Die Analogie zwischen diesen beiden Disziplinen und deren Terminologie lässt sich fortsetzen. Um Informationen aus einer Datenbank oder dem Internet bzw. Web abzurufen, geben die Nutzer Suchbegriffe in Suchmaschinen wie Google oder Bing ein. Die Suchmaschine liefert dann aus der riesigen Menge vorhandener Informationen die passenden Informationen, Webseiten oder auch multimediale Daten wie Videos zurück, die im Browser angezeigt bzw. abgespielt werden. Alle Informationen und Daten, die im Web vorhanden sind, wurden zuvor von jemandem auf den Servern gespeichert, programmiert oder in kompatible Multimedia-Formate (JPG, WAV, MP3 etc.) konvertiert.
2.3.1 Phasen der Informationsverarbeitung
Analog hierzu werden in der Kognitiven Psychologie, also der Psychologie der Wahrnehmung, Erkenntnis- und Wissensverarbeitung, im Wesentlichen drei Phasen bei der menschlichen Informationsverarbeitung unterschieden: die Enkodierung (engl. encoding), Speicherung (engl. storing) und der Abruf (engl. retrieval).
Bei der Enkodierung von Informationen, die wir Menschen über unsere Sinnesorgane (Auge, Ohren, Nase etc.) wahrnehmen, werden diese in ein internes mentales Repräsentationsformat umgewandelt, das neben der interpretierten Bedeutung auch die relevanten, unmittelbar wahrgenommenen Sinneseindrücke (visuell, akustisch, olfaktorisch etc.) sowie die dabei empfundenen Emotionen umfasst. Diese Repräsentationen sind in der Regel kein 1-zu-1-Abbild der Realität, sondern das Ergebnis subjektiver Interpretation der situativ wahrgenommenen Information.
Die Informationen bzw. deren Repräsentationen werden vorübergehend im Kurzzeit- und schließlich dauerhaft im Langzeitgedächtnis gespeichert. Einige Theorien gehen davon aus, dass die einmal im Langzeitgedächtnis gespeicherte Informationen niemals vergessen, sondern lediglich nicht mehr gefunden werden.
2.3.2 Retrieval Cues
Der Abruf bzw. das Retrieval der im Langzeitgedächtnis gespeicherten Repräsentationen erfolgt über die passenden Informationselemente bzw. Schlüssel (analog zu den Suchbegriffen in der Suchmaschine), den sogenannten Retrieval Cues . In vielen Fällen erweisen sich dabei die sensorischen Elemente der Repräsentationen als besonders effiziente Schlüssel, die eine höhere Erfolgsquote als die interpretierten bzw. semantischen Schlüssel versprechen. Dies liegt u.a. daran, dass die sensorischen Informationen vergleichsweise unverfälscht gespeichert bzw. repräsentiert werden, deren Abgleich mit einem sensorischen Schlüssel also mit weit weniger Interpretationsaufwand und -unschärfe erfolgen kann.
Darüber hinaus werden autobiografische Informationen, also solche mit persönlichem emotionalen Bezug, in der Regel besser erinnert, als neutrale Sachinformationen. So können wir tendenziell eine Liste mit Zahlen schlechter erinnern, als eine Wortliste aus Substantiven, oder aber eine Liste der Möbel in den Räumen unserer Wohnung. Diese Tendenz machen sich Gedächtniskünstler beim Lernen langer Zahlen- oder Begriffslisten zu Nutze, in dem sie diese mental, also vor ihrem inneren Auge, als konkrete Gegenstände visualisieren und in den Räumen ihrer Wohnung platzieren. Bei der Wiedergabe der Listen in der korrekten Reihenfolge ‚gehen‘ die Gehirnakrobaten dann im Geiste durch ihre Wohnung und nennen einfach die Gegenstände, die sie ‚sehen‘.
2.3.3 Reaktivierung und Rekonstruktion
In weiteren psychologischen Theorien werden beim Retrieval bzw. Erinnern zusätzliche Teilphasen unterschieden: Zugriff (access), Auswahl (selection) und Reaktivierung (reactivation) bzw. Rekonstruktion (reconstruction) der gespeicherten internen Repräsentationen. Besonders die Reaktivierung und die teilweise erneut subjektiv und situativ geprägte Rekonstruktion der vergangenen Situation kann zu den gleichen neuronalen Erregungsmustern im Gehirn führen, wie in der ursprünglichen Situation selbst, so dass der erinnernde Mensch die damalige Situation quasi erneut durchlebt, mitsamt den Emotionen und deren Komponenten, wie den oben beschriebenen körperlichen und sozialen Reaktionen.
Zur Vertiefung der Ansätze und Theorien rund um das Thema Emotionales Gedächtnis sei der Überblicksartikel „Retrieval of Emotional Memories“ von Tony W. Buchanan empfohlen (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2265099, 23.11.14). Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch auf der Erforschung des Einflusses von Emotionen auf den Prozess der Enkodierung und des Retrievals. Bei der MAER-Methode steht dagegen der Abruf bzw. das erneute Erleben der mit den Informationsrepräsentationen enkodierten und gespeicherten Emotionen über sensorische bzw. modale Retrieval Cues im Vordergrund.
2.4 “M” wie …
Bei der Erläuterung des vorangestellten Buchstaben “M”, der aus dem theoretischen AER-Ansatz die praktisch umsetzbare MAER-Methode macht, bildet der gewählte Begriff “Medien-gestützt” (media-supported) einen Mittelweg, die Methodik angemessen einzugrenzen und zugleich flexibel zu halten.
2.4.1 Multimodal
Die vom Menschen wahrgenommen sensorischen Ereignisse, die den Auftakt im Lebenszyklus einer Emotion bilden, werden über verschiedene Sinnesorgane erfasst, als sogenannte Sinnesmodalitäten. Klassischerweise werden fünf Sinne, Sinnesmodalitäten und -organe unterschieden:
Hören (auditiv): Ohren
Sehen (visuell): Augen
Fühlen (haptisch): Haut
Riechen (olfaktorisch): Nase
Schmecken (gustatorisch): Zunge
Die moderne Wahrnehmungspsychologie und –physiologie differenziert die Sinnesmodalitäten weiter. So wird z.B. bei der haptischen Wahrnehmung als Tastsinn im Allgemeinen zwischen den äußeren taktilen Wahrnehmungen für Berührung, Druck, Temperatur und Schmerz v.a. über die Haut sowie den inneren propriozeptorischen Wahrnehmungen für Körperlage, Kraft und Bewegung v.a. über Muskeln und Gelenke unterschieden. Dem Gehörsinn wird zudem der Gleichgewichtssinn zugeordnet, aufgrund der Lage des Gleichgewichtsorgans (Vestibularapparat) im Innenohr (http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung, 06.12.14).
Die Wahrnehmung eines Ereignisses erfolgt in der Regel nicht nur über ein einzelnes Sinnesorgan, sondern über mehrere zugleich, ist also multimodal. Entsprechend erfolgt auch das Abspeichern der inneren Repräsentation des Ereignisses im Langzeitgedächtnis in der Regel multimodal. Denken Sie beispielsweise an Ihren ersten Sprung vom Fünfmeterturm im Schwimmbad, die Offroad-Fahrt oder das Kitesurfing im letzten Sommerurlaub. Eventuell ‚hören‘ Sie noch das Rauschen des Windes und ‚spüren‘ die enorme Beschleunigung? Vielleicht haben auch gerade diese Sinneseindrücke das vergangene autobiografische Erlebnis und die damit verbundene Emotion ausgemacht?
Die modalen Eigenschaften bzw. Elemente der im Langzeitgedächtnis gespeicherten Repräsentationen eines vergangenen autobiografischen Erlebnisses bilden starke und effiziente Retrieval Cues zum Abruf der Erinnerungen und der damit verbundenen Emotionen. Nicht umsonst setzen moderne Warenhäuser im Rahmen ihrer Verkaufspsychologie gezielt Gerüche, Verkostungen und Produktmuster ein, um Assoziationen und Stimmungen beim Kunden hervorzurufen, die zum Kaufen anregen sollen.
2.4.2 Multimedial
Um die im Langzeitgedächtnis gespeicherten Repräsentationen vergangener Erlebnisse anhand ihrer multimodalen sensorischen Schlüssel abzurufen, können die auslösenden physikalischen Situationen bzw. Stimulationen entweder aufwendig nachgestellt oder aber mit Hilfe entsprechender Medien reproduziert bzw. simuliert werden. Je nach modalem Sinnesreiz kann der Aufwand hierfür extrem variieren. So ist es wesentlich aufwendiger, z.B. an einem trüben Herbsttag die Erinnerung an den Surf-Kurs im letzten Sommerurlaub anhand eines Indoor-Wellenbads physikalisch nachzubauen, als einfach den Sommerhit aus diesem Urlaub einzuspielen. Auch die Simulation der Wellenbewegungen durch hydraulische Apparate, des salzigen Geschmacks oder des Geruchs des Meerwassers durch abenteuerliche Stimulatoren erscheint ungleich aufwendiger, wenn nicht gar unmöglich.
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