Sophie starrte den Jungen an, fassungslos, vor Schreck wie versteinert. Und als sie endlich begriffen hatte, was sie da sah, wen sie da sah, spürte sie, wie ihr Herz stehen blieb: Es schmerzte nicht, es beschleunigte sich nicht, es hörte einfach auf zu schlagen, von einer Sekunde zur anderen. Sophie griff sich an die Brust, schnappte erschrocken nach Luft – dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie sackte bewusstlos in sich zusammen.
Als Sophie erwachte, war es immer noch Nacht. Die stille Dunkelheit wurde von einem einzelnen Licht gestört – ein warmer, ruhiger Schein, anders als das flackernde Neonlicht der Leuchtstoffröhren in der Fabrikhalle. Sie öffnete die Augen und sah nach oben. Nein, das war nicht die staubgraue, feuchte Betondecke, sondern eine saubere, weiß getünchte Wand. Sophie richtete sich auf und sah, dass man sie auf einem Bett mit weicher Matratze und dicken Kissen ablegt hatte. Lange Vorhänge bewegten sich vor einem weit geöffneten Fenster im warmen Nachtwind und machten schleppende Geräusche auf dem Boden, das Licht kam von einer verschnörkelten Glaslampe auf dem Nachttisch.
Sophie schwang die Beine über den Rand des Bettes und stand auf, musste aber sofort Halt am Bettpfosten suchen: Sie fühlte sich schwach, ihr Kopf schwirrte. Eine Nachwirkung der Ohnmacht, oder war sie etwa krank? Drei Nächte hatte sie auf dem eisigen Boden der Fabrikhalle geschlafen, vielleicht war sie erkältet und fieberte. Hatte sie nicht sogar geglaubt, Julian gesehen zu haben? Hatte sie sein Gesicht nicht auf das dieses zweiten Fremden gestülpt? Gesund klang das nicht, eher nach Halluzinationen – entweder also Fieber, oder sie wurde langsam verrückt.
Sophie ließ einen längeren Blick durch den Raum schweifen. Außer dem Bett gab es eine Kommode, einen Schreibtisch mit vielen Schubladen sowie einen Stuhl, über Letzterem hing ihre Lederjacke. Wie in einem Krankenhaus oder Hotel sah das Zimmer nicht aus, denn es befanden sich einige persönliche Dinge darin: Auf dem Sekretär standen ordentlich aufgereiht Bücher hinter einer kleinen Sammlung Muscheln und Parfümflakons. Über der Kommode hing ein Bild, an einem Wandhaken luftige Tücher. Die Möbel wirkten zart und zerbrechlich, gemacht aus weiß lackiertem Holz – ein Mädchenzimmer, das bewiesen auch die drei Porzellan-Puppen, die am Fußende des Bettes saßen und mit matten Kulleraugen ins Nirgendwo starrten.
Sophies Aufmerksamkeit kehrte zu dem Bild zurück – und sie erschrak, als sie darauf das Mädchen erkannte, dessen Porträt ihr der seltsame Fremde in der Fabrik gezeigt hatte. Ja, das war wiederum sie selbst mit dieser kunstvollen Flechtfrisur! Jünger als heute, vielleicht vierzehn, etwas molliger auch, aber dennoch: unverwechselbar! Neben ihr stand ein großer, dunkelhaariger Junge von etwa sechzehn, den sie noch nie gesehen hatte, sowie eine unbekannte Frau – und Gin'Sah. Sophie starrte auf das Gesicht des Mannes, dann erneut auf das Mädchen. Der Pinselstrich war fein, das Gemälde fast so realistisch wie eine Fotografie, daher gab es keinen Zweifel: Hier hing ein Bild, auf dem eine jüngere Ausgabe von ihr selbst abgebildet war, im Kreise einer völlig falschen Familie. Und dieses Bildnis befand sich in einem Zimmer, das einem Mädchen zu gehören schien. Einem toten Mädchen? Diesem toten Mädchen?
Sophie schwindelte erneut, wusste jedoch dieses Mal ganz genau, woher diese Schwäche rührte – von einem klammen Gefühl in ihrem Magen, das nichts anderes war als Angst. Sie schlich zu der nur angelehnten Tür und spähte hinaus: ein halbdunkler Flur, von dem weitere Räume abgingen. Etwas klapperte, und als Gin'Sah aus einem der Durchgänge trat, huschte Sophie zurück hinter die Tür und presste sich an die Wand. Sie hielt die Luft an, hörte ihr Herz wummern – und die Schritte des Mannes in einem anderen Zimmer verschwinden. Sie wartete eine Minute, bis sie sich rührte, doch die fühlte sich an wie ein ganzes Jahr: mit einem heißen Sommer, der ihr Schweißperlen auf die Stirn trieb, und einem kalten Winter, der ihr Schauer über den Rücken jagte. Hatte dieser Typ sie aus der Fabrik entführt? Den wachsamen Augen von Johnny entrissen, als sie ohnmächtig gewesen war? Alles wies darauf hin. Und scheinbar hatte er sie mitgenommen zu sich nach Hause – in das Zimmer, in dem seine tote Tochter gelebt hatte, der Sophie zum Verwechseln ähnlich sah. Oh Gott, das war nicht gut!
Sophie fröstelte erneut, und in ihrem Kopf gab es nun nur noch einen einzigen Gedanken: Nichts wie weg! Sie riss die Lederjacke vom Stuhl, die ihr so kostbar war, weil Julian sie nur wenige Tage vor seinem Tod in ihrem Zimmer vergessen hatte, schlüpfte hinein und registrierte wie schon so oft erst verwundert, dann glücklich, dass sie noch immer nach ihm duftete. Sie schlich zum Fenster, lehnte sich hinaus und erblickte eine schmale, unbekannte Straße, gepflastert mit Steinplatten, gesäumt von flachen Häusern und altmodischen Laternen mit mildem Licht.
Sie befand sich im Erdgeschoss, und bevor sie nachgedacht oder gar einen Plan geschmiedet hatte, war Sophie schon durch das Fenster geklettert. Sie landete in einem Blumenbeet, und als trockene Erde zwischen ihren Zehen kitzelte, bemerkte sie, dass Gin'Sah ihr die Stiefel ausgezogen hatte. Doch die Nacht war warm, und sie würde hoffentlich Hilfe finden, bevor sie sich Blasen lief. Ja, Hilfe war das richtige Stichwort! Sie brauchte jede, die sie bekommen konnte, denn sie war entführt worden. Von einem Fremden, der einen Ersatz für seine tote Tochter suchte und irgendeiner Sekte angehörte, wenn Sophie seine komische Kleidung und dieses Gerede von Tränken und Konstellationen richtig deutete.
Ihre Augen irrten die Straße hinauf und hinunter. Kein Mensch zu sehen, verlassen und still, die Fenster der anderen Häuser waren dunkel. Kein Wunder, es war mitten in der Nacht, und ... Moment! Sophie erstarrte, als sie wenige Meter entfernt etwas wahrnahm, verborgen in einer Nische: ein schneller Wischer von einer Bewegung, wie der Flügel eines Vogels. Sie kniff die Augen zusammen. Nein, kein Vogel – ein Stück Stoff flatterte dort im Nachtwind, nicht weiß, aber dennoch hell, vielleicht beige. Oder hellbraun?
»Julian«, flüsterte sie in Erinnerung an das Gewand, das der zweite Fremde getragen hatte, stieß sich von der Mauer ab und ging zögernd auf die Gestalt zu. Auch diese löste sich aus ihrem Schatten und machte ein paar Schritte – doch in die falsche Richtung, nämlich weg von Sophie.
»Julian!«
Sie rannte los. Ihre nackten Füße patschten auf die Steine, als sie der eilig entschwindenden Silhouette folgte, ihre Gedanken wirbelten ebenso rasch auf und ab wie ihre Beine. War es doch keine Halluzination gewesen, als sie in der Fabrik geglaubt hatte, Julian zu erkennen? War er es wirklich? Wenn er es war, warum hatte er sich versteckt? Warum lief er vor ihr weg? Vor allem aber: Warum war er hier, warum war er nicht tot?
»Julian!«
Er bog mit wehenden Gewändern um eine Ecke, Sophie spürte ihre Fußsohlen brennen, als sie auf den rauen Steinplatten scharf in die Kurve ging. Diese Abbiegung, noch eine und noch eine, von einer menschenleeren Gasse in die nächste, die immer gleichen nachtschlafenden Häuschen links und rechts: Der Umhang flatterte wie ein Banner vor ihr im Wind, der Abstand wurde groß und größer.
»Julian! Warte doch!«
Sophie hörte selbst, wie bettelnd ihre Stimme klang, doch die Gestalt reagierte nicht: Sie lief und lief und lief, in einem unglaublichen Tempo, als flögen ihre Füße über den Boden, als gebe es kein Gewicht, keinen Körper, den es vorwärts zu tragen galt. Sophie fiel Meter um Meter zurück, obwohl sie so schnell rannte, wie sie konnte – und als sie um die nächste Ecke bog, war Julian verschwunden.
Sophie eilte dennoch die Straße hinunter, spähte in die Gassen, die von ihr abgingen, wie auch in die Eingänge der Häuser. Und flüsterte dabei seinen Namen, als könnte sie Julian so hervorlocken. Vergeblich, verlassen und dunkel gähnten ihr Hauseingänge und Abzweigungen entgegen. Sie lief aus und presste sich eine Hand in die stechende Seite: verdammter Mist! Mist, Mist, Mist! Sie richtete sich auf, atmete tief ein – und gab einen kleinen, spitzen Schrei von sich, als eine Bewegung in ihrem Augenwinkel sie zusammenschrecken ließ. Sophie fuhr herum, und vor ihr stand Julian: Mit einem Gesicht, das nicht glühte von der Jagd, sondern noch immer so blass und kühl war, wie sie es in Erinnerung hatte. Aus dem Sarg, am Tag seiner Beerdigung. Ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle, das sie selbst nicht einordnen konnte: Schrecken? Überraschung? Freude? Sie machte zwei, drei Schritte auf Julian zu, wollte ihm um den Hals fallen, ihn an sich drücken, sich davon überzeugen, dass sie nicht träumte, nicht völlig durchgeknallt war – doch er wich zurück. Rascher und geschmeidiger, als Sophie es jemals bei einem Menschen gesehen hatte, mit abwehrend erhobenen Armen.
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