1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Als etwas mehr als die Hälfte der Prozedur überstanden war, sprang unvermittelt eine junge Frau in nur fünf Metern Entfernung aus der Reihe hervor. „Du Mörder hast ihn umgebracht!“, schrie sie hysterisch und wollte sich auf Sedat stürzen. Im gleichen Moment schrie eine Frau direkt daneben: „Elifa – NEIN!“ Sie versuchte noch, das Mädchen am Arm zurückzuhalten, doch sie griff ins Leere. Die Leibwächter des Scheichs, die nach wie vor mit Argusaugen das Leben ihres Anführers bewachten, hatten so schnell ihre Waffen in Anschlag gebracht, dass Elifa keinen Schritt weit gekommen wäre. Doch Sedat war schneller. Ihm war klar, dass die Furie lediglich mit Fingernägeln bewaffnet war, und er wollte kein weiteres Blutvergießen. Mit einem Handzeichen hielt er seine Männer zurück. Dann stand er mit einer raschen Bewegung auf und glitt leichtfüßig zur Seite, sodass die junge Frau seitlich an ihm vorbeistolperte. So schnell, dass es kaum sichtbar war, versetzte der Scheich ihr zwei derbe Faustschläge in Unterbauch und Magen. Lautlos sank Elifa in sich zusammen.
„Bringt sie weg“, befahl Sedat ärgerlich. Zwei seiner Krieger schleppten die Bewusstlose hinüber zu den verbliebenen Verletzten, wo sie sie nicht gerade sanft ablegten. Es war auch ohne Worte klar, dass sie keinen Eid mehr leisten würde. Aber offensichtlich hatte sie das ohnehin nie vorgehabt. Wie es aussah, hatte sie sich nur in die Schlange eingereiht, um nahe an Sedat heranzukommen. Schluchzend verließ daraufhin die zweite, etwas ältere Frau die Reihe der Wartenden und beugte sich über das Mädchen. Da sie eine ähnliche Statur hatte, vermutete Sedat, dass es sich um ihre Mutter handelte. Als etwa eine halbe Stunde später ein älterer Mann als letzter die traditionellen Worte aufgesagt hatte, atmete der Scheich erleichtert auf. Er hatte mit mehr Gegenwehr und weiteren Anschlägen gerechnet. Vielleicht waren auch die Rebellen des Kampfes müde geworden.
Als dann noch ein Mann namens Zadre zu ihm kam, um ihm ein ungewöhnliches Angebot für sich und seine Anhänger zu machen, fragte sich der Scheich, ob Allah ihn vielleicht doch noch nicht aufgegeben hatte.
14. Mai 2016 – Rabea Akbar: Stadt – Todesgefahr
„Deckung!“, hörte Rayan Hanif rufen und dann traf ihn etwas Schweres von hinten und warf ihn zu Boden. In einer ersten verwirrten Schrecksekunde dachte der Scheich, es sei einer der Angreifer, der ihn gepackt hatte, doch dann realisierte er, dass sich sein Bruder über ihn geworfen hatte, um ihn zu schützen. Jemand hatte auf sie geschossen! Derjenige hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, einen Schalldämpfer zu benutzen. Er rief sich ihre Umgebung ins Gedächtnis und erkannte die Gefahr, in der sie schwebten. Sein Körper setzte Adrenalin frei, welches bewirkte, dass sich der Nebel in seinem Gehirn schlagartig auflöste und seine Kopfschmerzen vergessen waren. Nun gab es nur noch eines: Raus aus der Schusslinie. In diesem Moment krachte laut Jassims Pistole direkt neben ihm. Gut so! Das zwang ihre Gegner in Deckung und verschaffte ihnen Luft. „Wir müssen hier weg“, zischte Rayan, doch er merkte sofort, dass Hanif nicht reagierte. Schrecken durchfuhr ihn, als er sich unter seinem Freund, den er wie einen Bruder ansah, herausgewunden hatte und das Blut auf dessen Kleidung sah. „Nicht noch einmal!“, durchschoss es sein Hirn. „Oh Allah! Bitte lass es nicht enden wie bei Ibrahim!“
Doch der Scheich war professionell genug, dass er sich durch die Sorge um seinen treuen Freund und Bruder nicht lähmen ließ. Entschlossen packte er den leblosen Körper unter den Achselhöhlen und zog ihn von der engen Gasse in den nächstgelegenen Hauseingang. Er fluchte, dass das Tor verschlossen war, doch erneut war Jassim zur Stelle, der ihm dichtauf gefolgt war. Rayans Leibwächter schoss kurzerhand die Tür auf. Dahinter lag ein Innenhof, der vermutlich zu einem Wohnhaus gehörte. Nachdem sie vom grellen Sonnenlicht draußen noch geblendet waren, erkannte Rayan im Schatten des kleinen Karrees nur Umrisse. Trotzdem machte er sich sofort daran, die Verletzungen seines Freundes zu untersuchen. Rayan tastete nach Hanifs Puls – nichts!
Nun zahlte sich aus, dass der Scheich bereits von Kindesbeinen an in allerlei Kampfstrategien ausgebildet worden war und auch weiterhin noch täglich trainierte: Er spürte, wie er ruhig wurde. Jetzt war keine Zeit für Gefühle, denn nun galt es, keine Sekunde mehr zu verlieren! Sein erster Impuls war es, sofort mit der Reanimierung Hanifs zu beginnen, doch er musste sich erst sicher sein, was der Grund für den Herzstillstand war. Er legte den Körper seines Freundes flach auf den Boden und begann mit seiner Untersuchung. Dabei überließ Rayan die Verteidigung ihrer Stellung vollständig Jassim. Er selbst hatte es für besser gehalten, seine Pistole und selbst seine Wurfmesser in seinem angeschlagenen Zustand in seiner Tasche zu lassen, die Jassim getragen hatte und die nun draußen vor dem Haus in der Gasse lag. Das bedeutete, dass er ohnehin nicht in den Schusswechsel eingreifen konnte.
Rayan erkannte, dass die Kugel in Hanifs Lunge eingedrungen war. Diese Verletzung hatte dazu geführt, dass das Organ in sich zusammengefallen war. Somit konnte zwar über die Brustwandverletzung Atemluft in Hanifs Körper eindringen, kam jedoch nicht mehr heraus. Der dadurch entstehende Druck bewirkte, dass die Hohlvene, durch die der Blutrückfluss zum Herzen erfolgte, beständig mehr gequetscht wurde – eine lebensbedrohliche Situation. Er musste sofort eine Entlastung schaffen!
Während Jassim den Kampf gegen einen unbekannten Gegner und seine Kugeln übernahm, rang Rayan um das Leben seines Bruders.
17. Mai 2016 – Alessia – Recherchen am Tatort
Als erstes hielt Faris am massiven Eisentor, das die Einfahrt zu Leilas Grundstück sicherte. Die nach wie vor dort postierten Wachposten ließen ihn mit seinem Dienstfahrzeug einfahren, nachdem sie seinen Ausweis geprüft hatten, obwohl sie ihn inzwischen vom Sehen kennen mussten. Der Kommissar sah seine Meinung über die Ausbildung dieser Leute erneut bestätig: Es waren gut trainierte Profis, denen man nicht so leicht ein X für ein U vormachte.
Er hatte wieder den von ihm bevorzugten SUV mit Blaulicht und der Aufschrift Polizei als Fahrzeug gewählt, weil es in vielen Situationen so viel einfacher war, gleich auf den ersten Blick als Polizist erkannt zu werden. Wenige Meter nachdem er das Haupttor durchquert hatte, lenkte er das Fahrzeug von der breiten Auffahrt zum Herrenhaus an die Seite, hielt an und stieg aus. Dann sah er versonnen auf den Eingangsbereich und ließ die Ereignisse rund um den Dreifachmord, soweit er sie ermittelt hatte, Revue passieren. Die Wachposten beobachteten ihn zwar aufmerksam, ließen ihn jedoch gewähren, ohne ihn noch einmal zu behelligen. Faris ließ seinen Blick über jedes kleine Detail streifen und stellte sich dabei vor, wie der Lkw der Transportfirma am Tor angehalten hatte. Die Papiere waren akribisch kontrolliert worden. Doch sie waren echt, weshalb hier kein Verdacht hatte aufkommen können. Tatsächlich gab es eine Lieferung aus Zarifa, die den Sicherheitsleuten ordnungsgemäß angemeldet worden war. Die Sicherheitsvorkehrungen waren sogar so weit gegangen, dass sich die Männer am Eingang telefonisch hatten bestätigen lassen, dass der Absender aus Zarifa kam.
Faris wusste nicht, wer Leila etwas hatte senden wollen, doch er vermutete, dass es sich um Herrn Hanif, den Verlobten der Ermordeten handelte. Was niemand hatte ahnen können: Der Mitarbeiter der Transportfirma, der noch immer untergetaucht war, hatte die echte Ware verschwinden lassen. Im Firmensystem hatte er lediglich die Maße der Lieferung anpassen müssen, denn die eigentliche Sendung war viel kleiner gewesen. Die falsche Kiste musste jedoch groß genug sein, um einen ausgewachsenen Mann zu beherbergen. Die fachgerechte Überprüfung der Sendungspapiere hatte also niemanden misstrauisch gemacht. Auch die anderen Sicherheitsvorkehrungen waren gut und routiniert durchgeführt worden: Die Ladefläche wurde auf eventuelle Eindringlinge untersucht, und selbst unter dem Lkw hatten die aufmerksamen Tarmanen, die Leilas Grundstück bewachten, nachgesehen. Dann erst hatte man das Tor geöffnet und hatte den 7,5-Tonner einfahren lassen.
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