es ja gar nicht sein, sonst wäre er hierher zurückgekommen. Und so schwang ich mich auf mein Mofa und fuhr mit klopfendem Herzen ins Napoli.
***
Es war nicht viel los. Nur Leandro lehnte lässig an der Theke. Noel war nirgendwo zu entdecken.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte Leandro: „War Noel heute schon da?“
„Nein, sollte er?“ Er lächelte. „Bella, ich bin überrascht! Du sprichst ja wieder mit mir! Aber irgendwie siehst du mitgenommen aus! Hattest du eine anstrengende Nacht?“
„Quatsch! Ich hab nur bis vor einer Stunde noch geschlafen!“
„Du hast doch nicht etwa die ganze Nacht mit Noel verbracht?“
„Nerv mich nicht. Das geht dich ja wohl gar nichts mehr an.“
„Bella, du ahnst nicht, auf was du dich da einlässt!“
„Hör auf mit Bella, hör auf mich zu belabern! Bring mir lieber eine Cola!“ Ich ließ ihn stehen und setzte mich ins Separee. Doch Leandro schlich den ganzen Abend um mich herum und baggerte. Er machte sich offensichtlich Hoffnungen, weil ich allein ins Napoli gekommen war. Er nervte!
Ich blieb dort, bis das Lokal schloss. Noel war nicht mehr gekommen! Leandro bot an, mich nach Hause zu fahren, doch ich hätte auch abgelehnt, wenn ich zu Fuß gekommen wäre! Das Thema Leandro war endgültig erledigt!
Ich fuhr nach Hause. Noel wartet dort sicher schon auf mich, dachte ich. Doch noch immer war von ihm keine Spur. Er wird sicher morgen ins Napoli kommen, redete ich mir ein.
Um Noel nicht zu verpassen, verbrachte ich die folgenden Abende im Napoli. Zu Leandros ständiger Anbaggerei musste ich mich auch noch gegen seine Sticheleien zur Wehr setzen. Was ich denn bloß immer mit Noel hätte!
Ich fühlte mich erbärmlich! Außer Noels Vornamen wusste ich nichts von ihm, weder hatte ich seine Adresse noch eine Telefonnummer. Niemand konnte mir weiterhelfen, er schien wie vom Erdboden verschluckt. Entmutigt rief ich Laura an und bat sie, Franco zu fragen. Doch auch der schien seit Tagen unauffindbar.
Was war da los? Hatte mich Noel bereits vergessen, während ich keinen klaren Gedanken vor lauter Sehnsucht nach ihm fassen konnte?
Bisher hatte mich noch kein Mann nach der ersten Nacht verlassen. Immer war ich es gewesen, die Schluss gemacht hatte, doch alle diese Männer verloren an Kontur, denn ich dachte nur noch an Noel. Ich hatte noch nie in meinem Leben Sehnsucht nach einem Mann gehabt, nur weil er zuvor mit mir geschlafen hatte. Doch war ich kopflos vor Verlangen nach diesem Mann, und es war unerträglich!
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