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Haben Sie eigentlich Philosophie studiert? Oder woher haben Sie die Kenntnisse, die Sie an die jungen Mädchen weitergeben?“ Es klang (obwohl es nicht so gemeint war) wie ein Vorwurf. Wie die Frage eines Richters, der eine Geschichte nicht glauben kann, nicht glauben will.
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Jetzt machst Du Dich über mich lustig. Du gehörst doch nicht etwa zu denjenigen, die an unser Ausbildungssystem glauben? Oder denkst Du im Ernst, dass man nur in einer Universität etwas lernen kann? Sag mir: wie viele Bücher stehen in Deinem Regal? Hast Du schon mal in Betracht gezogen, dass Wissen in Büchern zu finden sein könnte? Bücher, die man ganz alleine lesen kann. Auf der Couch und nicht im Hörsaal. Bücher, die man in einer Buchhandlung kaufen kann, ohne seinen Studentenausweis vorzuzeigen.“
Der Anhalter schämte sich. Er glaubte sicher nicht an das Ausbildungssystem. Vor zehn Tagen hatte man ihn von der Schule geworfen. Wegen mangelnder Leistungsbereitschaft und einigen anderen Kleinigkeiten. Aber seine Geschichte wollte er hier nicht erzählen. Dafür war er viel zu interessiert am rätselhaften Ehrenamt des Alten. So fragte er ihn, wie die erste Unterrichtsstunde aussehe. Wie er in das weite Feld der Philosophie eindrang.
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Der Anfang ist schnell gemacht. Ich gebe den Mädchen einen Zettel, mit lediglich zwei Fragen, und bitte sie darum, diese Fragen ehrlich zu beantworten. Alles andere ergibt sich aus den Antworten.“
Für einige Augenblicke schwieg der Alte. Drei oder viermal zog er in dieser Zeit an seiner rot glühenden Zigarette. Dann fuhr er fort.
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Wovor hast Du Angst? Was erhoffst Du Dir für den morgigen Tag?“
Erneut gab es eine kurze Rauchpause.
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Eine siebzehnjährige Polin gab mir einmal folgende Antwort: Vor jedem neuen Tag . Mehr hatte sie nicht gesagt. Dieser eine Satz schien ihr ausreichend, um ihr ganzes Dasein zu schildern, und all ihren Hoffnungen Ausdruck zu verleihen. Sie hatte keine. Sie hoffte nicht mehr.“
Der Alte schwieg und schien bedrückt. Alles Glück war aus seinen Augen verschwunden. Im Hals des Anhalters: ein Frosch. Nur Hans Söllner durchbrach mit seiner Stimme den Nebel aus Rauch und Stille.
Heut‘ Nacht gehts um dei Seele
Heut‘ Nacht gehts net um dein' Verstand
Mehr konnte er nicht verstehen, weil der Alte das Fenster aufgemacht hatte, und der Straßenlärm nun die Musik übertönte. Langsam rollte der Scirocco die letzten Meter Richtung Bahnhof. Am Taxi-Stand verabschiedeten sich die Rauchgenossen voneinander. Der Anhalter blickte dem davon fahrenden Scirocco nach. Schnell verschwand er irgendwo in der endlosen Lawine bunten Blechs.
Die Geschichte von der jungen Polin lag ihm noch bleischwer im Magen, als er sich in einer kleinen Bäckerei im riesigen Bahnhofsgebäude einen Milchkaffee kaufte.
Noch nie war er bei einer Prostituierten gewesen. Das erleichterte ihn etwas. Aber allein daran zu denken, wie oft er es sich vorgestellt hatte, machte ihn irgendwie zu einem Schuldigen. Zu einem Sünder. Seine katholische Erziehung hing immer noch an ihm wie ein schwerer Stein, den man ihm mit einem Seil ans Bein gebunden hatte. Und immer die Angst, dass ihn jemand ins Wasser schubsen könnte.
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